Discussion:
Tiamat Verlag verbietet link auf einem Internetseminar
(too old to reply)
Till Nikolaus von Heiseler
2005-08-15 04:59:17 UTC
Permalink
Tiamat Verlag verbietet link auf einem Internetseminar
250.000 Euro für einen link

In unserem Internetseminar (www.wmg-seminar.de), das wir in Zusammenarbeit
mit der Freien Universität Berlin, der Humboldt Universität Berlin und der Universität
der Künste Berlin durchführen, haben wir uns bemüht, einige Texte den Studenten
zugänglich zu machen. In einen Fall haben wir einen Link auf eine Seite eines Dritten
gesetzt, auf dem der Text "Die Gesellschaft des Spektakels" von Guy Debord
herunterzuladen war. Vom Tiamat Verlag (Grimmstr. 26, 10967 Berlin) vertreten durch
Klaus Bittermann, der nach eigenen Angaben Rechteinhaber des betreffenden Textes
ist, bekamen wir nun eine email, dass wir den Text von der Homepage herunterzunehmen
hätten. Da wir ihn aber gar nicht hochgeladen hatten, konnten wir ihn auch nicht herunter
nehmen. Stattdessen machten wir ihn zunächst einmal darauf aufmerksam, dass es sich
hier um ein akademisches Seminar handle, in dem es ja auch üblich sei, Texte zu kopieren.

Klaus Bittermann: es ist mir ziemlich egal, ob es sich bei Ihrer Seite um ein akademisches
Seminar handelt. Die Seite steht im Internet und ist deshalb allen und nicht nur
Studenten zugänglich. Und "in diesem Kontext" "Studenten Texte zugänglich zu
machen" ist nicht "durchaus üblich", sondern illegal, d.h. juristisch handelt es
sich um eine Urheberrechtsverletzung. Und damit einem solche dummen Fehler
nicht unterlaufen, erkundigt man sich vorher, wo die Rechte liegen. Wenn man
selber nicht in der Lage ist zu bibliographieren, kann man auch in eine
Buchhandlung gehen und sich nach diesem Titel erkundigen. (...)

Klaus Bittermann
P.S. Was studiert man eigentlich als Medienwissenschaftler?

Wir erklärten Herrn Bittermann, dass man als Medienwissenschaftler beispielsweise die
Aufgabe habe, auf den Unterschied von Urheberrecht und Copyright hinzuweisen und
dass man als Urheberrecht das Recht eines Urhebers an seinem Werk bezeichnet, welches
unveräußerbar sei und deshalb auch nicht bei einem Verlag liegen könne.

Daraufhin bekamen wir eine einstweilige Verfügung, in der uns eine Strafe von 250.000
(Zweihundertfünfzigtausend) Euro Strafe oder eine Haftstrafe bis zu sechs Monaten
angedroht wurde: „Der Antraggegnerin wird im Wege der einstweiligen Verfügung (...)
untersagt, auf der Internetseite www.wmg-seminar.de einen Link zu dem Buch des Autors
Guy Debord mit dem Titel „Die Gesellschaft des Spektakels“ zu unterhalten und/oder zu setzen (...).

Das Kosten des Verfahrens hätten wir zu tragen. Streitwert: 50.000 Euro.

Ich möchte diesen Vorfall zum Anlass nehmen, noch einmal auf die Frage des Copyrights
zurückzukommen und einerseits die Zweckmäßigkeiten und andererseits die Rechtslage
zu diskutieren.

Was ist eigentlich aus eurer (Inke A., Florian C. ) Totenkopf-Publikation geworden? Habt
ihr auch geklagt oder findet ihr die Veröffentlichung nun doch eher schmeichelhaft? Oder
habt ihr einfach gar nichts gemacht? Ich habe gehört, dass für die Texte zu einem früheren
Zeitpunkt schon einmal Gelder geflossen sind, oder sind das Gerüchte? Kann man für die
Anbringung eines Links tatsächlich haftbar gemacht werden, wenn der Link das Copyright verletzt?

In Hoffnung auf eine fruchtbare Diskussion,
Glück zu allen!
till nvh

_________________________________________________________________________
Mit der Gruppen-SMS von WEB.DE FreeMail können Sie eine SMS an alle
Freunde gleichzeitig schicken: http://freemail.web.de/features/?mc=021179
Inke Arns
2005-08-15 05:54:05 UTC
Permalink
Hallo Till,

die Faelle sich doch echt nicht miteinander zu vergleichen.

>Was ist eigentlich aus eurer (Inke A., Florian
>C. ) Totenkopf-Publikation geworden? Habt
>ihr auch geklagt oder findet ihr die
>Veröffentlichung nun doch eher schmeichelhaft?

fuer mich gab es die Alternative: Entweder
Rechtsanwalt einschalten oder Oeffentlichkeit
generieren; habe ich fuer letzteres entschieden
(es gab ja auch einen Kommentar in der
Sueddeutschen Zeitung und einen laengeren Beitrag
im Falter/Wien).

Schmeichelhaft? Wieso schmeichelhaft? Eher
peinlich - fuer die Kuratoren und die Institution.

Da eignen sich so ein paar Pseudo-Anarchos mit
einer sicheren Institution im Ruecken Texte von
anderen Leuten an, lassen deren Namen weg (mit
der Begruendung, wenn die Autoren bezahlt worden
waeren, haette die - unter uns gesagt: sauteure -
Publikation nicht erscheinen koennen) und
schreiben auch noch irgendwo ihre eigenen
Kuratoren- und Institutionsnamen drauf (was die
Institution Lentos mit dem oesterreichischen
Pressegesetz begruendet - und damit, dass sie
ihren Geldgebern nachweisen muesse, wohin die
Gelder fliessen). Waere die Publikation komplett
anonym erscheinen und frei verteilt worden, waere
wahrscheinlich gar keine Aufregung entstanden -
und es waere eine wenn nicht umwerfende, so
zumindest doch einigermassen konsequente Sache
draus geworden. Ach ja, und die Kuenstlernamen
haette man auch weglassen muessen (ging aber
nicht, da man sich im Kunstkontext bewegt und
sich natuerlich dieses symbolischen Kapitals
bedienen muss).

Gegenwaertig ist die Publikation (immer noch) nur
karrieristische Pose von ein paar Diskurs-Surfern.

>Oder
>habt ihr einfach gar nichts gemacht? Ich habe
>gehört, dass für die Texte zu einem früheren
>Zeitpunkt schon einmal Gelder geflossen sind, oder sind das Gerüchte?

Wieso Geruechte? Manchmal werden AutorInnen auch
fuer Ihre Texte bezahlt, hoert man. Was meinen
Text angeht, ist der 2003 fuer Kokerei Zollverein
in Essen entstanden und auch von dort bezahlt
worden. Das umfasst aber nicht das Recht, den
Text ungefragt und ohne Nennung des
Autorinnennamens wiederabzudrucken. Stichwort
Plagiat.

Interessant ist uebrigens, dass der Verlag
(edition selene, Wien) Werbung mit den Namen der
ungenannten AutorInnen gemacht hat.

>Kann man für die
>Anbringung eines Links tatsächlich haftbar
>gemacht werden, wenn der Link das Copyright
>verletzt?

Keine Ahnung. Links auf die Radikal sind/waren ja
auch strafbar ;) (eigentlich immer noch?)
Insofern taete es nicht verwundern, wenn ein Link
auf eine Seite strafbar waere, die
copyright-geschuetztes Material enthaelt.
Vielleicht liegt der Fall aehnlich wie Napster?

Gruss, Inke

--

Inke Arns
http://www.v2.nl/~arns/
Florian Cramer
2005-08-15 07:46:02 UTC
Permalink
Am Sonntag, 14. August 2005 um 23:58:36 Uhr (+0200) schrieb Till
Nikolaus von Heiseler:

> zugänglich zu machen. In einen Fall haben wir einen Link auf eine
> Seite eines Dritten gesetzt, auf dem der Text "Die Gesellschaft des
> Spektakels" von Guy Debord herunterzuladen war. Vom Tiamat Verlag
> (Grimmstr. 26, 10967 Berlin) vertreten durch Klaus Bittermann, der
> nach eigenen Angaben Rechteinhaber des betreffenden Textes ist,

Unglaublich. Ich habe noch einmal nachgesehen, die beiden deutschen
Ausgaben der "Gesellschaft des Spektakels", die in meinem Bücherregal
stehen, sind nicht vom Tiamat-Verlag. Die erste stammt von einer
"Projektgruppe Gegengesellschaft" 1974, die andere vom Nautilus-Verlag
1978, mit dem Vermerk, daß es sich hier erstmals um eine autorisierte
Übersetzung handele. In beiden Büchern fehlt der Anticopyright-Vermerk,
den alle früheren Publikationen der Situationistischen Internationale im
Impressum trugen. Daher fürchte ich, daß das Buch von Debord bewußt und
gezielt als klassisch auktoriale, urheberrechtlich geschützte
Publikation angelegt wurde. Fälle wie Deiner wären dann eine Konsequenz
dieser Entscheidung, die schon bei der Erstpublikation faktisch in Kauf
genommen wurden.

Hinzu kommt, daß ich mich dunkel daran zu erinnern glaube, daß der
Tiamat-Verlag klagefreudig ist und schon einmal durchgesetzt hat, daß er
die deutschen Exklusivrechte an Debords "Gesellschaft des Spektakels"
hält, und deshalb die Nautilus-Ausgabe vom Markt nehmen ließ. Hier
<http://www.edition-tiamat.de/Sonstiges/Verlagsgeschichte2a.pdf>
zumindest schreibt der Verleger:

Parallel kam Guy Debords »Die Gesellschaft des Spektakels«
heraus, der bis heute beste Backlisttitel des Verlags. Das Buch
hatte bereits zwei Übersetzungen hinter sich, eine schlechte und
eine mit vielen Druckfehlern, die bei Nautilus erschienen war.
Guy Debord, der sich 1994 umgebracht hatte, war darüber nicht
sehr glücklich. Der Übersetzer Jean-Jacques Raspaud, dessen
Lebenswerk darin bestand, eine korrekte Übersetzung dieses
Buches herauszubringen, hatte sich an mich gewandt.

> bekamen wir nun eine email, dass wir den Text von der Homepage
> herunterzunehmen hätten. Da wir ihn aber gar nicht hochgeladen hatten,
> konnten wir ihn auch nicht herunter nehmen. Stattdessen machten wir
> ihn zunächst einmal darauf aufmerksam, dass es sich hier um ein
> akademisches Seminar handle, in dem es ja auch üblich sei, Texte zu
> kopieren.

"I am not a lawyer (IANAL)" - doch ich fürchte, bei der derzeitigen
Rechtspraxis hast Du vor Gericht keine Chance. Dein Fall ähnelt ja sehr
stark dem ebenfalls aktuellen Fall der diversen Nachrichten-Websites,
die auf die russische, nach hiesigem Recht illegale Musik-Downloadseite
allofmp3.com verlinkt haben. Sie alle - einschließlich Heise Online und
www.irights.info - erhielten postwendend Abmahnbriefe einer von der
Musikindustrie beauftragten Anwaltskanzlei. Heise unterlag vor Gericht
mit seinem Einspruch gegen diese Praxis. Das OLG München entschied, daß
Heises Berichterstattung über allofmp3.com zwar legal sei, nicht aber
Heises Link auf die Website, siehe
<http://www.heise.de/newsticker/meldung/61528>. Dieses Argument paßt,
ungeachtet aller Hirnrissigkeit, 1:1 auf Euren Link auf die
"Gesellschaft des Spektakels". Leider ist dies die herrschende
Rechtsauffassung in Deutschland.

> Klaus Bittermann: es ist mir ziemlich egal, ob es sich bei Ihrer Seite
> um ein akademisches Seminar handelt. Die Seite steht im Internet und
> ist deshalb allen und nicht nur Studenten zugänglich. Und "in diesem
> Kontext" "Studenten Texte zugänglich zu machen" ist nicht "durchaus
> üblich", sondern illegal, d.h. juristisch handelt es sich um eine
> Urheberrechtsverletzung. Und damit einem solche dummen Fehler nicht
> unterlaufen, erkundigt man sich vorher, wo die Rechte liegen. Wenn man
> selber nicht in der Lage ist zu bibliographieren, kann man auch in
> eine Buchhandlung gehen und sich nach diesem Titel erkundigen. (...)

Er hat offenbar nicht verstanden, daß Ihr auf den Text verlinkt habt,
oder versteht schlicht technisch nicht, was ein Link ist und was auf
Eurer und einen anderen Website steht. Leider kommt so etwas häufiger
vor als man denken würde, insbesondere bei einer Generation von
Verlegern, Autoren und Journalisten, die eine Aversion gegen das
Internet hegen und es als Entwertung ihrer Arbeit und Bedrohung ihrer
Existenz empfinden.

> Wir erklärten Herrn Bittermann, dass man als Medienwissenschaftler
> beispielsweise die Aufgabe habe, auf den Unterschied von Urheberrecht
> und Copyright hinzuweisen und dass man als Urheberrecht das Recht
> eines Urhebers an seinem Werk bezeichnet, welches unveräußerbar sei
> und deshalb auch nicht bei einem Verlag liegen könne.

Stimmt zwar, aber der Urheber kann den Verlag exklusiv mit der Wahrnehmung
seiner Rechte betrauen und tut dies in der Regel auch. Denn dies ist die
gängige Konstruktion von Autorenverträgen aller Verlage. Sie führt dazu,
daß der Unterschied von angloamerikanischen Copyright und
kontinentaleuropäischem Urheberrecht in der Theorie zwar existiert, aber
in der Praxis weitgehend irrelevant ist. Zudem hat auch der/die
Übersetzer/in ein Urheberrecht an der Übersetzung. Selbst wenn die Erben
bzw. Rechtsnachfolger von Debord Dir erlauben würden, den Buchtext frei
zu nutzen, würde dies nicht automatisch auch für die deutsche Fassung
des Texts gelten.

Ich hätte - aus taktischer Klugheit - den o.g. juristischen Disput nicht
angefangen. Der Verlag sitzt hier eindeutig am längeren Hebel und hat
die Rechtssprechung auf seiner Seite. Wenn Ihr die Auseinandersetzung so
führt, könnt Ihr sie nur verlieren.

> Daraufhin bekamen wir eine einstweilige Verfügung, in der uns eine
> Strafe von 250.000 (Zweihundertfünfzigtausend) Euro Strafe oder eine
> Haftstrafe bis zu sechs Monaten angedroht wurde: „Der Antraggegnerin
> wird im Wege der einstweiligen Verfügung (...) untersagt, auf der
> Internetseite www.wmg-seminar.de einen Link zu dem Buch des Autors Guy
> Debord mit dem Titel „Die Gesellschaft des Spektakels“ zu
> unterhalten und/oder zu setzen (...).
>
> Das Kosten des Verfahrens hätten wir zu tragen. Streitwert: 50.000
> Euro.

Bitte mißverstehe mich nicht als Zyniker, aber als künstlerische Aktion
ist dies natürlich großartig. Man muß es sich auf der Zunge zergehen
lassen, daß die beiden Texte, deretwegen unabhängige Künstler und
Netzaktivisten mit ruinösen Urheberrechtsverfahren, Anwaltsrechnungen
und Gefängnisandrohungen überzogen wurden, Adornos "Dialektik der
Aufklärung" und Debords "Gesellschaft des Spektakels" sind.

> Ich möchte diesen Vorfall zum Anlass nehmen, noch einmal auf die Frage
> des Copyrights zurückzukommen und einerseits die Zweckmäßigkeiten und
> andererseits die Rechtslage zu diskutieren.

Das würde nicht tun, ich halte dies für unklug. Deine Rechtsauffassung
ist ideell, nicht Mainstream. Sie eignet sich für eine Theoriedebatte
und philosophisches Seminar (was ich nicht ironisch meine), nicht aber
für eine reale juristische Auseinandersetzung.

> Was ist eigentlich aus eurer (Inke A., Florian C. )
> Totenkopf-Publikation geworden? Habt ihr auch geklagt oder findet ihr
> die Veröffentlichung nun doch eher schmeichelhaft? Oder habt ihr
> einfach gar nichts gemacht?

Ich kann nur für mich sprechen: Ich habe letztlich gar nichts gemacht,
weil ich erstens in irgendeinem seelischen Abgrund immer noch der
Teenager-Anarchist bin, der gegen Polizei und Gerichte seine Abneigung
hegt. Als Medium liegt mir ein offener Protestbrief mehr als eine Klage.
Zweitens wollte ich den Lentos-Kuratoren nicht auch noch den
sadistischen Triumph gönnen, daß ich in meinem Leben jemanden
ausgerechnet wegen einer Urheberrechtsverletzung verklage (was meine
einzige juristische Handhabe gewesen wäre). Der letzte Grund war, daß
die Lentos-Direktorin Stella Rollig in Linz wegen ihrer nicht
ausreichend populistischen Museumspolitik vor Ort unter Beschuß ist und
- nachdem es schon eine lokale Zeitungsmeldung gab und, wie man mir
sagte, die "Kronen-Zeitung" an der Sache dran war - ich nicht den
falschen Leuten Munition liefern wollte. Schmeichelhaft finde ich die
Publikation in diesem dümmlichen Buch aber nicht, im Gegenteil, auf die
Nachbarschaft mit "Prada Meinhof" & Co. hätte ich lieber verzichtet.

> Ich habe gehört, dass für die Texte zu einem früheren
> Zeitpunkt schon einmal Gelder geflossen sind, oder sind das Gerüchte?

Wiederum kann ich nur für mich sprechen: Mein Text war das nachträglich
ausgearbeitete Manuskript eines Vortrags, den ich im Rahmen einer von
Johannes Auer gestalteten Vortragsreihe 2002 in der Stadtbibliothek
Stuttgart gehalten habe. Für diesen Vortrag bin ich bezahlt worden, sehr
anständig übrigens. - Wie ich hier schon einmal geschrieben hatte, hätte
Lentos den Text kostenlos haben können; meinetwegen auch anonymisiert,
wenn man im Vorfeld mit uns gesprochen und ich das Projekt gut
gefunden hätte. Da letzteres aber nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich
mich zu dem Projekt nicht anders verhalten als zu einer konventionellen,
akademischen Publikation und auf einer Quellennennung bestanden.

Ich fürchte nur, daß Dir alle meine Ausführungen nichts nutzen, weil
Dein Fall aus juristischer Sicht ja genau umgekehrt ist, denn Du
hast keinen Klagegrund, sondern lieferst jemand anderen einen.

> Kann man für die Anbringung eines Links tatsächlich haftbar gemacht
> werden, wenn der Link das Copyright verletzt?

Leider ja, s.o..

> In Hoffnung auf eine fruchtbare Diskussion,

Ich empfehle, Euch wegen des Fall mit der Initiative Freedom for Links
<http://www.freedomforlinks.de> in Verbindung zu setzen, mit Alvar
Freude von odem.org (falls er nicht schon hier mitliest), der eine ganz
ähnliche Auseinandersetzung hinter sich hat, mit dem Chaos Computer
Club und eventuell mit dem FFII <http://www.ffii.de>. Versucht, die
Geschichte z.B. in den Ticker von Heise Online zu bekommen. Medien wie
Telepolis, taz und jungle world sind sicherlich auch dankbare Abnehmer
der Geschichte. Ich würde die Geschichte unbedingt auf die Tatsache
reduzieren, daß Euch wegen Verlinkung auf eine Kopie der "Gesellschaft
des Spektakels" eine Klage und Schadenersatz angedroht wird. Laßt alle
rechtsphilosophischen Spekulationen über Urheberrecht und Copyright
'raus bzw. betreibt sie lieber hier in der rohrpost, aber nicht in den
Massenmedien. Sonst hält man Euch für Spinner. Auch das Argument der
akademischen Nutzung bringt nichts, bzw. taugt nur als Detail. Natürlich
sollten das weltweit auch alle situationistischen Websites,
nothingness.org, notbored.org etc. mitbekommen und entsprechend
dokumentieren.

Letztlich könnte Ihr die Auseinandersetzung nur über den Meinungsdruck
der Öffentlichkeit gewinnen. Wenn es schlechte Presse und ätzende
Glossen über Situationismus und dessen Rekuperation per Anwaltskanzlei
hagelt, Buchhandlungen die Ausgabe aus dem Regel nehmen und Herrn
Bittermann als Remittenden zurückschicken, ist er seinen "besten
Backlisttitel des Verlags" los und wird sich, wenn er vernünftig ist,
die Sache noch einmal überlegen.

-F

--
http://cramer.netzliteratur.net
Florian Cramer
2005-08-15 11:39:45 UTC
Permalink
Nachtrag mit einem Zitat von Tiamat-Verleger Klaus Bittermann
<http://www.edition-tiamat.de/Sonstiges/verlagsgeschichte.htm>:

Auch von Antonin Artaud gab ich unerlaubterweise zwei kleine
Broschüren heraus. Dadurch lernte ich den Münchner Verleger Axel
Matthes kennen, der die Rechte an Artaud hatte und mich sehr
freundlich darauf hinwies, daß man das so nicht einfach machen könne.

Die Ironie wird noch besser, wenn man die jeweiligen politischen
Heimaten von Matthes und Bittermann vergleicht. Natürlich beherrscht
niemand 50.000-Euro-Klagen und Gefängnisandrohungen besser als dieser
Linke, der im selben Text von seiner Vergangenheit als "'Hilfserzieher'
in der Till-Eulenspiegel-Kette" schreibt, "wo ich mit sozial
benachteiligten Kleinkindern Quatsch machte, sie bekochte und mich im
übrigen möglichst wenig in ihre Belange einmischte".

[Um Bittermann allerdings nicht völlig Unrecht zu tun, scheint es mir,
als ob Eure versuchte und nicht sonderlich glückliche Rechtsbelehrung
seine Gegenreaktion provoziert hätte.]

-F

--
http://cramer.netzliteratur.net
Harald Hillgärtner
2005-08-15 19:28:39 UTC
Permalink
Am Montag, 15. August 2005 02:47 schrieb Florian Cramer:

> Man muß es sich auf der Zunge zergehen
> lassen, daß die beiden Texte, deretwegen unabhängige Künstler und
> Netzaktivisten mit ruinösen Urheberrechtsverfahren, Anwaltsrechnungen
> und Gefängnisandrohungen überzogen wurden, Adornos "Dialektik der
> Aufklärung" und Debords "Gesellschaft des Spektakels" sind.

Ja, sehr delikat (um im Bilde zu bleiben) finde ich vor diesem Hintergrund
auch den obligatorischen Copyright-Hinweis in Flussers "Die Schrift": "Kein
Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des
Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme
verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden", der in einem so
herrlichen Kontrast zu Flussers Nachwort zur zweiten Auflage steht: [...] Ein
Essay ist der Versuch, andere zum Überlegen anzuregen, sie zu Nachträgen zu
bewegen. Das ist der Grund, warum dieser Text auch als Diskette
herausgekommen ist: Es soll ein Schneeball rollen, in welchem die Nachträge
den ursprünglichen Vortrag immer mehr überdecken. Eine sich ständig
verzweigende Serie von Neuauflagen soll sich entfalte, worin immer neue
Überlegungen die ersten überlagern. [...]"
Nun gut, was kümmert die Verlage die Absicht der Autoren? Hätte es 1989 schon
eine Open Content License gegeben, wäre Flusser dann mit seiner Idee
vielleicht erfolgreicher gewesen?

Viele Grüße,
Harald.
Tilman Baumgärtel
2005-08-17 14:44:48 UTC
Permalink
Noch zwei Gedanken aus der "Ich-bin-kein-Anwalt-aber"-Abteilung:

1. Ist der Text auf der Seite, auf die ihr verlinkt habt, eigentlich der
Text der Tiamat-Ausgabe? Nach meinem Verständnis kann der Verlag zwar
Rechte auf seine Übersetzung geltend machen, aber nicht auf den Text als
solchen. Vielleicht hilft dieses Argument ja weiter.

2. Was ist eigentlich, wenn man keinen Link auf so einen Text/Medieninhalt
setzt, sondern nur die URL angibt?

Im übrigen glaube ich, dass es mit Klaus Bittermann zwangsläufig Krach
geben musste. So wie ich ihn erlebt habe, sucht der einfach Streit...

Gruesse,
Tilman


>Am Sonntag, 14. August 2005 um 23:58:36 Uhr (+0200) schrieb Till
>Nikolaus von Heiseler:
>
> > zugänglich zu machen. In einen Fall haben wir einen Link auf eine
> > Seite eines Dritten gesetzt, auf dem der Text "Die Gesellschaft des
> > Spektakels" von Guy Debord herunterzuladen war. Vom Tiamat Verlag
> > (Grimmstr. 26, 10967 Berlin) vertreten durch Klaus Bittermann, der
> > nach eigenen Angaben Rechteinhaber des betreffenden Textes ist,
Florian Cramer
2005-08-17 15:46:26 UTC
Permalink
Am Mittwoch, 17. August 2005 um 15:42:26 Uhr (+0800) schrieb Tilman Baumgärtel:
> Noch zwei Gedanken aus der "Ich-bin-kein-Anwalt-aber"-Abteilung:
>
> 1. Ist der Text auf der Seite, auf die ihr verlinkt habt, eigentlich der
> Text der Tiamat-Ausgabe?

Der verlinkte Text war zwar die Nautilus-Ausgabe, aber die stammt vom
selben Übersetzer Jean-Jacques Raspaud und ist bis auf ein paar
Druckfehler identisch mit der Tiamat-Ausgabe.

> 2. Was ist eigentlich, wenn man keinen Link auf so einen Text/Medieninhalt
> setzt, sondern nur die URL angibt?

Das scheint wohl zu gehen, weil es dann keine "Bereitstellung" ist [aber
wiederum: dies ist natürlich keine juristische Profi-Auskunft, und ein
schlechtgelaunter Richter mag es anders sehen]. Wenn man noch cleverer
ist, linkt man auf eine Suchmaschinen-Abfrage, die den Text unter den
ersten Treffern anzeigt...

-F

--
http://cramer.netzliteratur.net
sebastian at rolux.org ()
2005-08-18 16:52:38 UTC
Permalink
Alles, was mir zu dieser Angelegenheit einfällt - und das ist nicht
wenig - ist
in Robert Luxemburgs "Gesellschaft des Geistigen Eigentums" (ein
Text, nach dem
niemand allzu lange wird suchen müssen, und den ich für origineller
halte, als
er auf den ersten Blick erscheinen mag) bereits gesagt.

(Und bevor jemand glaubt, ich sei wahnsinnig geworden: ich habe
Bittermann
gestern getroffen und gefragt. Er glaubt nicht, dass er was dagegen
hat. Ich
glaube zwar, dass er sich irrt - aber das wäre dann zumindest ein
Irrtum, dessen
Ausräumung er mir nicht per Anwalt in Rechnung stellen wird. Hätte
ich vor fünf
Jahren geahnt, dass wir auf Zeiten zusteuern, in denen ein Link auf die
Gesellschaft des Spektakels einen Streitwert von 50.000 Euro hat,
dann hätte ich
mich vermutlich der gewohnheitsmässigen Verletzung anderer
Eigentumsrechte
zugewandt als ausgerechnet geistiger.)
Janus von Abaton
2005-08-22 17:38:48 UTC
Permalink
> Von: ***@rolux.org
> An: ***@mikrolisten.de
> Betreff: Die Gesellschaft des Geistigen Eigentums [was: re: [rohrpost]
> Tiamat Verlag verbietet link auf einem Internetseminar]
> Datum: Thu, 18 Aug 2005 11:52:00 +0200
>
> Alles, was mir zu dieser Angelegenheit einfällt - und das ist nicht
> wenig - ist
> in Robert Luxemburgs "Gesellschaft des Geistigen Eigentums" (ein
> Text, nach dem
> niemand allzu lange wird suchen müssen, und den ich für origineller
> halte, als
> er auf den ersten Blick erscheinen mag) bereits gesagt.
>
> (Und bevor jemand glaubt, ich sei wahnsinnig geworden: ich habe
> Bittermann
> gestern getroffen und gefragt. Er glaubt nicht, dass er was dagegen
> hat. Ich
> glaube zwar, dass er sich irrt - aber das wäre dann zumindest ein
> Irrtum, dessen
> Ausräumung er mir nicht per Anwalt in Rechnung stellen wird. Hätte
> ich vor fünf
> Jahren geahnt, dass wir auf Zeiten zusteuern, in denen ein Link auf die
> Gesellschaft des Spektakels einen Streitwert von 50.000 Euro hat,
> dann hätte ich
> mich vermutlich der gewohnheitsmässigen Verletzung anderer
> Eigentumsrechte
> zugewandt als ausgerechnet geistiger.)
>
> --
> rohrpost - deutschsprachige Liste zur Kultur digitaler Medien und Netze
> Archiv: http://www.nettime.org/rohrpost
> http://post.openoffice.de/pipermail/rohrpost/
> Ent/Subskribieren:
> http://post.openoffice.de/cgi-bin/mailman/listinfo/rohrpost/
>
> --- Ursprüngliche Nachricht ---
> Von: Till Nikolaus von Heiseler <***@web.de>
> An: jv-***@gmx.net
> Betreff: FW: ps, eine frage
> Datum: Tue, 16 Aug 2005 15:13:20 +0200
>
> >
> hey janus,
> meines wissens hast du dir unsere Ausgabe vom Nautilus-Verlag ausgeliehen.
> Kannst du mal gucken, ob dass die Fassung ist oder ob der Timat-Verlag
> eine eigene gemacht hat?

Nee, ich habe sie in der Küche liegen lassen. JvA

>
>
> ***@rolux.org schrieb am 16.08.05 00:38:06:
> >
> > ich hab gerade mein bücherregal nicht zur hand
> > - ist das hier die tiamat übersetzung?
> > danke, s.


Keine Ahnung. Müsste man vielleicht auf Rohrpost mal fragen, aber wie
aktuell ist der Text eigentlich? Brosmann, der Zinnsoldat des
Neoliberalismus, und Heidi (Steffi) könnten sicherlich was lernen, aber für
die anderen wäre vielleicht der unten stehende Text aufschlussreicher:



Robert Luxemburg

Die Gesellschaft des Geistigen Eigentums


I. Die vollendete Trennung

"Aber freilich, diese Zeit, welche die Sache dem Bild, das Original der
Kopie,
die Wirklichkeit der Vorstellung, das Wesen dem Schein vorzieht; denn heilig
ist
ihr nur das Werk, profan aber seine Verbreitung. Ja die Heiligkeit steigt in
ihren Augen in demselben Maße, als die Verbreitung ab- und das Werk zunimmt,
so
daß der höchste Grad der Originalität für sie auch der höchste Grad der
Heiligkeit ist."

Feuerbach (Das Wesen des Christentums, Vorrede zur zweiten Auflage)


1

Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen
Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von
Geistigem Eigentum. Alles was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine
Rechtsform
entwichen.


2

Die Rechte, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgetrennt haben,
verschmelzen
in einen gemeinsamen Lauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht
wiederhergestellt werden kann. Die teilweise betrachtete Realität entfaltet
sich
in ihrer eigenen allgemeinen Einheit als abgesonderte Pseudo-Welt, Objekt
der
bloßen juristischen Auseinandersetzung. Die Spezialisierung der Rechte der
Welt
findet sich vollendet in der autonom gewordenen Welt der Rechte wieder, in
der
sich das Verlogene selbst belogen hat. Das Geistige Eigentum überhaupt ist
als
konkrete Verkehrung des Lebens die eigenständige Bewegung des Unlebendigen.


3

Das Geistige Eigentum stellt sich zugleich als die Gesellschaft selbst, als
Teil
der Gesellschaft und als Vereinigungsinstrument dar. Als Teil der
Gesellschaft
ist das Geistige Eigentum ausdrücklich der Bereich, der jeden Blick und
jedes
Bewußtsein auf sich zieht. Aufgrund dieser Tatsache, daß dieser Bereich
abgetrennt ist, ist er der Ort des getäuschten Blicks und des falschen
Bewußtseins; und die Vereinigung, die es bewirkt, ist nichts anderes als
eine
offizielle Sprache der verallgemeinerten Trennung.


4

Das Geistige Eigentum ist nicht ein Ganzes von Rechten, sondern ein durch
Rechte
vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen.


5

Das Geistige Eigentum kann nicht als Übertreibung einer Welt des Rechts, als
Produkt der Techniken der Massenverarbreitung von Rechten begriffen werden.
Es
ist vielmehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle übertragene
Rechtsauffassung. Es ist eine Auffassung der Welt, die sich
vergegenständlicht
hat.


6

In seiner Totalität begriffen, ist das Geistige Eigentum zugleich das
Ergebnis
und die Zielsetzung der bestehenden Produktionsweise. Es ist kein Zusatz zur
wirklichen Welt, kein aufgesetzter Zierat. Es ist das Herz des Irrealismus
der
realen Gesellschaft. In allen seinen besonderen Formen, Information oder
Propaganda, Werbung oder unmittelbarer Konsum von Zerstreuungen, ist das
Geistige Eigentum das gegenwärtige Modell des gesellschaftlich herrschenden
Lebens. Es ist die allgegenwärtige Behauptung der in der Produktion und
ihrem
Konsum bereits getroffenen Wahl. Form und Inhalt des Geistigen Eigentums
sind
die vollständige Rechtfertigung der Bedingungen und der Ziele des
bestehenden
Systems. Das Geistige Eigentum ist auch die ständige Gegenwart dieser
Rechtfertigung, als Beschlagnahme des hauptsächlichen Teils der außerhalb
der
modernen Produktion erlebten Zeit.


7

Die Trennung selbst gehört zur Einheit der Welt, zur globalen
gesellschaftlichen
Praxis, die sich in Realität und Recht aufgespalten hat. Die
gesellschaftliche
Praxis, vor die sich das autonome Geistige Eigentum stellt, ist auch die das
Geistige Eigentum umfassende wirkliche Totalität. Aber die Aufspaltung
dieser
Totalität verstümmelt sie so sehr, daß sie das Geistige Eigentum als ihren
Zweck
erscheinen läßt. Die Sprache des Geistigen Eigentums besteht aus Zeichen der
herrschenden Produktion, die zugleich der letzte Zweck dieser Produktion
sind.


8

Das Geistige Eigentum und die wirkliche gesellschaftliche Tätigkeit lassen
sich
nicht abstrakt einander entgegensetzen; diese Verdoppelung ist selbst
doppelt.
Das Geistige Eigentum, das das Wirkliche verkehrt, wird wirklich erzeugt.
Zugleich wird die erlebte Wirklichkeit durch die Verbreitung des Geistigen
Eigentums materiell überschwemmt und nimmt in sich selbst die proprietäre
Ordnung wieder auf, indem sie ihr eine positive Zustimmung gibt. Die
objektive
Realität ist auf beiden Seiten vorhanden. Jeder so festgesetzte Begriff
gründet
sich nur auf seinen Übergang in die Gegenseite. Ins Geistige Eigentum tritt
die
Wirklichkeit ein, und das Geistige Eigentum ist wirklich. Diese gegenseitige
Entfremdung ist das Wesen und die Stütze der bestehenden Gesellschaft.


9

In der wirklich verkehrten Welt ist das Wahre ein Moment des Falschen.


10

Der Begriff des Geistigen Eigentums vereinigt und erklärt eine große
Mannigfaltigkeit von erscheinenden Phänomenen. Ihre Verschiedenheiten und
Kontraste sind die Erscheinungen dieses gesellschaftlich veranstalteten
Scheins,
der in seiner allgemeinen Wahrheit erkannt werden muß. Das Geistige Eigentum
ist, seinen eigenen Begriffen nach betrachtet, die Behauptung des Rechts und
die
Behauptung jedes menschlichen, d.h. gesellschaftlichen Lebens als eines
bloßen
Rechts. Aber die Kritik, die die Wahrheit des Geistigen Eigentums trifft,
entdeckt es als die juristische Negation des Lebens; als eine Negation des
Lebens, die juristisch geworden ist.


11

Untrennbare Elemente müssen künstlich unterschieden werden, um das Geistige
Eigentum, seine Herausbildung und seine Funktionen sowie die Kräfte, die zu
seiner Auflösung hinstreben, zu beschreiben. Bei der Analyse des Geistigen
Eigentums muß in einem gewissen Maß die Sprache des Geistigen Eigentums
gesprochen werden, insofern dabei der methodologische Boden dieser
Gesellschaft,
die sich im Geistigen Eigentum ausdrückt, betreten wird. Aber das Geistige
Eigentum ist nichts anderes als der Sinn der ganzen Praxis einer
ökonomischen
Gesellschaftsformation, sein Zeitplan. Es ist der geschichtliche Moment, in
dem
wir enthalten sind.


12

Das Geistige Eigentum stellt sich als eine ungeheure, unbestreitbare und
unerreichbare Positivität dar. Es sagt nichts mehr als: "Was Recht ist, das
ist
gut; und was gut ist, das ist Recht." Die durch das Geistige Eigentum
prinzipiell geforderte Haltung ist diese passive Hinnahme, die es schon
durch
seine Art, unwiderlegbar zu erscheinen, durch sein Monopol des Rechts,
faktisch
erwirkt hat.


13

Der zutiefst tautologische Charakter des Geistigen Eigentums geht aus der
bloßen
Tatsache hervor, daß seine Mittel zugleich sein Zweck sind. Es ist die
Sonne,
die über dem Reich der modernen Passivität nie untergeht. Es deckt die ganze
Oberfläche der Welt und badet sich endlos in seinem eigenen Ruhm.


14

Die Gesellschaft, die auf der modernen Industrie beruht, ist nicht zufällig
oder
oberflächlich proprietär, sie ist zutiefst proprietaristisch. Im Geistigen
Eigentum, dem Recht der herrschenden Wirtschaft, ist das Endziel nichts, die
Entwicklung alles. Das Geistige Eigentum will es zu nichts anderem bringen
als
zu sich selbst.


15

Als unerläßliche Rechtsform der jetzt erzeugten Waren, als allgemeine
Darstellung der Rationalität des Systems und als fortgeschrittener
Wirtschaftsbereich, der unmittelbar eine wachsende Menge von Objekt-Rechten
gestaltet, ist das Geistige Eigentum die hauptsächliche Produktion der
heutigen
Gesellschaft.


16

Das Geistige Eigentum unterjocht sich die lebendigen Menschen, insofern die
Wirtschaft sie gänzlich unterjocht hat. Es ist nichts als die sich für sich
selbst entwickelnde Wirtschaft. Es ist der getreue Widerschein der
Produktion
der Dinge und die ungetreue Vergegenständlichung der Produzenten.


17

Die erste Phase der Herrschaft der Wirtschaft über das gesellschaftliche
Leben
hatte in der Definition jeder menschlichen Realisierung eine offensichtliche
Degradierung des Seins zum Haben mit sich gebracht. Die gegenwärtige Phase
der
völligen Beschlagnahme des gesellschaftlichen Lebens durch die akkumulierten
Ergebnisse der Wirtschaft führt zu einer verallgemeinerten Verschiebung vom
Haben zum Recht, aus welchem jedes tatsächliche "Haben" sein unmittelbares
Prestige und seinen letzten Zweck beziehen muß. Zugleich ist jede
individuelle
Wirklichkeit gesellschaftlich geworden, direkt von der gesellschaftlichen
Macht
abhängig und von ihr geformt. Nur sofern sie nicht ist, ist sie rechtmäßig.


18

Da, wo sich die wirkliche Welt in bloße Rechte verwandelt, werden die bloßen
Rechte zu wirklichen Wesen und zu den wirkenden Motivierungen eines
hypnotischen
Verhaltens. Das Geistige Eigentum als Tendenz, durch verschiedene
spezialisierte
Vermittlungen die nicht mehr unmittelbar greifbare Welt zur Schau zu
stellen,
findet normalerweise im Sehen den bevorzugten menschlichen Sinn, der zu
anderen
Zeiten der Tastsinn war; der abstrakteste und mystifizierbarste Sinn
entspricht
der verallgemeinerten Abstraktion der heutigen Gesellschaft. Das Geistige
Eigentum läßt sich jedoch nicht mit dem bloßen Zusehen identifizieren, wenn
dieses auch mit dem Zuhören kombiniert wäre. Das Geistige Eigentum ist das,
was
der Tätigkeit der Menschen, der Wiedererwägung und der Berichtigung ihres
Werkes
entgeht. Es ist das Gegenteil des Dialogs. Überall, wo es unabhängige
Vorstellung gibt, baut sich das Geistige Eigentum wieder auf.


19

Das Geistige Eigentum hat die ganze Schwäche des
abendländisch-philosophischen
Entwurfes geerbt, der in einem von den Kategorien des Rechts beherrschten
Begreifen der Tätigkeit bestand; so wie es sich auch auf die unaufhörliche
Entfaltung der genauen, juristischen Rationalität, die aus diesem Gedanken
hervorgegangen ist, gründet. Es verwirklicht nicht die Philosophie, es
philosophiert die Wirklichkeit. Das konkrete Leben aller ist es, welches
sich zu
einem proprietären Universum degradiert hat.


20

Als Gewalt des getrennten Gedankens und als Gedanke der getrennten Gewalt
ist es
der Philosophie nie durch eigene Kraft gelungen, die Theologie aufzuheben.
Das
Geistige Eigentum ist der materielle Wiederaufbau der religiösen Illusion.
Die
proprietäre Technik hat die religiösen Wolken nicht aufgelöst, in die die
Menschen ihre von ihnen losgerissenen, eigenen Kräfte gesetzt hatten: sie
hat
sie nur mit einer juristischen Grundlage verbunden. So ist es das irdischste
Leben, welches undurchsichtig und erstickend wird. Es verweist nicht mehr
auf
den Himmel, sondern beherbergt bei sich seine absolute Verwerfung, sein
trügerisches Paradies. Das Geistige Eigentum ist die juristische
Verwirklichung
der Verbannung der menschlichen Kräfte in ein Jenseits; die vollendete
Entzweiung im Innern des Menschen.


21

Je nachdem, wie die Notwendigkeit gesellschaftlich geträumt wird, wird der
Traum
notwendig. Das Geistige Eigentum ist der schlechte Traum der gefesselten,
modernen Gesellschaft, der schließlich nur ihren Wunsch zu schlafen
ausdrückt.
Das Geistige Eigentum ist der Wächter dieses Schlafes.


22

Die Tatsache, daß die praktische Macht der modernen Gesellschaft sich von
selbst
abgehoben und sich ein selbständiges Reich im Geistigen Eigentum fixiert
hat,
ist nur aus dieser anderen Tatsache, daß diese mächtige Praxis immer noch
selbstzerrissen und sich selbst widersprechend geblieben war, zu erklären.


23

Die älteste gesellschaftliche Spezialisierung ist es, die Spezialisierung
der
Gewalt, die an der Wurzel des Geistigen Eigentums liegt. Das Geistige
Eigentum
ist somit eine spezialisierte Tätigkeit, die für die Gesamtheit der anderen
Tätigkeiten spricht. Es ist die juristische Repräsentation der
hierarchischen
Gesellschaft vor sich selbst, wo jedes andere Wort verbannt ist. Hier ist
das
Modernste auch das Archaischste.


24

Das Geistige Eigentum ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige
Ordnung
über sich selbst hält, ihr lobender Monolog. Es ist das Selbstportrait der
Macht
in der Epoche ihrer totalitären Verwaltung der Existenzberechtigungen. Der
fetischistische Schein reiner Objektivität in den proprietären Beziehungen
verbirgt deren Charakter als Beziehung zwischen Menschen und zwischen
Klassen:
eine zweite Natur scheint unsere Umwelt mit ihren unvermeidlichen Gesetzen
zu
beherrschen. Aber das Geistige Eigentum ist nicht das notwendige Produkt der
als
eine natürliche Entwicklung betrachteten juristischen Entwicklung. Die
Gesellschaft des Geistigen Eigentums ist im Gegenteil die Form, die ihren
eigenen juristischen Inhalt wählt. Wenn das Geistige Eigentum - unter dem
engeren Gesichtspunkt der "Massenkommunikationsmittel" genommen, die seine
erdrückendste Oberflächenerscheinung sind - als einfache Instrumentierung
auf
die Gesellschaft überzugreifen scheinen kann, so ist diese Instrumentierung
in
Wirklichkeit nichts Neutrales, sondern genau die Instrumentierung, die
seiner
ganzen Selbstbewegung entspricht. Wenn die gesellschaftlichen Bedürfnisse
der
Epoche, in der sich solche Rechte entwickeln, nur durch die Vermittlung
dieser
Rechte befriedigt werden können, wenn die Verwaltung dieser Gesellschaft
sowie
jeder Kontakt zwischen den Menschen nur mittels der Macht augenblicklicher
Kommunikation stattfinden können, ist dafür der Grund, daß diese
"Kommunikation"
wesentlich einseitig ist; folglich läuft ihre Konzentrierung darauf hinaus,
in
den Händen der Verwaltung des bestehenden Systems die Mittel anzuhäufen, die
es
ihm erlauben, diese bestimmte Verwaltung fortzuführen. Die verallgemeinerte
Entzweiung des Geistigen Eigentums ist untrennbar vom modernen Staat - d.h.
von
der allgemeinen Form der Entzweiung in der Gesellschaft -, dem Produkt der
Teilung der gesellschaftlichen Arbeit und dem Werkzeug der
Klassenherrschaft.


25

Die Trennung ist das Alpha und Omega des Geistigen Eigentums. Die
Institutionalisierung der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit und die
Herausbildung der Klassen hatten eine erste heilige Kontemplation gebaut,
die
mythische Ordnung, mit der sich jede Macht schon von Urbeginn an umhüllt.
Das
Heilige hat die kosmische und ontologische Anordnung gerechtfertigt, die den
Interessen der Herren entsprach und es hat das erklärt und beschönigt, was
die
Gesellschaft nicht tun konnte. Also war jede getrennte Macht proprietär,
aber
die Zustimmung aller zu einem solchen feststehenden Recht bedeutete nur die
gemeinsame Anerkennung einer juristischen Verlängerung für die Armut der
wirklichen gesellschaftlichen Tätigkeit, die noch als einheitliche Bedingung
empfunden wurde. Im Gegenteil drückt das moderne Geistige Eigentum das aus,
was
die Gesellschaft tun kann, aber in dieser Äußerung stellt sich das Erlaubte
absolut dem Möglichen entgegen. Das Geistige Eigentum ist die Erhaltung der
Bewußtlosigkeit in der praktischen Veränderung der Existenzbedingungen. Das
Geistige Eigentum ist sein eigenes Produkt, es selbst ist es, das seine
Regeln
aufgestellt hat: es ist ein Pseudo-Heiliges. Es zeigt was es ist: die
getrennte
Macht, welche - beim Produktivitätswachstum durch die unaufhörliche
Verfeinerung
der Teilung der Arbeit zur Zerstückelung der zugleich von der unabhängigen
Maschinenbewegung beherrschten Gesten - sich in sich selbst entwickelt und
für
einen stets weiteren Markt arbeitet. Jedes Gemeinwesen und jeder kritische
Sinn
haben sich während dieser ganzen Bewegung aufgelöst, in der sich die Kräfte,
die
bei ihrer Trennung wachsen konnten, noch nicht wiedergefunden haben.


26

Bei der verallgemeinerten Trennung des Arbeiters von seinem Produkt geht
jeder
einheitliche Überblick über die ausgeführte Tätigkeit, jede persönliche,
direkte
Mitteilung zwischen den Produzenten verloren. Im Laufe des Fortschritts der
Akkumulation der getrennten Produkte und der Konzentration des
Produktionsprozesses werden die Einheit und die Mitteilung zum
ausschließenden
Attribut der Systemsteuerung. Das Gelingen des wirtschaftlichen Systems der
Trennung ist die Proletarisierung der Welt.


27

Am Pol der Entwicklung des Systems verschiebt sich durch das Gelingen der
getrennten Produktion als Produktion des Getrennten die Grunderfahrung, die
in
den Urgesellschaften mit einer hauptsächlichen Arbeit verbunden war, zur
Nichtarbeit und zur Untätigkeit. Doch diese Untätigkeit ist keineswegs von
der
Produktionstätigkeit befreit: sie hängt von ihr ab, sie ist unruhige und
bewundernde Unterwerfung unter die Erfordernisse und Ergebnisse der
Produktion;
sie ist selbst ein Produkt von deren Rationalität. Außerhalb der Tätigkeit
kann
es keine Freiheit geben, und im Rahmen des Geistigen Eigentums wird jede
Tätigkeit verneint, genauso wie die wirkliche Tätigkeit vollständig im
Gesamtaufbau dieses Ergebnisses aufgegangen ist. Daher ist die heutige
"Befreiung von der Arbeit", die Ausdehnung der Freizeit, keineswegs
Befreiung in
der Arbeit oder Befreiung einer durch diese Arbeit geformten Welt. Nichts
von
der in der Arbeit gestohlenen Tätigkeit kann sich in der Unterwerfung unter
ihr
Ergebnis wiederfinden.


28

Das auf die Vereinzelung gegründete Wirtschaftssystem ist die zirkuläre
Produktion der Vereinzelung. Die Vereinzelung begründet das Recht und der
juristische Prozeß vereinzelt rückwirkend. Alle durch das proprietäre System
ausgewählten Güter, vom Auto bis zum Fernsehen, sind auch seine Waffen, um
beständig die Vereinzelungsbedingungen der "einsamen Massen" zu verstärken.
Das
Geistige Eigentum findet immer konkreter seine eigenen Voraussetzungen
wieder.


29

Der Ursprung des Geistigen Eigentums ist der Verlust der Einheit der Welt,
und
die globale Ausbreitung des modernen Geistigen Eigentums drückt die
Vollständigkeit dieses Verlustes aus: die Abstraktion jeder besonderen
Arbeit
und die allgemeine Abstraktion der Gesamtproduktion äußern sich vollkommen
im
Geistigen Eigentum, dessen konkrete Seinsweise gerade die Abstraktion ist.
Im
Geistigen Eigentum stellt sich ein Teil der Welt vor der Welt dar und ist
über
sie erhaben. Das Geistige Eigentum ist nur die gemeinschaftliche Sprache
dieser
Trennung. Was die Konsumenten miteinander verbindet, ist nur ein
irreversibles
Verhältnis zum Zentrum selbst, das ihre Vereinzelung aufrechterhält. Das
Geistige Eigentum vereinigt das Getrennte, aber nur als Getrenntes.


30

Die Entfremdung des Konsumenten zugunsten des konsumierten Objekts (das das
Ergebnis seiner eigenen bewußtlosen Tätigkeit ist) drückt sich so aus: je
mehr
er konsumiert, um so weniger lebt er; je mehr er sich in den herrschenden
Rechten des Bedürfnisses wiederzuerkennen akzeptiert, um so weniger versteht
er
seine eigene Existenz und seine eigene Begierde. Die Äußerlichkeit des
Geistigen
Eigentum im Verhältnis zum tätigen Menschen erscheint darin, daß seine
eigenen
Ideen nicht mehr ihm gehören, sondern einem anderen, der sie ihm vorführt.
Der
Konsument fühlt sich daher nirgends zu Hause, denn das Geistige Eigentum ist
überall.


31

Der Arbeiter produziert nicht sich selbst, sondern eine unabhängige Macht.
Der
Erfolg dieser Produktion, ihr Überfluß, kehrt zum Produzenten als Überfluß
der
Enteignung zurück. Die ganze Zeit und der ganze Raum seiner Welt werden ihm
bei
der Akkumulation seiner entfremdeten Produkte fremd. Das Geistige Eigentum
ist
die Landkarte dieser neuen Welt, eine Landkarte, die genau ihr Territorium
deckt. Eben die Kräfte, die uns entgangen sind, zeigen sich uns in ihrer
ganzen
Macht.


32

Das Geistige Eigentum in der Gesellschaft entspricht einer konkreten
Herstellung
der Entfremdung. Die wirtschaftliche Expansion ist hauptsächlich die
Expansion
dieser bestimmten industriellen Produktion. Was mit der sich für sich selbst
bewegenden Wirtschaft anwächst, kann nur die Entfremdung sein, die gerade in
ihrem ursprünglichen Kern enthalten war.


33

Der von seinem Produkt getrennte Mensch produziert immer machtvoller alle
Einzelheiten seiner Welt und findet dadurch immer mehr von seiner Welt
getrennt.
Je mehr sein Leben jetzt sein Produkt ist, um so mehr ist er von seinem
Leben
getrennt.


34

Das Geistige Eigentum ist das Kapital in einem solchen Grad der
Akkumulation,
daß es zum Recht wird.


II. Die Ware als Geistiges Eigentum

"Denn nur als Universalkategorie des gesamten gesellschaftlichen Seins ist
die
Ware in ihrer unverfälschten Wesensart begreifbar. Erst in diesem
Zusammenhang
gewinnt die durch das Warenverhältnis entstandene Verdinglichung eine
entscheidende Bedeutung sowohl für die objektive Entwicklung der
Gesellschaft
wie für das Verhalten der Menschen zu ihr; für das Unterworfenwerden ihres
Bewußtseins den Formen, in denen sich diese Verdinglichung ausdrückt. Diese
Willenlosigkeit steigert sich noch dadurch, daß mit zunehmender
Rationalisierung
und Mechanisierung des Arbeitsprozesses die Tätigkeit des Arbeiters immer
stärker ihren Tätigkeitscharakter verliert und zu einer kontemplativen
Haltung
wird."

Lukacs (Geschichte und Klassenbewußtsein)


35

An dieser wesentlichen Bewegung des Geistigen Eigentums, die darin besteht,
alles in sich aufzunehmen, was in der menschlichen Tätigkeit in flüssigem
Zustand war, um es in geronnenem Zustand als Dinge zu besitzen, die durch
die
negative Umformulierung des erlebten Wertes zum ausschließlichen Wert
geworden
sind, erkennen wir unsere alte Feindin wieder, die so leicht auf den ersten
Blick ein selbstverständliches, triviales Ding scheint, während sie doch im
Gegenteil ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer
Spitzfindigkeit:
die Ware.


36

Das Prinzip des Warenfetischismus ist es, d.h. die Beherrschung der
Gesellschaft
durch "sinnliche übersinnliche Dinge", das sich absolut im Geistigen
Eigentum
vollendet, wo die sinnliche Welt durch eine über ihr schwebende Auswahl von
Rechten ersetzt wird, welche sich zugleich als das Sinnliche schlechthin hat
anerkennen lassen.


37

Die zugleich anwesende und abwesende Welt, die das Geistige Eigentum zur
Schau
stellt, ist die jedes Erlebnis beherrschende Warenwelt. Und die Warenwelt
wird
auf diese Weise gezeigt genau wie sie ist, denn ihre Bewegung ist identisch
mit
der Entfernung der Menschen voneinander und ihrem Gesamtprodukt gegenüber.


38

Der auf allen Ebenen der proprietären Sprache so offensichtliche
Qualitätsverlust der von ihr gepriesenen Gegenstände und der von ihr
geregelten
Verhaltensweisen drückt nur die Grundmerkmale der wirklichen Produktion aus,
die
die Wirklichkeit beseitigt: die Warenform ist durch und durch die
Selbstgleichheit, die Kategorie des Quantitativen. Das Quantitative ist es,
das
sie entwickelt, und nur in ihm kann sie sich entwickeln.


39

Diese Entwicklung, die das Qualitative ausschließt, untersteht selbst als
Entwicklung dem qualitativen Übergang: das Geistige Eigentum bedeutet, daß
sie
die Schwelle ihres eigenen Überflusses überschritten hat; dies ist lokal
erst
auf einigen Punkten wahr, dennoch trifft es bereits im Weltmaßstab zu, der
der
Urmaßstab ist, und ihre praktische Bewegung hat diesen Maßstab bestätigt,
indem
sie die ganze Erde als Weltmarkt umfaßt.


40

Die Entwicklung der Produktivkräfte war die bewußtlose wirkliche Geschichte,
die
die Existenzbedingungen der Menschengruppen als Überlebensbedingungen und
als
deren Erweiterung aufgebaut und verändert hat; die ökonomische Basis all
ihrer
Unternehmungen. Innerhalb einer Naturalwirtschaft bestand der Bereich der
Ware
in der Schaffung eines Überschusses an Überleben. Die Warenproduktion, die
den
Austausch verschiedenartiger Produkte zwischen unabhängigen Produzenten
voraussetzt, konnte lange handwerkmäßig, in einer wirtschaftlichen
Randfunktion
beschränkt bleiben, worin ihre quantitative Wahrheit noch verdeckt ist. Da
jedoch, wo sie die gesellschaftlichen Bedingungen des Großhandels und der
Kapitalakkumulation antraf, bemächtigte sie sich der gesamten Wirtschaft.
Die
ganze Wirtschaft ist also zu dem geworden, als was sich die Ware bei dieser
Eroberung erwiesen hatte: zu einem Prozeß quantitativer Entwicklung. Diese
unaufhörliche Entfaltung der wirtschaftlichen Macht in der Form der Ware,
die
die menschliche Arbeit zur Ware Arbeit, zur Lohnarbeit, umgebildet hat,
führte
kumulativ zu einem Überfluß, in dem die Grundfrage des Überlebens
zweifelsohne
gelöst wird, aber so daß sie immer wiederkehren muß; sie wird jedesmal
wieder
auf einer höheren Stufe gestellt. Das Wirtschaftswachstum befreit die
Gesellschaften vom natürlichen Druck, der ihren unmittelbaren
Überlebenskampf
erforderte, nun aber sind sie von ihrem Befreier nicht befreit. Die
Unabhängigkeit der Ware hat sich auf das Ganze der von ihr beherrschten
Wirtschaft ausgedehnt. Die Wirtschaft verwandelt die Welt, aber nur in eine
Welt
der Wirtschaft. Die Pseudonatur, in der sich die menschliche Arbeit
entfremdet
hat, erfordert, daß ihr Dienst endlos fortgesetzt wird, und da dieser Dienst
nur
von sich selbst beurteilt und freigesprochen wird, erlangt er in der Tat die
Gesamtheit der gesellschaftlich zulässigen Bemühungen und Vorhaben als seine
Diener. Der Überfluß der Waren, d.h. des Warenverhältnisses, kann nicht mehr
als
das vermehrte Überleben sein.


41

Die Ware hat ihre Herrschaft über die Wirtschaft zuerst verdeckt ausgeübt,
und
diese Wirtschaft selbst blieb als materielle Grundlage des
gesellschaftlichen
Lebens unbemerkt und unbegriffen, so wie das Bekannte überhaupt darum, weil
es
bekannt ist, nicht erkannt ist. In einer Gesellschaft, in der die konkrete
Ware
selten oder in der Minderheit bleibt, stellt sich die scheinbare Herrschaft
des
Geldes als der mit unumschränkter Vollmacht versehene Gesandte dar, der im
Namen
einer unbekannten Macht spricht. Mit dem Eintreten der industriellen
Revolution,
der manufakturmäßigen Teilung der Arbeit und der massenhaften Produktion für
den
Weltmarkt erscheint die Ware tatsächlich als eine Macht, die das
gesellschaftliche Leben wirklich in Beschlag nimmt. Zu dieser Zeit bildet
sich
die politische Ökonomie als herrschende Wissenschaft und als Wissenschaft
der
Herrschaft heraus.


42

Das Geistige Eigentum ist der Moment, in welchem die Ware zur völligen
Beschlagnahme des gesellschaftlichen Lebens gelangt ist. Das Verhältnis zur
Ware
ist nicht nur sichtbar; sondern man sieht nichts anderes mehr: die Welt, die
man
sieht, ist seine Welt. Die moderne Wirtschaftsproduktion dehnt ihre Diktatur
extensiv aus. An den am wenigsten industrialisierten Orten ist ihr Reich
schon
durch einige Star-Waren und als imperialistische Herrschaft der an der
Spitze
der Produktivitätsentwicklung stehenden Zonen vorhanden. In diesen
fortgeschrittenen Zonen wird der gesellschaftliche Raum durch eine
ununterbrochene Übereinanderlagerung geologischer Warenschichten
überschwemmt.
An diesem Punkt der "zweiten industriellen Revolution" wird neben der
entfremdeten Produktion der entfremdete Konsum zu einer zusätzlichen Pflicht
für
die Massen. Die ganze verkaufte Arbeit einer Gesellschaft wird völlig zur
Gesamtware, deren Kreislauf sich fortsetzen muß. Dazu muß diese Gesamtware
dem
fragmentarischen Individuum, das von den als ein Ganzes wirkenden
Produktivkräften absolut getrennt ist, fragmentarisch zurückkehren. Hier muß
sich gerade die spezialisierte Wissenschaft der Herrschaft ihrerseits
spezialisieren: sie zerbröckelt in Soziologie, Psychotechnik, Kybernetik,
Semiologie usw. und wacht über die Selbstregulierung aller Stufen des
Prozesses.


43

Während in der ursprünglichen Phase der kapitalistischen Akkumulation "die
Nationalökonomie den Proletarier nur als Arbeiter betrachtet", der das zur
Erhaltung seiner Arbeitskraft unentbehrliche Minimum bekommen muß, ohne ihn
jemals "in seiner arbeitslosen Zeit, als Mensch" zu betrachten, kehrt sich
diese
Denkweise der herrschenden Klasse um, sobald der in der Warenproduktion
erreichte Überflußgrad vom Arbeiter einen Überschuß von Kollaboration
erfordert.
Dieser Arbeiter, von der vollständigen Verachtung plötzlich reingewaschen,
die
ihm durch alle Organisations- und Überwachungsbedingungen der Produktion
deutlich gezeigt wird, findet sich jeden Tag außerhalb dieser Produktion, in
der
Verkleidung des Konsumenten, mit überaus zuvorkommender Höflichkeit
scheinbar
wie ein Erwachsener behandelt. Da nimmt der Humanismus der Ware den Arbeiter
"in
seiner arbeitslosen Zeit und als Mensch" in die Hand ganz einfach deswegen,
weil
die politische Ökonomie diese Sphären beherrschen kann und muß. So hat "die
konsequente Durchführung der Verleugnung des Menschen" die Ganzheit der
menschlichen Existenz in die Hand genommen.


44

Das Geistige Eigentum ist ein ständiger Opiumkrieg, um die Identifizierung
der
Güter mit den Waren und auch die der Zufriedenheit mit dem sich nach seinen
eigenen Gesetzen vermehrenden Überleben aufzuzwingen. Wenn aber das
konsumierbare Überleben etwas ist, das sich ständig vermehren muß, so
deshalb,
weil es die Entbehrung immer noch enthält. Wenn es kein Jenseits des
vermehrten
Überlebens gibt, keinen Punkt, an dem dieses Überleben sein Wachstum beenden
könnte, so deshalb, weil es selbst nicht jenseits der Entbehrung liegt,
sondern
die reicher gewordene Entbehrung ist.


45

Mit der Automation, die der fortgeschrittenste Bereich der modernen
Industrie
und zugleich das Modell ist, in dem sich deren Praxis vollkommen
zusammenfaßt,
muß die Warenwelt den folgenden Widerspruch überwinden: die technische
Instrumentierung, die objektiv die Arbeit abschafft, muß gleichzeitig die
Arbeit
als Ware und als einzigen Geburtsort der Ware erhalten. Damit die Automation
oder jede andere weniger extreme Form der Produktivitätssteigerung der
Arbeit,
die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit wirklich nicht verkürzt, müssen
neue
Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Tertiärsektor, die Dienstleistungen
sind
das ungeheure Ausdehnungsfeld für die Etappenlinien der Distributions- und
Lobpreisungsarmee der heutigen Waren; gerade in der Künstlichkeit der
Bedürfnisse nach solchen Waren findet diese Mobilisierung von
Ergänzungskräften
glücklich die Notwendigkeit einer solchen Organisation der Nachhut-Arbeit
vor.


46

Der Tauschwert konnte sich nur als Agent des Gebrauchswerts bilden, aber
sein
durch seine eigenen Waffen errungener Sieg hat die Bedingungen seiner
autonomen
Herrschaft geschaffen. Durch die Mobilisierung jedes menschlichen Gebrauchs
und
die Ergreifung des Monopols von dessen Befriedigung ist der Tauschwert
endlich
dazu gekommen, den Gebrauch zu steuern. Der Tauschprozeß hat sich mit jedem
möglichen Gebrauch identifiziert und hat ihn auf seine Gnade und Ungnade
unterjocht. Der Tauschwert ist der Kondottiere des Gebrauchswertes, der
endlich
den Krieg für seine eigene Tasche führt.


47

Jene Konstante der kapitalistischen Wirtschaft, die in dem tendenziellen
Fall
des Gebrauchswerts besteht, entwickelt eine neue Form der Entbehrung
innerhalb
des vermehrten Überlebens; dieses ist ebensowenig von der alten Not befreit,
da
es die Mitwirkung der großen Mehrheit der Menschen als Lohnarbeiter zur
endlosen
Fortsetzung seines Strebens fordert und da jeder weiß, daß er sich entweder
unterwerfen oder sterben muß. Die Wirklichkeit dieser Erpressung, d.h. die
Tatsache, daß der Gebrauch in seiner ärmsten Form (Essen, Wohnen) nur noch
besteht, soweit er im Scheinreichtum des vermehrten Überlebens
eingeschlossen
bleibt, ist die wirkliche Grundlage dafür, daß die Täuschung überhaupt beim
Konsum der modernen Waren hingenommen wird. Der wirkliche Konsument wird zu
einem Konsumenten von Illusionen. Die Ware ist diese wirkliche Illusion und
das
Geistige Eigentum ihre allgemeine Äußerung.


48

Der Gebrauchswert, der im Tauschwert implizit mit inbegriffen war, muß jetzt
in
der verkehrten Realität des Geistigen Eigentums explizit verkündet werden,
und
zwar gerade weil seine Wirklichkeit durch die überentwickelte
Warenwirtschaft
zersetzt wird und weil eine Pseudorechtfertigung zum falschen Leben nötig
wird.


49

Das Geistige Eigentum ist die andere Seite des Geldes: das abstrakte
allgemeine
Äquivalent aller Waren. Wenn aber das Geld als Vertretung der zentralen
Äquivalenz, d.h. als Vertretung der vielfältigen Güter - deren Gebrauch
unvergleichbar blieb - die Gesellschaft beherrscht hat, ist das Geistige
Eigentum seine moderne, entwickelte Ergänzung, in der die Totalität der
Warenwelt als allgemeine Äquivalenz mit all dem, was die Gesamtheit der
Gesellschaft sein und tun kann, im Ganzen erscheint: Das Geistige Eigentum
ist
das Geld, das man nur anblickt, denn das Ganze des Gebrauchs hat sich in ihm
schon gegen das Ganze der abstrakten Vorstellung ausgetauscht. Das Geistige
Eigentum ist nicht nur der Diener des Pseudogebrauchs, es ist bereits in
sich
selbst der Pseudogebrauch des Lebens.


50

Beim wirtschaftlichen Überfluß wird das konzentrierte Ergebnis der
gesellschaftlichen Arbeit augenscheinlich und unterwirft jede Realität dem
Schein, der nun sein Produkt ist. Das Kapital ist nicht mehr das unsichtbare
Zentrum, das die Produktionsweise leitet: seine Akkumulation breitet es in
der
Form von sinnlichen Gegenständen bis an die Peripherie aus. Die ganze
Ausdehnung
der Gesellschaft ist sein Porträt.


51

Der Sieg der autonomen Wirtschaft muß zugleich ihr Untergang sein. Die
Kräfte,
die sie entfesselt hat, beseitigen die wirtschaftliche Notwendigkeit, die
die
unwandelbare Grundlage der alten Gesellschaften war. Wenn diese autonome
Wirtschaft durch die Notwendigkeit der endlosen wirtschaftlichen Entwicklung
die
wirtschaftliche Notwendigkeit ersetzt, kann sie nur die Befriedigung der
summarisch anerkannten ersten menschlichen Bedürfnisse durch eine
ununterbrochene Erzeugung von Pseudobedürfnissen ersetzen, die sich auf das
einzige Pseudobedürfnis der Aufrechterhaltung ihres Reichs zurückführen
lassen.
Die autonome Wirtschaft aber hebt sich für immer vom tiefen Bedürfnis im
gleichen Maße ab, wie sie aus dem gesellschaftlichen Unbewußten heraustritt,
das
von ihr abhing, ohne es zu wissen. "Alles, was bewußt ist, nutzt sich ab.
Was
unbewußt ist, bleibt unveränderlich. Aber wenn es einmal befreit ist,
zerfällt
es dann nicht seinerseits?" (Freud)


52

In dem Moment, in dem die Gesellschaft entdeckt, daß sie von der Wirtschaft
abhängt, hängt die Wirtschaft tatsächlich von ihr ab. Diese unterirdische
Macht,
die bis zu ihrem souveränen Erscheinen wuchs, hat auch ihre Macht verloren.
Wo
das wirtschaftliche Es war, muß das Ich werden. Das Subjekt kann nur aus der
Gesellschaft, d.h. aus dem Kampf, der in ihr selbst ist, hervorgehen. Seine
mögliche Existenz hängt von den Ergebnissen des Klassenkampfs ab, der sich
als
Produkt und Produzent der wissenschaftlichen Grundlegung der Geschichte
offenbart.


53

Das Bewußtsein der Begierde und die Begierde des Bewußtseins sind identisch
derjenige Entwurf, der in seiner negativen Form die Aufhebung der Klassen
will,
d.h. die unmittelbare Herrschaft der Arbeiter über alle Momente ihrer
Tätigkeit.
Sein Gegenteil ist die Gesellschaft des Geistigen Eigentums, in der die Ware
sich selbst in einer von ihr geschaffenen Welt anschaut.


III. Einheit und Teilung im Recht

"An der Front der Philosophie durchzieht eine neue lebhafte Polemik das Land
über die Begriffe "eins teilt sich in zwei" und "zwei vereinigen sich zu
einem".
Dieser Streit ist ein Kampf zwischen denjenigen, die für, und denjenigen,
die
gegen die materialistische Dialektik sind, ein Kampf zwischen zwei
Weltanschauungen, der proletarischen und der bürgerlichen. Diejenigen, die
die
Meinung verfechten, daß "sich eins in zwei teilt" das grundlegende Gesetz
der
Dinge ist, stehen auf der Seite der materialistischen Dialektik; diejenigen,
die
die Meinung verfechten, daß "sich zwei zu einem vereinigen", sind Gegner der
materialistischen Dialektik. Die beiden Seiten haben eine klare
Demarkationslinie zwischen einander gezogen, und ihre Argumente sind
diametral
entgegengesetzt. Diese Polemik spiegelt auf der ideologischen Ebene den
zugespitzten und komplexen Klassenkampf wider, der sich in China und in der
Welt
abspielt."

Die Rote Fahne - Peking, 21. September 1964


54

Wie die moderne Gesellschaft ist das Geistige Eigentum zugleich geeint und
geteilt. Wie sie baut es seine Einheit auf die Zerrissenheit auf. Aber wenn
der
Widerspruch im Geistigen Eigentum auftaucht, wird ihm seinerseits durch eine
Umkehrung seines Sinnes widersprochen; so daß die aufgezeigte Teilung
einheitlich ist, während die aufgezeigte Einheit geteilt ist.


55

Der Kampf von Gewalten, die zur Verwaltung desselben sozialökonomischen
Systems
entstanden sind, entfaltet sich als der offizielle Widerspruch, der in
Wirklichkeit zur tatsächlichen Einheit gehört; das gilt ebenso im
Weltmaßstab
wie innerhalb jeder Nation.


56

Die falschen, proprietären Kämpfe zwischen den rivalisierenden Formen der
getrennten Gewalt sind zugleich real, indem sie die ungleiche, konflikthafte
Entwicklung des Systems äußern, und auch die relativ widersprüchlichen
Interessen der Klassen oder Klassenunterabteilungen, die das System
anerkennen
und ihre eigene Teilnahme an seiner Gewalt definieren. Wie die Entwicklung
der
fortgeschrittenen Wirtschaft im Zusammenstoß bestimmter Prioritäten mit
anderen
besteht, so werden die durch eine Staatsbürokratie ausgeübte totalitäre
Verwaltung der Wirtschaft und der Zustand der Länder, welche sich in die
Sphäre
der Kolonisation oder Halbkolonisation gestellt fanden, durch beträchtliche
Besonderheiten in den Produktions- und Machtbedingungen definiert. Diese
verschiedenen Gegensätze können sich im Geistigen Eigentum mit ganz
unterschiedlichen Kriterien gemessen, als absolut verschiedenartige
Gesellschaftsformen geben. Aber ihrer Wirklichkeit als besonderen Bereichen
gemäß, liegt die Wahrheit ihrer Besonderheit im allgemeinen System, das sie
enthält: in der einzigen Bewegung, die den ganzen Planeten zu ihrem
Spielraum
gemacht hat, d.h. im Kapitalismus.


57

Die Gesellschaft, die das Geistige Eigentum unterhält, beherrscht die
unterentwickelten Gebiete nicht allein durch ihre wirtschaftliche Hegemonie.
Sie
beherrscht sie auch als Gesellschaft des Geistigen Eigentums. Dort, wo die
materielle Grundlage noch fehlt, hat die moderne Gesellschaft bereits
proprietär
auf die gesellschaftliche Oberfläche jedes Kontinents übergegriffen. Sie
definiert das Programm einer herrschenden Klasse und leitet deren
Herausbildung.
Wie sie die zu begehrenden Pseudogüter zeigt, so bietet sie den lokalen
Revolutionären die falschen Vorbilder von Revolutionen dar. Das besondere
Geistige Eigentum der bürokratischen Gewalt, die einige industrielle Länder
unter ihrer Macht hält, gehört eben zum Geistigen Gesamteigentum, als seine
allgemeine Pseudo-Negation und seine Stütze. Wenn das Geistige Eigentum, in
seinen verschiedenen Lokalisierungen betrachtet, totalitäre
Spezialisierungen
der gesellschaftlichen Sprache und Verwaltung an den Tag legt, so
verschmelzen
diese auf der Ebene der Gesamtfunktion des Systems zu einer weltweiten
Teilung
der Aufgaben im Geistigen Eigentum.


58

Die Teilung der Aufgaben im Geistigen Eigentum, die die Allgemeinheit der
bestehenden Ordnung erhält, erhält hauptsächlich den beherrschenden Pol
ihrer
Entwicklung. Die Wurzel des Geistigen Eigentums liegt im Boden der zum
Überfluß
gewordenen Wirtschaft, und von dort kommen die Früchte her, die schließlich
nach
der Herrschaft über den proprietären Markt trachten, und dies trotz der
polizeilich-ideologischen Schutzzollschranken irgendeines lokalen Geistigen
Eigentums, das Autarkie beansprucht.


59

Die Banalisierungsbewegung, die hinter den schillernden Ablenkungen des
Geistigen Eigentums die moderne Gesellschaft weltweit beherrscht, beherrscht
sie
auch auf jedem der Punkte, wo der entwickelte Warenkonsum die zur Auswahl
stehenden Rollen und Gegenstände scheinbar vervielfacht hat. Die Überreste
von
Religion und Familie - die die Hauptform des Erbes der Klassengewalt bleibt
-,
und folglich der von ihnen ausgeübten moralischen Repression, können als ein
und
dasselbe mit der weitschweifigen Behauptung des Genusses dieser Welt
kombiniert
werden; während diese Welt gerade nur als Pseudogenuß produziert wird, der
die
Repression in sich bewahrt. Mit der seligen Hinnahme des Bestehenden kann
auch
die rein proprietäre Empörung als ein und dasselbe verbunden werden: dies
äußert
sich in der einfachen Tatsache, daß die Unzufriedenheit selbst zu einer Ware
geworden ist, sobald der wirtschaftliche Überfluß fähig wurde, seine
Produktion
bis auf die Bearbeitung eines solchen Rohstoffes auszudehnen.


60

Indem er das Bild einer möglichen Rolle in sich konzentriert, konzentriert
der
Star - d.h. die proprietäre Vorstellung des lebendigen Menschen - diese
Banalität. Der Stand eines Stars ist die Spezialisierung des scheinbaren
Erlebten, ist das Objekt der Identifizierung mit dem untiefen, scheinbaren
Leben, welches die Zerstückelung der wirklich erlebten
Produktionsspezialisierungen aufwiegen soll. Die Stars sind da, um
verschiedenerlei Typen von Lebensstilen und Gesellschaftsauffassungen
darzustellen, denen es global zu wirken freisteht. Sie verkörpern das
unzulängliche Resultat der gesellschaftlichen Arbeit, indem sie
Nebenprodukte
dieser Arbeit mimen, die als deren Zweck magisch über sie erhoben werden:
die
Macht und die Ferien, die Entscheidung und der Konsum, die am Anfang und am
Ende
eines unbestrittenen Prozesses stehen. Dort personalisiert sich die
Regierungsgewalt zu einem Pseudostar, hier läßt sich der Star des Konsums
als
Pseudogewalt über das Erleben durch Plebiszit akklamieren. Aber diese
Aktivitäten des Stars sind ebensowenig wirklich global wie verschiedenartig.


61

Der als Star in Szene gesetzte Agent des Geistigen Eigentums ist das
Gegenteil,
der Feind des Individuums, an sich selbst ebenso offensichtlich wie bei den
anderen. Indem er als Identifikationsmodell ins Geistige Eigentum übergeht,
hat
er auf jede autonome Eigenschaft verzichtet, um sich selbst mit dem
allgemeinen
Gesetz des Gehorsams gegenüber dem Lauf der Dinge zu identifizieren. Wenn er
auch nach außen hin die Darstellung verschiedener Persönlichkeitstypen ist,
zeigt der Konsumstar jeden dieser Typen, als ob er gleichmäßig zur
Gesamtheit
des Konsums gelangen und dabei gleicherweise sein Glück finden könne. Der
Star
der Entscheidung muß den vollständigen Bestand all dessen besitzen, was an
menschlichen Eigenschaften zugelassen wird. So werden die offiziellen
Gegensätzlichkeiten zwischen ihnen durch die offizielle Ähnlichkeit
vernichtet,
die die Voraussetzung ihrer Vortrefflichkeit in allem ist. Schröder ist
Kanzler
geworden, um über die Schlacht von Stalingrad zu entscheiden, doch nicht auf
dem
Felde, sondern am sechzigsten Jahrestag, als er der Machthaber des Staates
war.
Brandt blieb ein Redner noch als er selbst seine Leichenrede an seinem
eigenen
Grabe hielt, denn Klaus Harpprecht redigierte zu dieser Zeit noch für den
Nachfolger die Reden in jenem Stil, der so viel dazu beitrug, daß die
bewundernswerten Leute, in denen sich das System personifiziert, nicht das
sind,
was sie sind; sie sind große Männer geworden, weil sie unter die Realität
des
bescheidensten, individuellen Lebens herabgesunken sind, und jedermann weiß
das.


62

Die falsche Auswahl im proprietären Überfluß, die in der
Nebeneinanderreihung
von konkurrierendem und solidarischem Geistigem Eigentum sowie in der
Nebeneinanderstellung von einander ausschließenden und ineinandergreifenden
Rollen (die hauptsächlich von Gegenständen getragen und ausgedrückt werden)
besteht, entwickelt sich zu einem Kampf zwischen gespenstischen Qualitäten,
die
die Zustimmung zur quantitativen Trivialiät leidenschaftlich begeistern
sollen.
So erstehen falsche, archaische Gegensätze, Regionalismen oder Rassismen
wieder
auf, die die Vulgarität der hierarchischen Platzverteilung innerhalb des
Konsums
zu einer phantastischen, ontologischen Überlegenheit verklären sollen. So
setzt
sich die endlose Reihe der lächerlichen Zusammenstöße wieder zusammen, die
von
den sportlichen Wettkämpfen bis zu den Wahlen ein noch nicht einmal
ludistisches
Interesse mobilisieren. Dort, wo sich der Konsum im Überfluß niedergelassen
hat,
nimmt ein hauptsächlicher schauspielhafter Gegensatz zwischen der Jugend und
den
Erwachsenen den Vordergrund des trügerischen Rollenspiels ein: denn nirgends
gibt es einen Erwachsenen, einen Herrn über sein Leben, und die Jugend, die
Änderung des Bestehenden, ist keineswegs das Eigentum derjenigen, die jetzt
jung
sind, sondern sie gehört dem Wirtschaftssystem, dem Dynamismus des
Kapitalismus
an. Dinge sind es, die herrschen und jung sind, die einander verjagen und
ersetzen.


63

Hinter den proprietären Gegensätzen verbirgt sich die Einheit des Elends.
Wenn
verschiedene Formen derselben Entfremdung einander unter den Masken der
totalen
Auswahl bekämpfen, so deswegen, weil sie alle auf den verdrängten,
wirklichen
Widersprüchen aufgebaut sind. Nach den Erfordernissen der besonderen Stufe
des
Elends, das es verleugnet und aufrechterhält, existiert das Geistige
Eigentum in
einer konzentrierten oder diffusen Form. In beiden Fällen ist es nur ein von
Trostlosigkeit und Grausen umgebenes Bild glücklicher Vereinigung im stillen
Zentrum des Unglücks.


64

Das konzentrierte Geistige Eigentum gehört wesentlich zum bürokratischen
Kapitalismus, wenn es auch als Technik der Staatsgewalt über rückständigere
halbstaatliche Wirtschaften oder in bestimmten Krisenzeiten des
fortgeschrittenen Kapitalismus eingeführt werden kann. Das bürokratische
Eigentum ist tatsächlich selbst konzentriert in dem Sinne, daß der einzelne
Bürokrat lediglich vermittels der bürokratischen Gemeinschaft, nur als deren
Mitglied, mit dem Besitz der Gesamtwirtschaft verbunden ist. Außerdem stellt
sich auch die hier weniger entwickelte Warenproduktion in einer
konzentrierten
Form dar: die von der Bürokratie verwahrte Ware ist die ganze
gesellschaftliche
Arbeit, und was sie der Gesellschaft wiederverkauft, ist deren Überleben im
ganzen. Die Diktatur der bürokratischen Wirtschaft kann den ausgebeuteten
Massen
keine nennenswerte Wahlfreiheit lassen, denn sie hat alles selbst wählen
müssen
und jede andere äußere Wahl, ob sie nun die Ernährung oder die Musik
betrifft,
ist deshalb bereits die Wahl ihrer vollständigen Zerstörung. Sie muß von
einer
ständigen Gewaltsamkeit begleitet werden. Das in ihrem Geistigen Eigentum
aufgedrängte Bild des Guten versammelt in sich die Gesamtheit des offiziell
Bestehenden und konzentriert sich normalerweise auf einen einzigen Menschen,
der
der Garant seines totalitären Zusammenhaltes ist. Jedermann muß sich
entweder
magisch mit diesem absoluten Star identifizieren oder verschwinden. Denn
dieser
Star ist der Herr seines Nichtkonsums und das heroische Bild einer
annehmbaren
Deutung für jene absolute Ausbeutung, worin die vom Terror beschleunigte
ursprüngliche Akkumulation in Wirklichkeit besteht. Wenn jeder Chinese Mao
lernen und folglich Mao sein muß, so heißt das, daß er nichts anderes zu
sein
hat. Wo das konzentrierte Geistige Eigentum herrscht, da herrscht auch die
Polizei.


65

Das diffuse Geistige Eigentum begleitet den Warenüberfluß, d.h. die
ungestörte
Entwicklung des modernen Kapitalismus. In diesem Fall ist jede einzelne Ware
im
Namen der Größe der Gesamtproduktion der Gegenstände gerechtfertigt, deren
Geistiges Eigentum ein apologetischer Katalog ist. Unvereinbare Behauptungen
drängen sich auf der Bühne des vereinigten Geistigen Eigentums der
Überflußwirtschaft, ebenso wie verschiedene Star-Waren gleichzeitig ihre
widersprüchlichen Einrichtungspläne der Gesellschaft vortragen, in der das
Geistige Eigentum der Kraftwagen einen vollkommenen Verkehr verlangt, der
die
Altstädte zerstört, während das Geistige Eigentum der Stadt selbst
Museen-Viertel braucht. Daher wird die bereits problematische Zufriedenheit,
die
angeblich dem Konsum der Gesamtheit eignet, unmittelbar verfälscht, indem
der
wirkliche Konsument direkt nur eine Aufeinanderfolge von Bruchstücken dieses
Warenglücks berühren kann, denen jedesmal die der Gesamtheit zugeschriebene
Qualität offensichtlich fehlt.


66

Jede bestimmte Ware kämpft für sich selbst, kann die anderen nicht
anerkennen,
will sich überall durchsetzen, als ob sie die einzige wäre. Damit wird das
Geistige Eigentum zum epischen Gesang dieses Zusammenstoßes, den der Fall
keines
Ilion beenden könnte. Das Geistige Eigentum besingt nicht die Männer und
ihre
Waffen, sondern die Waren und ihre Leidenschaften. In diesem blinden Kampf
vollbringt jede Ware, indem sie sich von ihrer Leidenschaft hinreißen läßt,
bewußtlos ein Höheres: das weltlich-Werden der Ware, das ebenso das
zur-Ware-Werden der Welt ist. So kämpft sich, dank einer List der
Warenvernunft,
das Besondere der Ware aneinander ab, während die Warenform auf ihre
absolute
Verwirklichung zugeht.


67

Die Befriedigung, die die Ware im Überfluß durch den Gebrauch nicht mehr
verschaffen kann, wird in der Anerkennung ihres Wertes als Ware gesucht:
dies
ist der Gebrauch der Ware, der sich selbst genügt; und dies ist für den
Konsumenten der religiöse Erguß vor der souveränen Freiheit der Ware. So
breiten
sich mit großer Geschwindigkeit Begeisterungswellen für ein mit allen
Informationsmitteln gestütztes und angekurbeltes bestimmtes Produkt aus. Ein
Kleidungsstil entsteht aus einem Film, eine Zeitschrift lanciert Klubs, die
ihrerseits verschiedenen Ausrüstungen lancieren. Das "Gadget" spricht diese
Tatsache aus, daß im gleichen Augenblick, da die Masse der Waren dem Irrsinn
zugleitet, das Irrsinnige selbst zu einer besonderen Ware wird. An den
Werbeschlüsselringen z.B., die nicht mehr gekauft werden, sondern als Zugabe
bei
dem Verkauf von Prestigegegenständen geschenkt werden oder die durch
Austausch
aus ihrer eigenen Sphäre herkommen, läßt sich die Äußerung einer mystischen
Selbsthingabe an die Transzendenz der Ware erkennen. Wer die Schlüsselringe
sammelt, die nur zum Sammeln erzeugt wurden, häuft die Ablaßbriefe der Ware,
ein
ruhmreiches Zeichen ihrer wirklichen Gegenwart unter ihren Getreuen. Der
verdinglichte Mensch trägt den Beweis seiner Intimität mit der Ware zur
Schau.
Wie bei dem krampfhaften Taumeln oder den Wunderheilungen der Schwärmer des
alten religiösen Fetischismus gelangt auch der Warenfetischismus zu Momenten
schwärmerischer Erregung. Der einzige Gebrauch, der sich hier noch äußert,
ist
der grundlegende Brauch der Unterwerfung.


68

Zweifellos läßt sich das im modernen Konsum aufgezwungene Pseudobedürfnis
keinem
echten Bedürfnis oder Begehren entgegensetzen, das nicht selbst durch die
Gesellschaft und ihre Geschichte geformt wäre. Aber die Ware im Überfluß
existiert als der absolute Bruch einer organischen Entwicklung der
gesellschaftlichen Bedürfnisse. Ihre mechanische Akkumulation macht ein
unbeschränktes Künstliches frei, angesichts dessen die lebendige Begierde
entwaffnet ist. Die kumulative Macht eines unabhängigen Künstlichen zieht
überall die Verfälschung des gesellschaftlichen Lebens nach sich.


69

Im Bild der glücklichen Vereinheitlichung der Gesellschaft durch den Konsum
ist
die reale Teilung nur bis zum nächsten Nichterfüllen im Konsumierbaren
aufgeschoben. Jedes besondere Produkt, das die Hoffnung auf eine
blitzschnelle
Abkürzung darstellen soll, um endlich ins gelobte Land des totalen Konsums
zu
gelangen, wird der Reihe nach zeremoniös als die entscheidende Einzelheit
hingestellt. Aber wie im Falle der augenblicklichen Verbreitung der Moden
von
scheinbar aristokratischen Vornamen, die von fast allen gleichaltrigen
Individuen getragen werden, so konnte der Gegenstand, von dem eine besondere
Gewalt erwartet wird, nur dadurch der Andacht der Massen angeboten werden,
daß
er in einer hinreichend großen Zahl von Exemplaren vervielfältigt wurde, um
massenhaft konsumiert zu werden. Der Prestigecharakter kommt diesem
beliebigen
Produkt nur dadurch zu, daß es als offenbares Mysterium der
Produktionsfinalität
für einen Moment ins Zentrum des gesellschaftlichen Lebens gestellt wurde.
Der
Gegenstand, der im Geistigen Eigentum ein Prestige hatte, wird vulgär,
sobald er
bei diesem Konsumenten und gleichzeitig bei allen anderen eintritt. Zu spät
bringt er seine wesentliche Armut ans Tageslicht, die er natürlich vom Elend
seiner Produktion her hat. Aber schon trägt ein anderer Gegenstand die
Rechtfertigung des Systems und die Forderung, anerkannt zu werden.


70

Der Betrug der Befriedigung muß sich selbst denunzieren, indem er sich
erneuert,
indem er die Veränderung der Produkte und der allgemeinen
Produktionsbedingungen
verfolgt. Was mit der vollkommensten Unverschämtheit seine eigene endgültige
Vortrefflichkeit behauptet hat, ändert sich dennoch im diffusen Geistigen
Eigentum, aber auch im konzentrierten Geistigen Eigentum, und das System
allein
muß fortdauern: Stalin wie die veraltete Ware werden von ebendenen
denunziert,
die sie eingeführt haben. Jede neue Lüge der Werbung ist auch das
Eingeständnis
ihrer vorigen Lüge. Jeder Sturz einer Gestalt der totalitären Gewalt
offenbart
die illusorische Gemeinschaft, die sie einstimmig guthieß und die nur ein
Agglomerat von illusionslosen Einsamkeiten war.


71

Was das Geistige Eigentum als dauernd präsentiert, ist auf die Veränderung
gegründet und muß sich mit seiner Basis verändern. Das Geistige Eigentum ist
absolut dogmatisch und zugleich ist es ihm unmöglich, zu irgendeinem festen
Dogma zu kommen. Für das Geistige Eigentum hört nichts auf; dies ist sein
natürlicher und dennoch seiner Neigung entgegengesetztester Zustand.


72

Die durch das Geistige Eigentum ausposaunte irreale Einheit ist die Maske
der
Klassenteilung, auf der die reale Einheit der kapitalistischen
Produktionsweise
beruht. Was die Produzenten verpflichtet, an dem Erbauen der Welt
teilzunehmen,
ist auch das, was sie davon ausschließt. Was die von ihren lokalen und
nationalen Schranken befreiten Menschen in Beziehung zueinander bringt, ist
auch
das, was sie voneinander entfernt. Was zur Vertiefung des Rationellen
verpflichtet, ist auch das, was das Irrationelle der hierarchischen
Ausbeutung
und der Repression nährt. Was die abstrakte Gewalt der Gesellschaft erzeugt,
erzeugt auch ihre konkrete Unfreiheit.


IV. Das Proletariat als Subjekt und als Eigentümer

"Gleiches Recht aller auf die Güter und die Genüsse dieser Welt, die
Zerstörung
jeder Autorität und die Verneinung aller moralischen Schranken: das ist,
wenn
man der Sache auf den Grund geht, der wesentliche Zweck des Aufstandes vom
18.
März und die Charta der gefürchteten Assoziation, die ihm eine Armee
verschaffte."

Parlamentarische Untersuchung über den Aufstand des 18. März


73

Die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt, regiert die
Gesellschaft seit dem Sieg der Bourgeoisie in der Wirtschaft, sichtbar aber
erst
seit der politischen Übertragung dieses Sieges. Die Entwicklung der
Produktivkräfte hat die alten Produktionsverhältnisse gesprengt, und jede
statistische Ordnung zerfällt zu Staub. Alles, was absolut war, wird
geschichtlich.


74

Indem sie in die Geschichte geworfen sind, indem sie an der Arbeit und an
den
Kämpfen, aus denen diese Geschichte besteht, teilnehmen müssen, sind die
Menschen gezwungen, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen
anzusehen. Diese Geschichte hat kein anderes Objekt als das, was sie an sich
selbst verwirklicht, obwohl die letzte, bewußtlose, metaphysische Anschauung
von
der geschichtlichen Epoche das produktive Fortschreiten, durch das sich die
Geschichte entfaltet hat, als eigentliches Objekt der Geschichte betrachten
kann. Das Subjekt der Geschichte kann nur das Lebende sein, das sich selbst
produziert und zum Herrn und Besitzer seiner Welt wird - die die Geschichte
ist
- und als Bewußtsein seines Spiels existiert.


75

Als ein und dieselbe Strömung entwickeln sich die Klassenkämpfe der langen
revolutionären Epoche, die durch den Aufstieg der Bourgeoisie eröffnet
wurde,
und das Denken der Geschichte, d.h. die Dialektik, das Denken, das nicht
mehr
bei der Suche nach dem Sinn des Seienden stehen bleibt, sondern sich zur
Erkenntnis der Auflösung alles Bestehenden erhebt, und in der Bewegung jede
Trennung auflöst.


76

Hegel hatte nicht mehr die Welt zu interpretieren, sondern die Veränderung
der
Welt. Indem er die Veränderung nur interpretierte, ist er nur die
philosophische
Vollendung der Philosophie. Er will eine Welt begreifen, die sich selbst
erzeugt. Dieses geschichtliche Denken ist nur erst das Bewußtsein, das immer
zu
spät kommt und die Rechtfertigung post festum ausspricht. Es hat die
Trennung
daher nur im Gedanken aufgehoben. Das Paradox, das darin besteht, den Sinn
jeder
Realität von ihrer geschichtlichen Vollendung abhängen zu lassen und
zugleich,
sich selbst als die Vollendung der Geschichte hinstellend, diesen Sinn zu
enthüllen, ergibt sich aus der einfachen Tatsache, daß der Denker der
bürgerlichen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts in seiner Philosophie
nur
die Versöhnung mit deren Ergebnis gesucht hat. "Sie drückt auch als
Philosophie
der bürgerlichen Revolution nicht den ganzen Prozeß dieser Revolution aus,
sondern nur seinen letzten Abschluß. Sie ist insofern eine Philosophie nicht
der
Revolution, sondern der Restauration." (Karl Korsch, Thesen über Hegel und
die
Revolution.) Hegel hat zum letzten Mal die Arbeit des Philosophen geleistet,
"die Verklärung des Bestehenden"; aber schon für ihn konnte das Bestehende
nur
die Totalität der geschichtlichen Bewegung sein. Da die äußere Stellung des
Gedankens in der Tat aufrechterhalten wurde, konnte sie nur durch ihre
Identifizierung mit einem vorausgehenden Vorhaben des Geistes, des absoluten
Helden verhüllt werden, der vollbracht hat, was er wollte, und wollte, was
er
vollbracht hat, und dessen Erfüllung mit der Gegenwart zusammenfällt. Daher
kann
die Philosophie, die im Denken der Geschichte stirbt, ihre Welt nur noch
dadurch
verklären, daß sie sie verleugnet, denn um das Wort zu ergreifen, muß sie
bereits das Ende dieser totalen Geschichte, auf die sie alles zurückgeführt
hat,
und den Schluß der Sitzung des einzigen Gerichts voraussetzen, das das
Urteil
der Wahrheit fällen kann.


77

Wenn das Proletariat durch seine eigene Existenz in Taten offenbart, daß
sich
dieses Denken der Geschichte nicht vergessen hat, ist das Dementi des
Schlusses
zugleich auch die Bestätigung der Methode.


78

Das Denken der Geschichte kann nur dadurch gerettet werden, daß es
praktisches
Denken wird, und die Praxis des Proletariats als revolutionäre Klasse kann
nicht
weniger sein als das geschichtliche Bewußtsein, das auf die Totalität seiner
Welt wirkt. Alle theoretischen Strömungen der revolutionären
Arbeiterbewegung
sind aus einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Hegelschen Denken
hervorgegangen, bei Marx ebenso wie bei Stirner und Bakunin.


79

Die Untrennbarkeit der Hegelschen Methode von der Marxschen Theorie ist
selbst
untrennbar von dem revolutionären Charakter dieser Theorie, d.h. von ihrer
Wahrheit. Hierin ist diese erste Beziehung allgemein unbekannt geblieben
oder
mißverstanden oder sogar als die Schwäche dessen angeprangert worden, was
trügerisch zu einer marxistischen Lehre wurde. In "Die Voraussetzungen des
Sozialismus und die Aufgabe der Sozialdemokratie" enthüllt Bernstein
vollkommen
diese Verbindung der dialektischen Methode mit der geschichtlichen
Parteinahme,
wenn er die unwissenschaftlichen Voraussagen des Manifests von 1847 über das
nahe Bevorstehen der proletarischen Revolution in Deutschland beklagt:
"Diese
geschichtliche Selbsttäuschung, wie sie der erste beste politische Schwärmer
kaum überbieten konnte, würde bei einem Marx, der schon damals ernsthaft
Ökonomie getrieben hatte, unbegreiflich sein, wenn man in ihr nicht das
Produkt
eines Restes Hegelscher Widerspruchsdialektik zu erblicken hätte, das Marx -
ebenso wie Engels - sein Lebtag nicht völlig losgeworden ist, das aber
damals in
einer Zeit allgemeiner Gärung, ihm um so verhängnisvoller werden sollte."


80

Die Umkehrung, die Marx zwecks einer "Hinüberrettung" des Denkens der
bürgerlichen Revolution vornimmt, besteht nicht trivialerweise darin, durch
die
materialistische Entwicklung der Produktivkräfte das Fortschreiten des
Hegelschen Geistes zu ersetzen der sich selbst in der Zeit entgegen geht,
dessen
Vergegenständlichung mit seiner Entäußerung identisch ist und dessen
geschichtliche Wunden keine Narben zurücklassen. Die wirklich gewordene
Geschichte hat kein Ende mehr. Marx hat die getrennte Stellung Hegels
angesichts
dessen, was geschieht, und die Kontemplation jedes äußeren, höchsten Agenten
zugrunde gerichtet. Die Theorie hat nur noch zu erkennen, was sie tut. Im
Gegenteil ist die Kontemplation der Wirtschaftsbewegung im herrschenden
Denken
der gegenwärtigen Gesellschaft das nicht umgekehrte Erbe des undialektischen
Teils des Hegelschen Versuchs eines kreisförmigen Systems; sie ist eine
Billigung, die die Dimension des Begriffs verloren hat und die kein
Hegelianertum mehr braucht, um sich zu rechtfertigen, denn die Bewegung, die
es
zu loben gilt, ist nur mehr ein gedankenloser Bereich der Welt, dessen
mechanische Entwicklung tatsächlich das Ganze beherrscht. Das Marxsche
Projekt
ist das einer bewußten Geschichte. Das Quantitative, das in der blinden
Entwicklung der bloß wirtschaftlichen Produktivkräfte entsteht, muß sich in
eine
qualitative geschichtliche Aneignung verwandeln. Die Kritik der politischen
Ökonomie ist der erste Akt dieses Endes der Vorgeschichte. "Von allen
Produktionsinstrumenten ist die größte Produktivkraft die revolutionäre
Klasse
selbst."


81

Was die Marxsche Theorie eng mit dem wissenschaftlichen Denken verbindet,
ist
das rationelle Begreifen der Kräfte, die in der Gesellschaft walten. Aber
sie
ist grundlegend ein Jenseits des wissenschaftlichen Denkens, in dem dieses
nur
als aufgehobenes aufbewahrt wird: es geht um ein Begreifen des Kampfes und
keineswegs des Gesetzes. "Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die
Wissenschaft der Geschichte" heißt es in der deutschen Ideologie.


82

Die bürgerliche Epoche, die die Geschichte wissenschaftlich begründen will,
übersieht die Tatsache, daß diese verfügbare Wissenschaft vielmehr mit der
Ökonomie geschichtlich begründet werden sollte. Umgekehrt hängt die
Geschichte
radikal von dieser Kenntnis ab, aber nur insofern, als diese Geschichte
Wirtschaftsgeschichte bleibt. Wieweit im übrigen der Anteil der Geschichte
an
der Wirtschaft selbst - der Gesamtprozeß, der seine eigenen
wissenschaftlichen
Grundvoraussetzungen verändert - von dem Gesichtspunkt der
wissenschaftlichen
Beobachtung übersehen werden konnte, wird durch die Nichtigkeit der
sozialistischen Berechnungen gezeigt, die die exakte Periodizität der Krisen
festgestellt zu haben glaubten, und seitdem es der ständigen Intervention
des
Staates gelungen ist, die Wirkung der Krisentendenzen zu kompensieren, sieht
dieselbe Art von Beweisführung in diesem Gleichgewicht eine endgültige
wirtschaftliche Harmonie. Das Projekt, die Wirtschaft zu überwinden, von der
Geschichte Besitz zu ergreifen, kann nicht selbst wissenschaftlich sein,
auch
wenn es die Wissenschaft der Gesellschaft kennen (und zu sich zurückführen)
muß.
In dieser letzten Bewegung, die die gegenwärtige Geschichte durch eine
wissenschaftliche Erkenntnis zu beherrschen glaubt, ist der revolutionäre
Standpunkt bürgerlich geblieben.


83

Obwohl sie selbst in der Kritik der bestehenden gesellschaftlichen
Organisation
geschichtlich begründet sind, können die utopischen Strömungen des
Sozialismus
mit Recht als utopisch angesprochen werden, in dem Maße wie sie die
Geschichte
ablehnen - d.h. den stattfindenden wirklichen Kampf, ebenso wie die Bewegung
der
Zeit jenseits der unbeweglichen Vollkommenheit ihres Bildes von einer
glücklichen Gesellschaft -, nicht jedoch, weil sie die Wissenschaft
ablehnen.
Die utopischen Denker sind im Gegenteil ganz und gar vom wissenschaftlichen
Denken beherrscht, wie es sich in den vorigen Jahrhunderten durchgesetzt
hatte.
Sie suchen die Vollendung dieses allgemeinen rationellen Systems: sie
betrachten
sich keineswegs als entwaffnete Propheten, denn Sie glauben an die
gesellschaftliche Macht der wissenschaftlichen Beweisführung und sogar, im
Fall
des Saint-Simonismus an die Machtergreifung durch die Wissenschaft. Wie
fragt
Sombart, "sollte etwas, das durch Aufklärung, höchstens durch Beispiele in
seiner Vollkommenheit bewiesen werden soll, ertrotzt werden können im
Kampf?"
Die wissenschaftliche Auffassung der Utopisten erstreckt sich jedoch nicht
auf
die Erkenntnis, daß gesellschaftliche Gruppen in einer bestehenden Situation
Interessen haben und Kräfte, um sie aufrechtzuerhalten, sowie Formen
falschen
Bewußtseins, die solchen Stellungen entsprechen. Sie bleibt daher weit
diesseits
der geschichtlichen Realität der Wissenschaftsentwicklung selbst, deren
Richtung
weitgehend von der aus solchen Faktoren hervorgegangenen gesellschaftlichen
Nachfrage bestimmt wurde, die nicht nur das auswählt, was zugelassen,
sondern
auch das, was erforscht werden kann. Die utopischen Sozialisten, die
Gefangene
der Darstellungsweise der wissenschaftlichen Wahrheit geblieben sind,
begreifen
diese Wahrheit nach ihrem reinen abstrakten Bild, wie es sich in einem sehr
viel
früheren Stadium der Gesellschaft durchgesetzt haue. Die Utopisten wollen,
wie
Sorel bemerkte, die Gesetze der Gesellschaft nach dem Modell der Astronomie
entdecken und nachweisen. Die von ihnen erstrebte Harmonie, die der
Geschichte
feindlich ist, ergibt sich aus einem Versuch, die von der Geschichte am
wenigsten abhängige Wissenschaft auf die Gesellschaft anzuwenden. Diese
Harmonie
sucht ihre Anerkennung mit der gleichen experimentellen Unschuld wie der
Newtonismus, und das ständig postulierte glückliche Menschenlos "spielt in
ihrer
Gesellschaftswissenschaft eine Rolle, die derjenigen der Trägheit in der
rationellen Mechanik analog ist" (Materiaux pour une theorie du
proletariat).


84

Gerade die deterministisch-wissenschaftliche Seite im Marxschen Denken war
die
Bresche, durch die der Prozeß der "ldeologisierung" noch zu seinen Lebzeiten
eindrang, und um so mehr in das der Arbeiterbewegung hinterlassene
theoretische
Erbe. Die Ankunft des Subjekts der Geschichte wird noch auf später
verschoben,
und die geschichtliche Wissenschaft par excellende, d.h. die Ökonomie,
strebt
immer weitgehender darauf hin, die Notwendigkeit ihrer eigenen zukünftigen
Negation zu garantieren. Aber dadurch wird die revolutionäre Praxis, die die
einzige Wahrheit dieser Negation ist, aus dem Bereich der theoretischen
Anschauung verstoßen. Daher gilt es, geduldig die wirtschaftliche
Entwicklung zu
studieren und noch das daraus erfolgende Leid mit einer Hegelschen Ruhe zu
dulden, was im Resultat "Friedhof der guten Absichten" bleibt. Man entdeckt,
daß
jetzt, der Wissenschaft der Revolutionen zufolge, das Bewußtsein immer zu
früh
kommt und belehrt werden muß. "Die Geschichte hat uns und allen, die ähnlich
dachten, unrecht gegeben. Sie hat klargemacht, daß der Stand der
ökonomischen
Entwicklung auf dem Kontinent damals noch bei weitem nicht reif war...",
sagt
Engels 1895. Sein ganzes Leben lang hat Marx den einheitlichen Gesichtspunkt
seiner Theorie aufrechterhalten, aber die Darlegung seiner Theorie hat sich
auf
den Boden des herrschenden Denkens begeben, indem sie sich in der Form von
Kritiken besonderer Disziplinen, hauptsächlich der Kritik der grundlegenden
Wissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft, der politischen Ökonomie,
präzisiert. Diese Verstümmelung, die später als endgültig akzeptiert wurde,
hat
den "Marxismus" gebildet.


85

Der Mangel in der Marxschen Theorie ist natürlich der Mangel des
revolutionären
Kampfes des Proletariates seiner Epoche. Die Arbeiterklasse im Deutschland
von
1848 hat nicht die Revolution in Permanenz dekretiert; die Kommune wurde in
der
Isolierung besiegt. Die revolutionäre Theorie kann daher noch nicht ihre
eigene
vollständige Existenz erreichen. Darauf angewiesen zu sein, diese Theorie in
der
Absonderung der Gelehrtenarbeit im British Museum zu verteidigen und zu
präzisieren, implizierte einen Verlust in der Theorie selbst. Gerade die auf
die
Zukunft der Entwicklung der Arbeiterklasse bezogenen wissenschaftlichen
Rechtfertigungen und die mit ihnen verbundene organisatorische Praxis
sollten in
einem weiter fortgeschrittenen Stadium zu Hindernissen für das proletarische
Bewußtsein werden.


86

Die ganze theoretische Mangelhaftigkeit bei der wissenschaftlichen
Verteidigung
der proletarischen Revolution kann, sowohl was den Inhalt als was die Form
der
Darstellung angeht, auf eine Identifizierung des Proletariats mit der
Bourgeoisie unter dem Gesichtspunkt der revolutionären Machtergreifung
zurückgeführt werden.


87

Die Tendenz, eine Beweisführung der wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeit der
proletarischen Gewalt durch den Bezug auf wiederholte Experimente der
Vergangenheit zu begründen, verdunkelt schon vom Manifest an das Marxsche
Denken
der Geschichte, indem sie ihn dazu veranlaßt, ein lineares Bild der
Entwicklung
der Produktionsweisen aufzustellen, die von Klassenkämpfen mitgerissen wird,
welche angeblich jedesmal "mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen
Gesellschaft oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen"
enden.
Aber ebenso wie in der beobachtbaren Realität der Geschichte "die asiatische
Produktionsweise", wie Marx an anderer Stelle betonte, ihre Unbeweglichkeit
trotz aller Klassenauseinandersetzungen behalten hat, so wurden auch weder
die
Barone von den Aufständen der Leibeigenen, noch die Freien von den
Sklavenrevolten des Altertums je besiegt. Im linearen Schema ist zunächst
die
Tatsache aus dem Blickfeld entschwunden, daß die Bourgeoisie die einzige
revolutionäre Klasse ist, die jemals gesiegt hat und daß sie zugleich die
einzige Klasse ist, für die die Entwicklung der Wirtschaft Grund und Folge
ihrer
Beschlagnahme der Gesellschaft war. Die gleiche Vereinfachung hat Marx dazu
verleitet, die wirtschaftliche Rolle des Staates bei der Verwaltung einer
Klassengesellschaft zu vernachlässigen. Wenn die aufsteigende Bourgeoisie
die
Wirtschaft vom Staat zu befreien schien, dann nur insoweit, als der alte
Staat
zugleich das Instrument einer Klassenunterdrückung in einer statischen
Wirtschaft war. Die Bourgeoisie hat ihre autonome wirtschaftliche Macht in
der
mittelalterlichen Periode des Schwächerwerdens des Staates, im Moment
feudaler
Zerstückelung gleichgewichtiger Gewalten entwickelt. Aber der moderne Staat,
der
durch den Merkantilismus die Entwicklung der Bourgeoisie zu unterstützen
begann
und der schließlich zur Zeit des "laisse faire, laisser passer" zu ihrem
Staat
wurde, wird sich später als Inhaber einer zentralen Macht in der
kalkulierten
Verwaltung des wirtschaftlichen Prozesses zeigen. Marx konnte jedoch im
Bonapartismus diesen Entwurf der modernen staatlichen Bürokratie
beschreiben,
nämlich die Fusion von Kapital und Staat, die Bildung einer "nationalen
Macht
des Kapitals über die Arbeit, einer öffentlichen Gewalt zur Unterdrückung
der
Arbeit", wo die Bourgeoisie auf jedes geschichtliche Leben verzichtet, das
nicht
seine Reduzierung auf die wirtschaftliche Geschichte der Dinge ist und gerne
"neben den anderen Klassen zur gleichen politischen Nichtigkeit verdammt"
werden
will. Hier sind bereits die sozialpolitischen Grundlagen des modernen
Geistigen
Eigentums gelegt, das negativ das Proletariat als einzigen Bewerber um das
geschichtliche Leben definiert.


88

Die zwei einzigen Klassen, die tatsächlich der Marxschen Theorie
entsprechen,
die zwei reinen Klassen, zu denen die gesamte Analyse in Das Kapital
hinführt,
die Bourgeoisie und das Proletariat, sind auch die beiden einzigen
revolutionären Klassen der Geschichte, aber unter verschiedenen Bedingungen:
die
bürgerliche Revolution hat stattgefunden, die proletarische Revolution ist
ein
Projekt, das auf der Grundlage der vorangegangenen Revolutionen entstand,
jedoch
von ihr qualitativ verschieden. Wenn man die Originalität der
geschichtlichen
Rolle der Bourgeoisie übersieht, verdeckt man die konkrete Originalität
dieses
proletarischen Projekts, das nur etwas erreichen kann, insofern es seine
eigenen
Farben trägt und die "gewaltige Größe seiner Aufgaben" kennt. Die
Bourgeoisie
ist zur Macht gelangt, weil sie die Klasse der sich entwickelnden Wirtschaft
ist. Das Proletariat kann seinerseits die Macht sein, aber nur wenn es zur
Klasse des Bewußtseins wird. Das Reifen der Produktivkräfte kann eine solche
Macht nicht garantieren, und dies auch nicht auf dem Umweg der gesteigerten
Enteignung, die dieses Reifen begleitet. Die jakobinische Eroberung des
Staates
kann nicht das Instrument des Proletariats sein. Keine Ideologie kann ihm
helfen, Teilzwecke in Gesamtzwecke zu verkleiden, denn es kann keine
Teilrealität aufbewahren, die ihm tatsächlich gehörte.


89

Wenn Marx in einer bestimmten Periode seiner Teilnahme am Kampf des
Proletariats
zu viel von der wissenschaftlichen Vorhersage erwartet hat, so viel, daß er
die
intellektuelle Basis der Illusionen des Ökonomismus schuf, so wissen wir
doch,
daß er persönlich ihm nicht verfiel. In einem wohlbekannten Brief vom 7.
Dezember 1867, der einen Artikel begleitete, worin er selbst Das Kapital
kritisiert und den Engels in die Presse bringen sollte, als ob er von einem
Gegner stammte, hat Marx klar die Grenze seiner eigenen Wissenschaft
dargelegt:
"Die subjektive Tendenz des Verfassers dagegen - er war vielleicht durch
seine
Parteistellung und Vergangenheit gebunden und verpflichtet dazu -, d.h. die
Manier, wie er sich und anderen das Endresultat der jetzigen Bewegung, des
jetzigen gesellschaftlichen Prozesses vorstellt, hat mit seiner wirklichen
Entwicklung gar nichts zu schaffen." Also dadurch, daß er selbst die
"tendenziellen Schlußfolgerungen" seiner objektiven Analyse denunziert und
durch
die Ironie des "vielleicht" in Bezug auf die außerwissenschaftlichen
Entscheidungen, zu denen er verpflichtet gewesen sei, zeigt Marx
gleichzeitig
den methodologischen Schlüssel für die Verschmelzung der beiden Aspekte.


90

Im geschichtlichen Kampf selbst muß die Verschmelzung des Erkennens mit dem
Handeln verwirklicht werden, so daß jede dieser Seiten die andere zur
Garantie
ihrer eigenen Wahrheit macht. Die Herausbildung der proletarischen Klasse
als
Subjekt ist die Organisation der revolutionären Kämpfe und die Organisation
der
Gesellschaft im revolutionären Augenblick: hier müssen die praktischen
Bedingungen des Bewußtseins vorhanden sein, in denen sich die Theorie der
Praxis
bestätigt, indem sie zu praktischer Theorie wird. Diese zentrale Frage der
Organisation wurde jedoch von der revolutionären Theorie in der Epoche am
wenigsten in Betracht gezogen, in der die Arbeiterbewegung entstand, d.h.
als
diese Theorie noch den aus dem Denken der Geschichte stammenden
einheitlichen
Charakter besaß (und sie hatte es sich gerade zur Aufgabe gemacht, ihn bis
zu
einer einheitlichen geschichtlichen Praxis zu entwickeln). Diese Frage ist
im
Gegenteil der Ort der Inkonsequenz dieser Theorie, die die Wiederbelebung
staatlicher und hierarchischer Anwendungsmethoden zuließ, die der
bürgerlichen
Revolution entlehnt wurden. Die Organisationsformen der Arbeiterbewegung,
die
auf der Grundlage dieses Verzichtes der Theorie entwickelt wurden, haben
ihrerseits dahin tendiert, die Erhaltung einer einheitlichen Theorie zu
verhindern, indem sie diese in spezialisierte und parzellierte Kenntnisse
auflösten. Diese ideologische Entfremdung der Theorie ist folglich
außerstande,
die praktische Bewährung des von ihr verratenen einheitlichen
geschichtlichen
Denkens wiederzuerkennen, wenn eine solche Bewährung im spontanen Kampf der
Arbeiter plötzlich hervortritt; sie kann lediglich dazu beitragen, ihre
Äußerung
und ihre Erinnerung zu unterdrücken. Diese im Kampf aufgetauchten
geschichtlichen Formen sind jedoch gerade das praktische Milieu, das der
Theorie
fehlte, um wahr zu sein. Sie sind eine Forderung der Theorie; die jedoch
nicht
theoretisch formuliert worden war. Der Sowjet war keine Entdeckung der
Theorie.
Und schon die höchste theoretische Wahrheit der Internationalen Arbeiter
Assoziation war ihr eigenes arbeitendes Dasein.


91

Die ersten Erfolge des Kampfes der Internationale brachten sie dazu, sich
von
den konfusen Einflüssen der herrschenden Ideologie zu befreien, die in ihr
fortbestanden. Aber die Niederlage und die Unterdrückung, die sie bald
erfuhr,
stellten einen Konflikt zwischen zwei Auffassungen der proletarischen
Revolution
in den Vordergrund, die beide eine autoritäre Dimension beinhalten, durch
welche
die bewußte Selbstbefreiung der Klasse aufgegeben wird. Tatsächlich war der
unversöhnlich gewordene Streit zwischen Marxisten und Bakunisten zweifach,
indem
er zugleich die Macht in der revolutionären Gesellschaft und die
gegenwärtige
Organisation der Bewegung betraf, und beim Übergang von dem einen dieser
Aspekte
zu dem anderen kehren sich die Positionen der Gegner um. Bakunin bekämpfte
die
lllusion einer Abschaffung der Klassen durch den autoritären Gebrauch der
Staatsmacht, weil er die Neubildung einer herrschenden bürokratischen Klasse
und
die Diktatur der Gelehrtesten oder derer, die dafür gehalten werden,
voraussah.
Marx, der glaubte, daß ein untrennbares Reifen der wirtschaftlichen
Widersprüche
und der demokratischen Erziehung der Arbeiter die Rolle des proletarischen
Staates auf eine einfache Phase der Legalisierung neuer gesellschaftlicher
Beziehungen, die sich objektiv durchsetzen, beschränken würde, denunzierte
bei
Bakunin und seinen Anhängern den Autoritarismus einer konspirativen Elite,
die
sich absichtlich über die Internationale gestellt hatte, mit der
extravaganten
Absicht, der Gesellschaft die unverantwortliche Diktatur der
Revolutionärsten
oder derer, die sich als solche werden bezeichnet haben, aufzuzwingen.
Bakunin
sammelte tatsächlich seine Anhänger in einer derartigen Perspektive: "Als
unsichtbare Piloten müssen wir den Volkssturm aus seiner Mitte heraus
lenken,
aber nicht durch eine offensichtliche Gewalt, sondern durch die kollektive
Diktatur aller Verbündeten. Durch eine Diktatur ohne Schärpe, ohne Titel und
ohne offizielles Recht, die aber um so mächtiger ist, als sie nicht den
äußeren
Schein der Gewalt besitzt." So haben sich zwei entgegengesetzte ldeologien
der
Arbeiterrevolution bekämpft, die beide eine zum Teil wahre Kritik
enthielten,
aber die Einheit des Denkens der Geschichte verloren und sich selbst als
ideologische Autorität errichteten. Mächtige Organisationen, wie die
deutsche
Sozialdemokratie und die Iberische Anarchistische Förderation, haben treu
der
einen oder der anderen dieser Ideologien gedient; und überall unterschied
sich
das Ergebnis weit von dem, was gewollt war.


92

Den Zweck der proletarischen Revolution als unmittelbar gegenwärtig
anzusehen,
bildet zugleich die Größe und die Schwäche des wirklichen anarchistischen
Kampfes (denn in seinen individualistischen Varianten bleiben die Ansprüche
des
Anarchismus lächerlich). Vom geschichtlichen Denken der modernen
Klassenkämpfe
behält der kollektivistische Anarchismus einzig die Schlußfolgerung, und
seine
absolute Forderung nach dieser Schlußfolgerung äußert sich gleichfalls durch
seine entschlossene Verachtung der Methode. Seine Kritik des politischen
Kampfes
ist daher abstrakt geblieben, während seine Wahl des wirtschaftlichen
Kampfes
selbst nur gemäß der lllusion einer endgültigen Lösung behauptet wird,
welche
mit einem Schlag am Tag des Generalstreiks oder des Aufstandes auf diesem
Boden
erkämpft wird. Die Anarchisten haben ein Ideal zu verwirklichen. Der
Anarchismus
ist die noch ideologische Negation des Staates und der Klassen, d.h. der
gesellschaftlichen Bedingungen selbst der abgesonderten Ideologie. Er ist
die
Ideologie der reinen Freiheit, die alles gleichmacht und jede Idee des
geschichtlichen Übels beseitigt. Dieser Gesichtspunkt der Fusion aller
Teilforderungen hat dem Anarchismus das Verdienst eingebracht, die Ablehnung
aller bestehenden Verhältnisse für die Gesamtheit des Lebens zu
repräsentieren
und nicht hinsichtlich einer privilegierten kritischen Spezialisierung, aber
da
diese Fusion im Absoluten, nach der individuellen Laune, vor ihrer
tatsächlichen
Verwirklichung, betrachtet wird, hat sie den Anarchismus auch zu einer allzu
leicht merklichen Zusammenhangslosigkeit verdammt. Der Anarchismus hat nur
in
jedem Kampf seine gleiche einfache totale Schlußfolgerung zu wiederholen und
wieder aufs Spiel zu setzen, denn diese erste Schlußfolgerung war von Anfang
an
mit der vollständigen Vollendung der Bewegung gleichgesetzt worden. Bakunin
konnte daher im Jahre 1873, als er die Föderation des Jura verließ,
schreiben:
"In den letzten neun Jahren wurden innerhalb der Internationale mehr Ideen
entwickelt als nötig sind, um die Welt zu retten, wenn Ideen allein die Welt
retten könnten, und ich glaube nicht, daß irgend jemand imstande ist, noch
eine
neue zu erfinden. Die Zeit der Ideen ist vorbei, die Zeit für Tatsachen und
Taten ist gekommen." Ohne Zweifel behält diese Auffassung vom
geschichtlichen
Denken des Proletariats diese Gewißheit, daß die Ideen praktisch werden
müssen,
aber sie verläßt den geschichtlichen Boden, wenn sie voraussetzt, daß die
adäquaten Formen für diesen Übergang zur Praxis schon gefunden sind und
nicht
mehr verändert werden.


93

Die Anarchisten, die sich ausdrücklich von der Gesamtheit der
Arbeiterbewegung
durch ihre ideologische Überzeugung unterscheiden, reproduzieren
untereinander
diese Trennung der Kompetenzen, indem sie einen günstigen Boden für die
informelle Herrschaft der Propagandisten und Verteidiger ihrer eigenen
Ideologie
über jede anarchistische Organisation schaffen, und diese Spezialisten sind
im
allgemeinen um so mittelmäßiger, als ihre intellektuelle Tätigkeit
hauptsächlich
darauf ausgeht, einige endgültige Wahrheiten zu wiederholen. Die
ideologische
Achtung vor der Einstimmigkeit in der Entscheidung hat vielmehr die
unkontrollierte Autorität von Spezialisten der Freiheit in der Organisation
selbst begünstigt, und der revolutionäre Anarchismus erwartet vom befreiten
Volk
die gleiche Art von Einstimmigkeit, welche mit den gleichen Mitteln erreicht
wird. Im übrigen hat die Weigerung, den Gegensatz zwischen den Bedingungen
einer
im derzeitigen Kampf gruppierten Minderheit und denen der Gesellschaft
freier
Individuen in Betracht zu ziehen, eine ständige Trennung der Anarchisten im
Moment der gemeinsamen Entscheidung genährt, wie das Beispiel einer Unzahl
anarchistischer Aufstände in Spanien zeigt, die örtlich begrenzt waren und
örtlich niedergeschlagen wurden.


94

Die im echten Anarchismus mehr oder weniger ausdrücklich unterhaltene
Illusion
ist das ständige nahe Bevorstehen einer Revolution, die der Ideologie und
der
aus ihr abgeleiteten praktischen Organisationsform durch ihre
augenblickliche
Vollendung Recht geben soll. Der Anarchismus hat 1936 wirklich eine soziale
Revolution und den fortgeschrittensten Entwurf einer proletarischen Gewalt
geleitet, den es jemals gegeben hat. In diesem Umstande ist noch zu
bemerken,
daß einerseits das Signal eines allgemeinen Aufstandes durch das
Pronunciamento
der Armee aufgezwungen worden war. Indem diese Revolution in den ersten
Tagen
nicht vollendet worden war, nämlich aufgrund der Existenz einer
Franquistischen
Macht in der Hälfte des Landes, die stark vom Ausland unterstützt wurde,
während
die restliche internationale proletarische Bewegung bereits besiegt war, und
aufgrund des Fortbestandes bürgerlicher Kräfte oder anderer
staatssozialistischer Arbeiterparteien im Lager der Republik, zeigte sich
andererseits die organisierte Anarchistenbewegung unfähig, die halben Siege
der
Revolution auszudehnen oder selbst zu verteidigen. Ihre anerkannten Chefs
wurden
Minister und Geiseln des bürgerlichen Staates, der die Revolution zerschlug,
um
den Bürgerkrieg zu verlieren.


95

Der "orthodoxe Marxismus" der II. Internationale ist die wissenschaftliche
Ideologie der sozialistischen Revolution, die ihre ganze Wahrheit mit dem
objektiven Prozeß in der Wirtschaft und mit dem Fortschritt einer
Anerkennung
dieser Notwendigkeit in der von der Organisation erzogenen Arbeiterklasse
identisch setzt. Diese Ideologie findet das Vertrauen in die pädagogische
Beweisführung wieder, das den utopischen Sozialismus charakterisiert hatte,
ergänzt es aber durch eine kontemplative Bezugnahme auf den Lauf der
Geschichte:
eine derartige Haltung hat jedoch ebenso die Hegelsche Dimension einer
totalen
Geschichte wie auch das unbewegliche Bild der Totalität verloren, das in der
utopischen Kritik (am stärksten bei Fourier) vorhanden war. Aus einer
solchen
wissenschaftlichen Haltung, der natürlich nichts anderes übrig blieb, als
zumindest symmetrische sittliche Alternativen wiederzubeleben, stammen die
Albernheiten Hilferdings, wenn er präzisiert, daß die Anerkennung der
Notwendigkeit des Sozialismus keine "Anweisung zu praktischem Verhalten ist.
Denn etwas anderes ist es, eine Notwendigkeit zu erkennen, etwas anderes,
sich
in den Dienst dieser Notwendigkeit zu stellen" (Das Finanzkapital).
Diejenigen,
die verkannt haben, daß für Marx und das revolutionäre Proletariat das
einheitliche geschichtliche Denken von einer anzunehmenden praktischen
Haltung
nicht zu unterscheiden war, mußten normalerweise Opfer der Praxis werden,
die
sie gleichzeitig angenommen hatten.


96

Die Ideologie der sozialdemokratischen Organisation stellte sie unter die
Gewalt
der Lehrer, die die Arbeiterklasse erzogen, und die angenommene
Organisationsform war die adäquate Form dieser passiven Schulung. Die
Teilnahme
der Sozialisten der II. Internationale an den politischen und
wirtschaftlichen
Kämpfen war ohne Zweifel konkret, aber zutiefst unkritisch. Sie wurde im
Namen
der revolutionären Illusion, gemäß einer offenbar reformistischen Praxis
geführt. So sollte die revolutionäre Ideologie gerade durch den Erfolg derer
zerschlagen werden, die ihre Träger waren. Die Absonderung der Abgeordneten
und
der Journalisten in der Bewegung verleitete diejenigen, die ohnehin schon
unter
den bürgerlichen Intellektuellen abgeworben worden waren, zur bürgerlichen
Lebensweise. Die Gewerkschaftsbürokratie machte gerade diejenigen, die aus
den
Kämpfen der Industriearbeiter heraus abgeworben und aus ihnen herausgezogen
worden waren, zu Maklern der als Ware zu ihrem gerechten Preis zu
verkaufenden
Arbeitskraft. Damit ihrer aller Tätigkeit etwas Revolutionäres behalten
hätte,
wäre es erforderlich gewesen, daß der Kapitalismus in diesem Moment
außerstande
gewesen wäre, diesen Reformismus, den er politisch in ihrer legalistischen
Agitation tolerierte, wirtschaftlich zu tragen. Eine solche
Unverträglichkeit
wurde von ihrer Wissenschaft gesichert und von der Geschichte jederzeit
widerlegt.


97

Dieser Widerspruch, dessen Realität Bernstein ehrlich aufzeigen wollte, weil
er
der Sozialdemokrat war, der von der politischen Ideologie am weitesten
entfernt
war und sich am offensten der Methodologie der bürgerlichen Wissenschaft
angeschlossen hatte, - diese Realität wurde auch von der reformistischen
Bewegung der englischen Arbeiter aufgezeigt, indem sie auf eine
revolutionäre
Ideologie verzichtete -, sollte dennoch erst durch die geschichtliche
Entwicklung selbst unwiderlegbar bewiesen werden. Bernstein hatte, obwohl er
im
übrigen voll von Illusionen war, bestritten, daß eine Krise der
kapitalistischen
Produktion auf wunderbare Weise die Sozialisten zur Tat zwingen würde, die
nur
durch eine legitime Salbung die Erbschaft der Revolution antreten wollten.
Der
Augenblick tiefgreifender gesellschaftlicher Umwälzung, der mit dem ersten
Weltkrieg eintrat, bewies zweimal, wenn er auch an Bewußtseinsbildung
fruchtbar
war, daß die sozialdemokratische Hierarchie die deutschen Arbeiter nicht
revolutionär erzogen hatte, sie in keiner Weise zu Theoretikern gemacht
hatte:
zuerst, als sich die große Mehrheit der Partei dem imperialistischen Krieg
anschloß und dann, als sie in der Niederlage die spartakistischen
Revolutionäre
zermalmte. Der Exarbeiter Ebert glaubte noch an die Sünde, denn er gab zu,
die
Revolution "wie die Sünde" zu hassen. Und dieser gleiche Arbeiterführer
erwies
sich später als guter Vorläufer der sozialistischen Repräsentation, die sich
wenig später dem Proletariat in Rußland und anderswo als absoluter Feind
entgegenstellen sollte, als er das genaue Programm dieser neuen Entfremdung
formulierte: "Sozialismus heißt viel arbeiten."


98

Lenin war als marxistischer Denker nur der konsequente und treue
Kautskyaner,
der die revolutionäre Ideologie dieses "orthodoxen Marxismus" unter den
russischen Bedingungen anwandte, die die reformistische Praxis nicht
zuließen,
welche im Gegenteil von der II. Internationale durchgeführt wurde. Die
äußere
Führung des Proletariats, die vermittels einer den zu "Berufsrevolutionären"
gewordenen Intellektuellen unterstellten, disziplinierten, geheimen Partei
handelt, besteht hier in einem Beruf, der mit keinem Führungsberuf der
kapitalistischen Gesellschaft paktieren will (übrigens war das politische
Regime
des Zarismus außerstande, eine solche Öffnung zu bieten, deren Basis in
einem
fortgeschrittenen Stadium der Macht der Bourgeoisie besteht). Sie wird also
zum
Beruf der absoluten Führung der Gesellschaft.


99

Der autoritäre ideologische Radikalismus der Bolschewisten hat sich mit dem
Krieg und dem Zusammenbruch der internationalen Sozialdemokratie angesichts
des
Krieges weltweit entfaltet. Das blutige Ende der demokratischen Illusionen
der
Arbeiterbewegung hatte aus der ganzen Welt ein Rußland gemacht, und der
Bolschewismus, der den ersten revolutionären Bruch, den diese Krisenepoche
mit
sich gebracht hatte, beherrschte, bot dem Proletariat aller Länder sein
hierarchisches und ideologisches Modell an, um mit der herrschenden Klasse
"russisch zu sprechen". Lenin hat dem Marxismus der II. Internationale nicht
vorgeworfen, eine revolutionäre Ideologie zu sein, sondern keine mehr zu
sein.


100

Derselbe geschichtliche Moment, in dem der Bolschewismus in Rußland für sich
selbst siegte und die Sozialdemokratie siegreich für die alte Welt kämpfte,
bezeichnet die vollendete Entstehung einer Ordnung der Dinge, welche im
Mittelpunkt der Herrschaft des modernen Geistigen Eigentums steht: die
Arbeiterrepräsentation hat sich radikal der Klasse entgegensetzt.


101

"In allen früheren Revolutionen", schrieb Rosa Luxemburg in der Roten Fahne
vom
21. Dezember 1918, "traten die Kämpfer mit offenem Visier in die Schranken:
Klasse gegen Klasse, Programm gegen Programm. In der heutigen Revolution
treten
die Schutzgruppen der alten Ordnung nicht unter eigenen Schildern und Wappen
der
herrschenden Klassen, sondern unter der Fahne einer "sozialdemokratischen
Partei" in die Schranken. Würde die Kardinalfrage der Revolution offen und
ehrlich: Kapitalismus oder Sozialismus lauten, ein Zweifeln, ein Schwanken
wäre
in der großen Masse des Proletariats heute unmöglich". So entdeckte die
radikale
Strömung des deutschen Proletariats wenige Tage vor ihrer Zerstörung das
Geheimnis der neuen Bedingungen, die der gesamte vorherige Prozeß (zu dem
die
Arbeiterrepräsentation erheblich beigetragen hatte) geschaffen hatte: die
proprietäre Organisation der Verteidigung der bestehenden Ordnung, das
gesellschaftliche Reich des Scheins, wo keine "Kardinalfrage" mehr "offen
und
ehrlich" gestellt werden kann. Die revolutionäre Repräsentation des
Proletariats
war in diesem Stadium zugleich der Hauptfaktor und das zentrale Ergebnis der
allgemeinen Verfälschung der Gesellschaft geworden.


102

Die Organisation des Proletariats nach dem bolschewistischen Modell, die aus
der
russischen Rückständigkeit und dem Verzicht der Arbeiterbewegung der
fortgeschrittenen Länder auf den revolutionären Kampf entstanden war, traf
auch
in der russischen Rückständigkeit alle Bedingungen, durch welche diese
Organisationsform zur konterrevolutionären Verkehrung geführt wurde, die sie
bewußtlos in ihrem Urkeim enthielt; und der wiederholte Verzicht der Masse
der
europäischen Arbeiterbewegung auf das Hic Rhodus, hic salta der Periode
1918-1920, dieser Verzicht, der die gewaltsame Zerstörung ihrer radikalen
Minderheit einschloß, begünstigte die vollständige Entwicklung des Prozesses
und
so konnte sich dessen verlogenes Ergebnis vor der Welt als die einzige
proletarische Lösung behaupten. Die Ergreifung des staatlichen Monopols der
Repräsentation und der Verteidigung der Macht der Arbeiter, die die
bolschewistische Partei rechtfertigte, ließ sie zu dem werden, was sie war:
die
Partei der Eigentümer des Proletariats, die die vorherigen Formen des
Eigentums
im wesentlichen beseitigte.


103

Alle die Bedingungen der Liquidierung des Zarismus, die in der stets
unbefriedigenden theoretischen Debatte der verschiedenen Tendenzen der
russischen Sozialdemokratie seit zwanzig Jahren in Betracht gezogen wurden -
Schwäche der Bourgeoisie, Gewicht der Bauernmehrheit, entscheidende Rolle
eines
konzentrierten und schlagkräftigen, aber im Lande höchst minoritären
Proletariats - zeigten endlich ihre Lösung in der Praxis durch eine
Gegebenheit,
die in den Hypothesen nicht vorhanden war: die revolutionäre Bürokratie, die
das
Proletariat führte, gab, indem sie den Staat ergriff, der Gesellschaft eine
neue
Klassenherrschaft. Die rein bürgerliche Revolution war unmöglich, die
"demokratische Diktatur der Arbeiter und Bauern" war sinnlos, die
proletarische
Macht der Sowjets konnte sich nicht gleichzeitig gegen die Klasse der
besitzenden Bauern, gegen die nationale und internationale weiße Reaktion
und
gegen ihre eigene Repräsentation behaupten, welche als Arbeiterpartei der
absoluten Herren des Staates, der Wirtschaft, der Rede und bald auch des
Denkens
entäußert und entfremdet war. Die Theorie der permanenten Revolution von
Trotzki
und Parvus, der sich Lenin tatsächlich im April 1917 anschloß, war die
einzige,
die für die im Verhältnis zur gesellschaftlichen Entwicklung der Bourgeoisie
zurückgebliebenen Länder wahr wurde, aber dies erst nach der Einführung
dieses
unbekannten Faktors: der Klassengewalt der Bürokratie. Die Konzentration der
Diktatur in den Händen der obersten Repräsentation der Ideologie wurde in
den
zahlreichen Auseinandersetzungen innerhalb der bolschewistischen Führung am
konsequentesten von Lenin verteidigt. Lenin hatte gegenüber seinen Gegnern
jedesmal insofern Recht, als er die Lösung unterstützte, die die
vorangegangenen
Entscheidungen der minoritären absoluten Macht implizierten: die den Bauern
staatlich verweigerte Demokratie mußte auch den Arbeitern verweigert werden,
was
darauf hinauslief, sie auch den kommunistischen Gewerkschaftsführern und in
der
ganzen Partei und schließlich bis hoch in die Spitze der hierarchischen
Partei
zu verweigern. Auf dem X. Kongreß, im Moment, in dem der Sowjet von
Kronstadt
mit Waffen niedergeschlagen und unter Verleumdungen begraben worden war, kam
Lenin in der Auseinandersetzung mit den linksradikalen Bürokraten, die in
der
"Arbeiteropposition" organisiert waren, zu dem Schluß, dessen Logik Stalin
bis
hin zu einer vollkommenen Teilung der Welt fortführte: "Hier oder dort mit
einem
Gewehr, aber nicht mit der Opposition. Wir haben genug von der Opposition."


104

Die Bürokratie, die als einzige Eigentümerin eines Staatskapitalismus
übriggeblieben war, sicherte nach Kronstadt, zur Zeit der "neuen
Wirtschaftspolitik", zuerst ihre Macht im Inneren durch eine zeitweilige
Allianz
mit der Bauernschaft, so wie sie sie nach außen verteidigte, indem sie die
in
den bürokratischen Parteien der III. Internationale eingereihten Arbeiter
als
Hilfskraft der russischen Diplomatie benutzte, um jede revolutionäre
Bewegung zu
sabotieren und bürgerliche Regierungen zu unterstützen, von denen sie einen
Beistand in der Weltpolitik erwartete (die Macht der Kuomintang im China
1925-1927, die Volksfront in Spanien und Frankreich usw.). Aber die
bürokratische Gesellschaft mußte ihre eigene Vollendung mit Hilfe des
Terrors
über die Bauernschaft fortführen, um die brutalste ursprünglichste
kapitalistische Akkumulation der Geschichte durchzuführen. Diese
Industrialisierung der stalinistischen Epoche enthüllt die letzte Realität
der
Bürokratie: Sie ist die Fortsetzung der Macht, der Wirtschaft, die Rettung
des
Wesentlichen der Warengesellschaft durch die Aufrechterhaltung der Arbeit
als
Ware. Sie ist der Beweis der unabhängigen Wirtschaft, die die Gesellschaft
so
weit beherrscht, daß sie für ihre eigenen Ziele die Klassenherrschaft
wiederherstellt, die sie notwendig braucht, was mit anderen Worten heißt,
daß
die Bourgeoisie eine autonome Macht geschaffen hat, die, solange diese
Autonomie
besteht, so weit gehen kann, daß sie ohne Bourgeoisie auskommt. Die
totalitäre
Bürokratie ist nicht "die letzte Klasse, die Eigentümer der Geschichte"
wäre,
wie Bruno Rizzi meinte, sondern lediglich eine herrschende Ersatzklasse für
die
Warenwirtschaft. Das geschwächte kapitalistische Privateigentum wird durch
ein
vereinfachtes, nicht so verschiedenartiges, als kollektives Eigentum der
bürokratischen Klasse konzentriertes Nebenprodukt ersetzt. Diese
unterentwickelte Form einer herrschenden Klasse ist auch der Ausdruck der
wirtschaftlichen Unterentwicklung und kennt nur die Perspektive, diesen
Entwicklungsrückstand in bestimmten Gegenden der Welt einzuholen. Die nach
dem
bürgerlichen Modell der Absonderung organisierte Arbeiterpartei hat für
diese
Ergänzungsaufgabe der herrschenden Klasse den hierarchisch-staatlichen
Rahmen
geschaffen. Anton Ciliga notierte in einem Gefängnis Stalins, daß "die
technischen Organisationsprobleme sich als gesellschaftliche Probleme
erwiesen"
(Lenin und die Revolution).


105

Die revolutionäre Ideologie, d.h. die Kohärenz des Getrennten - dessen
größte
voluntaristische Anstrengung der Leninismus bildet -, die die Verwaltung
einer
Realität innehat, die sie abweist, wird mit dem Stalinismus wieder zu ihrer
Wahrheit in der Inkohärenz gelangen. In diesem Augenblick ist die Ideologie
keine Waffe mehr, sondern ein Ziel. Die Lüge, die nicht mehr widerlegt wird,
wird zum Wahnsinn. In der totalitären ideologischen Proklamation ist die
Realität ebenso wie der Zweck aufgelöst: alles, was sie sagt, ist alles, was
ist. Sie ist ein lokaler Primitivismus des Geistigen Eigentums, dessen Rolle
jedoch in der Entwicklung des Geistigen Welteigentums wesentlich ist. Die
Ideologie, die sich hier materialisiert, hat nicht die Welt wirtschaftlich
verändert, wie der zum Stadium des Überflusses gelangte Kapitalismus: sie
hat
lediglich die Wahrnehmung polizeilich verändert.


106

Die machthabende totalitär-ideologische Klasse ist die Macht einer
verkehrten
Welt: je stärker sie ist, um so mehr behauptet sie, daß sie nicht existiert,
und
ihre Stärke dient ihr zunächst dazu, ihre Nichtexistenz zu behaupten. Nur in
diesem Punkt ist sie bescheiden, denn ihre offizielle Nichtexistenz muß auch
mit
dem nec plus ultra der geschichtlichen Entwicklung zusammenfallen, das man
gleichzeitig angeblich ihrer unfehlbaren Führung verdanken soll. Die überall
zur
Schau gestellte Bürokratie muß für das Bewußtsein die unsichtbare Klasse
sein,
so daß das ganze gesellschaftliche Leben verrückt wird. Die
gesellschaftliche
Organisation der absoluten Lüge folgt aus diesem grundlegenden Widerspruch.


107

Der Stalinismus war die Schreckensherrschaft innerhalb der bürokratischen
Klasse
selbst. Der Terrorismus, der die Macht dieser Klasse begründet, muß auch
diese
Klasse treffen, denn sie hat als besitzende Klasse keine juristische
Garantie,
keine anerkannte Existenz, die sie auf jedes ihrer Mitglieder ausdehnen
könnte.
Ihr wirkliches Eigentum ist versteckt, und sie ist nur mit Hilfe des
falschen
Bewußtseins zur Eigentümerin geworden. Das falsche Bewußtsein behauptet
seine
absolute Macht nur durch den absoluten Terror, in dem jede wahre Begründung
endlich verloren geht. Die Mitglieder der machthabenden bürokratischen
Klasse
haben nur insofern kollektiv das Besitzungsrecht über die Gesellschaft, als
sie
bei einer grundlegenden Lüge mitwirken: Sie müssen die Rolle des eine
sozialistische Gesellschaft führenden Proletariats spielen; sie müssen die
dem
Text der ideologischen Untreue treuen Schauspieler sein. Aber die wirkliche
Mitwirkung bei diesem Verlogensein muß selbst als eine wahrhaftige
Mitwirkung
anerkannt werden. Kein Bürokrat kann individuell sein Recht auf die Macht
behaupten, denn sich als einen sozialistischen Proletarier zu erweisen,
würde
heißen, sich als das Gegenteil eines Bürokraten zu zeigen; und sich als
einen
Bürokraten zu erweisen, ist ihm unmöglich, denn die offizielle Wahrheit der
Bürokratie ist ihr Nichtsein. So befindet sich jeder Bürokrat in der
absoluten
Abhängigkeit einer zentralen Garantie der Ideologie, die eine kollektive
Mitwirkung aller der Bürokraten an ihrer "sozialistischen Macht" anerkennt,
welche sie nicht vernichtet. Wenn die Bürokraten insgesamt über alles
entscheiden, kann der Zusammenhalt ihrer eigenen Klasse nur durch die
Konzentration ihrer terroristischen Macht in einer einzigen Person gesichert
werden. In dieser Person liegt die einzige praktische Wahrheit der
machthabenden
Lüge: die unbestreitbare Festsetzung ihrer stets berichtigten Grenze. In
letzter
Instanz bestimmt Stalin, wer schließlich besitzender Bürokrat ist; d.h. wer
als
"machthabender Proletarier" oder als "vom Mikado und Wallstreet gekaufter
Verräter" bezeichnet werden muß. Die bürokratischen Atome finden nur in der
Person Stalins das gemeinsame Wesen ihres Rechts. Stalin ist dieser Herr der
Welt, der sich auf diese Weise die absolute Person ist, für deren Bewußtsein
kein höherer Geist existiert. "Der Herr der Welt hat das wirkliche
Bewußtsein
dessen, was er ist, der allgemeinen Macht der Wirklichkeit, in der
zerstörenden
Gewalt, die er gegen das ihm gegenüber stehende Selbst seiner Untertanen
ausübt". Während er die Macht ist, die den Boden der Herrschaft bestimmt,
ist er
ebenso "das zerstörende Wühlen in diesem Boden".


108

Wenn sich die durch den Besitz der absoluten Macht absolut gewordene
Theologie
von einer parzellierten Kenntnis zu einer totalitären Lüge verwandelt hat,
ist
das Denken der Geschichte so vollkommen vernichtet worden, daß die
Geschichte
selbst auf der Ebene der empirischen Kenntnis nicht mehr existieren kann.
Die
totalitäre bürokratische Gesellschaft lebt in einer immerwährenden
Gegenwart, in
welcher für sie alles, was geschehen ist, nur als für ihre Polizei
zugänglicher
Raum existiert. Der schon von Napoleon formulierte Vorsatz, "die Energie der
Erinnerungen monarchisch zu leiten", hat in einer ständigen Manipulation der
Vergangenheit nicht nur in ihren Bedeutungen, sondern auch in ihren
Tatsachen
seine volle Konkretisierung gefunden. Aber der Preis dieser Befreiung von
jeder
geschichtlichen Realität ist der Verlust des für die geschichtliche
Gesellschaft
des Kapitalismus unentbehrlichen, rationellen Bezuges. Es ist bekannt,
wieviel
die wissenschaftliche Anwendung der zum Wahnsinn gewordenen Ideologie die
russische Wirtschaft gekostet hat und sei es auch nur durch den Betrug
Lyssenkos. Dieser Widerspruch der eine industrialisierte Gesellschaft
verwaltenden totalitären Bürokratie, die zwischen ihrem Bedarf an
Rationellem
und ihrer Ablehnung des Rationellen gefangen ist, bildet auch einen der
Hauptmängel dieser Bürokratie gegenüber der normalen kapitalistischen
Entwicklung. So wie die Bürokratie die Landwirtschaftsfrage schlechter lösen
kann, als es die kapitalistische Entwicklung vermag, so steht sie ihr
schließlich ebenfalls in der Industrieproduktion nach, welche autoritär auf
der
Basis des Irrealismus und der verallgemeinerten Lüge geplant wird.


109

Die revolutionäre Arbeiterbewegung zwischen den beiden Kriegen wurde durch
das
vereinte Wirken der stalinistischen Bürokratie und des faschistischen
Totalitarismus, der seine Organisationsform der in Rußland probierten
totalitären Partei entlehnt hatte, vernichtet. Der Faschismus war eine
extremistische Verteidigung der von der Krise und der proletarischen
Subversion
bedrohten bürgerlichen Wirtschaft, d.h. er war der Belagerungszustand in der
kapitalistischen Gesellschaft, durch den sich diese Gesellschaft rettet und
sich
eine erste Notrationalisierung gibt, indem sie den Staat in ihre Verwaltung
massiv eingreifen läßt. Aber eine solche Rationalisierung ist selbst mit der
ungeheuren Irrationalität ihres Mittels belastet. Wenn auch der Faschismus
die
Verteidigung der Hauptpunkte der konservativ gewordenen bürgerlichen
Ideologie
(die Familie, das Eigentum, die Sittenordnung, die Nation) übernimmt, indem
er
das Kleinbürgertum mit den Arbeitslosen vereinigt, die aufgrund der Krise
verwirrt oder durch die Ohnmacht der sozialistischen Revolution enttäuscht
sind,
so ist er selbst keineswegs durch und durch ideologisch. Er gibt sich als
das,
was er ist: eine gewaltsame Auferstehung des Mythos, der die Teilnahme an
einer
Gemeinschaft verlangt, die durch archaische Pseudowerte definiert wird: die
Rasse, das Blut, den Führer. Der Faschismus ist der technisch ausgerüstete
Archaismus. Sein verfaulter Ersatz des Mythos wird im proprietären
Zusammenhang
der modernsten Mittel des Dressierens und der Täuschung wieder aufgenommen.
So
ist er einer der Faktoren bei der Herausbildung des modernen Geistigen
Eigentumswesens, so wie ihn sein Anteil an der Zerstörung der alten
Arbeiterbewegung zu einer der Gründermächte der gegenwärtigen Gesellschaft
macht; aber da der Faschismus auch die kostspieligste Form der
Aufrechterhaltung
der kapitalistischen Ordnung ist, mußte er normalerweise, als er durch
rationellere und stärkere Formen dieser Ordnung beseitigt wurde, vom
Vordergrund
der Bühne abtreten, auf der die kapitalistischen Staaten die großen Rollen
spielen.


110

Als es der russischen Bürokratie endlich gelungen war, sich der Reste des
bürgerlichen Eigentums zu entledigen, die ihre Herrschaft über die
Wirtschaft
behinderten, diese für ihren eigenen Gebrauch zu entwickeln und im Ausland
unter
den Großmächten anerkannt zu werden, will sie in Ruhe ihre eigene Welt
genießen,
und deren Teil von Willkür abschaffen, der auf sie selbst wirkte: sie
denunziert
den Stalinismus ihres Ursprungs. Aber eine derartige Denunziation bleibt
stalinistisch, willkürlich, unerklärt und ständig berichtigt, denn die
ideologische Lüge ihres Ursprungs kann niemals offenbart werden. So kann
sich
die Bürokratie weder kulturell noch politisch liberalisieren, denn ihr
Bestehen
als Klasse hängt von ihrem ideologischen Monopol ab, das in seiner ganzen
Schwere ihren einzigen Eigentumstitel bildet. Die Ideologie hat zwar die
Leidenschaft ihrer positiven Behauptung verloren, aber was davon als
gleichgültige Trivialität übrigbleibt, hat noch die repressive Funktion, die
geringste Konkurrenz zu verbieten, und die Ganzheit des Denkens
gefangenzuhalten. Die Bürokratie ist daher mit einer Ideologie verknüpft, an
die
niemand mehr glaubt. Was terroristisch war, ist lächerlich geworden, aber
diese
Lächerlichkeit selbst kann sich nur dadurch aufrechterhalten, daß sie im
Hintergrund den Terrorismus aufbewahrt, von dem sie sich freimachen möchte.
So
bekennt sich die Bürokratie gerade in dem Moment, in dem sie auf dem Boden
des
Kapitalismus ihre Überlegenheit beweisen will, als arme Verwandte des
Kapitalismus. So wie ihre tatsächliche Geschichte ihrem Recht widerspricht,
und
ihre auf plumpe Weise aufrechterhaltene Unwissenheit ihren
wissenschaftlichen
Ansprüchen zuwiderläuft, so wird ihr Plan, in der Produktion eines
Warenüberflusses mit der Bourgeoisie zu rivalisieren, dadurch behindert, daß
ein
derartiger Überfluß in sich seine implizierte Ideologie trägt und
normalerweise
von einer unendlich ausgedehnten Freiheit falscher proprietärer
Wahlmöglichkeiten begleitet wird, von einer Pseudofreiheit, die mit der
bürokratischen Ideologie unvereinbar bleibt.


111

In diesem Moment der Entwicklung bricht der ideologische Eigentumstitel der
Bürokratie bereits im Weltmaßstabe zusammen. Die Macht, die sich national
als
grundlegend internationalistisches Modell etabliert hatte, muß zugeben, daß
sie
nicht mehr behaupten kann, ihre lügenhafte Kohäsion jenseits jeder
nationalen
Grenze aufrechtzuerhalten. Die ungleiche Wirtschaftsentwicklung, die
Bürokratien
mit konkurrierenden Interessen erfahren, denen es gelungen ist, ihren
"Sozialismus" außerhalb eines einzigen Landes zu besitzen, hat zur
öffentlichen
und vollständigen Auseinandersetzung zwischen der russischen und der
chinesischen Lüge geführt. Von diesem Punkt an muß jede Bürokratie, die an
der
Macht ist, oder jede totalitäre Partei, die sich um die von der
stalinistischen
Periode in einigen nationalen Arbeiterklassen hinterlassene Macht bewirbt,
ihren
eigenen Weg gehen. Der weltweite Zerfall der Allianz der bürokratischen
Mystifizierung, der zu den Äußerungen der inneren Negation hinzutritt, die
sich
vor der Welt mit dem Arbeiteraufstand in Ostberlin, der den Bürokraten ihre
Forderung nach einer "Metallarbeiterregierung" entgegensetzte, zu behaupten
begannen, und die sogar einmal bis zur Macht der Arbeiterräte in Ungarn
führten,
erwies sich in letzter Analyse als der ungünstigste Faktor für die heutige
Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft. Die Bourgeoisie ist auf dem
Wege,
den Gegner zu verlieren, der sie objektiv stützte, indem er jede Negation
der
bestehenden Ordnung illusorisch vereinte. Eine solche Teilung der
proprietären
Arbeit sieht ihrem Ende entgegen, wenn sich die pseudorevolutionäre Rolle
ihrerseits teilt. Das proprietäre Element der Auflösung der Arbeiterbewegung
wird selbst aufgelöst.


112

Die leninistische Illusion hat heute nur noch in den verschiedenen
trotzkistischen Richtungen eine Basis, in denen die Identifizierung des
proletarischen Projektes mit einer hierarchischen Organisation der Ideologie
unerschütterlich die Erfahrungen all ihrer Ergebnisse überlebt. Die Distanz,
die
den Trotzkismus von der revolutionären Kritik der gegenwärtigen Gesellschaft
trennt, erlaubt ihm auch seine respektvolle Distanz gegenüber Positionen,
die
bereits falsch waren, als sie sich in einem wirklichen Kampf abnutzten.
Trotzki
blieb bis 1927 mit der hohen Bürokratie von Grund aus solidarisch und
versuchte
gleichzeitig, sich ihrer zu bemächtigen, um sie zur Wiederaufnahme einer
wirklichen bolschewistischen Aktion im Ausland zu bewegen (es ist bekannt,
daß
er damals sogar verleumderisch seinen Kampfgefährten Max Eastman
verleugnete, um
mitzuhelfen, das berühmte "Testament Lenins" zu verheimlichen, das dieser
bekannt gemacht hatte). Trotzki wurde durch seine grundlegende Perspektive
verurteilt, denn im Moment, in dem die Bürokratie sich selbst in ihrem
Ergebnis
als konterrevolutionäre Klasse im Inland erkennt, muß sie sich auch dazu
entscheiden, im Ausland im Namen der Revolution tatsächlich
konterrevolutionär
zu sein, so wie im Inland. Der spätere Kampf Trotzkis für eine IV.
Internationale enthält die gleiche Inkonsequenz. Er hat sich sein ganzes
Leben
lang geweigert, in der Bürokratie die Macht einer getrennten Klasse
anzuerkennen, weil er während der zweiten russischen Revolution ein
bedingungsloser Anhänger der bolschewistischen Organisationsform geworden
war.
Als Lukacs 1923 in dieser Form die endlich gefundene Vermittlung zwischen
Theorie und Praxis zeigte, bei der die Proletarier nicht mehr "Zuschauer"
der
Ereignisse sind, die in ihrer Organisation geschehen, sondern sie bewußt
gewählt
und erlebt haben, beschrieb er als tatsächliche Verdienste der
bolschewistischen
Partei all das, was die bolschewistische Partei nicht war. Lukacs war noch,
neben seiner tiefen theoretischen Arbeit, ein Ideologe, der im Namen einer
Macht
sprach, die auf die vulgärste Weise außerhalb der proletarischen Bewegung
stand,
und der glaubte und glauben ließ, daß er sich selbst, mit seiner ganzen
Persönlichkeit, in dieser Macht befand, als ob er sich in seiner eigenen
Macht
befände. Während in der Folge offen zu Tage trat, auf welche Weise diese
Macht
ihre Knechte verleugnet und beseitigt, zeigte Lukacs, der sich ständig
selbst
verleugnete, mit karikaturaler Deutlichkeit, womit genau er sich
identifiziert
hatte: mit dem Gegenteil seiner selbst und all dessen, was er in Geschichte
und
Klassenbewußtsein verteidigt hatte. Lukacs bewahrheitet am besten die
Grundregel, an der alle Intellektuellen dieses Jahrhunderts zu beurteilen
sind:
an dem, was sie achten, läßt sich ganz genau ihre eigene verachtenswerte
Realität ermessen. Lenin hatte diese Art von Illusionen über seine Tätigkeit
nicht gefördert, denn er gab zu, daß "eine politische Partei nicht ihre
Mitglieder überprüfen kann, um festzustellen, ob Widersprüche zwischen deren
Philosophie und dem Programm der Partei bestehen". Die wirkliche Partei,
deren
Traumporträt Lukacs zur Unzeit dargestellt hatte, war nur für die Ausführung
einer präzisen Teilaufgabe kohärent: d.h. für die Ergreifung der Macht im
Staat.


113

Weil die neoleninistische Illusion des heutigen Trotzkismus von der Realität
der
modernen kapitalistischen Gesellschaft, der bürgerlichen wie der
bürokratischen,
alle Augenblicke widerlegt wird, findet sie natürlich in den formal
unabhängigen
"unterentwickelten" Ländern einen bevorzugten Geltungsbereich, in denen die
Illusionen irgendeiner Variante des bürokratischen Staatssozialismus als
einfache Ideologie der Herrschaftsentwicklung von den lokalen herrschenden
Klassen bewußt manipuliert wird. Die zwitterhafte Zusammensetzung dieser
Klassen
hängt mehr oder weniger deutlich einer Abstufung auf dem Spektrum
Bourgeoisie-Bürokratie an. Ihr Spiel im internationalen Maßstab zwischen
diesen
beiden Polen der bestehenden kapitalistischen Gewalt und - ebenso ihre
ideologischen Kompromisse - insbesondere mit dem Islam - die die
zwitterhafte
Realität ihrer gesellschaftlichen Basis ausdrücken, nehmen vollends diesem
letzten Nebenprodukt des ideologischen Sozialismus jeden Ernst außer dem
polizeilichen. Eine Bürokratie konnte sich aus den Stammtruppen des
nationalen
Kampfes und des Agraraufstandes der Bauern herausbilden: dann ist sie
bestrebt,
wie in China, das stalinistische Industrialisierungsmodell in einer
Gesellschaft
anzuwenden, die weniger entwickelt ist als das Rußland von 1917. Eine
Bürokratie, die dazu fähig ist, die Nation zu industrialisieren, kann sich
aus
dem Kleinbürgertum bilden, als Kader der Armee die Macht ergreifen, wie das
Beispiel Ägyptens zeigt. An einigen Punkten, wie im Algerien am Ende seines
Krieges um die Unabhängigkeit, sucht die Bürokratie, die sich während des
Kampfes als parastaatliche Führung gebildet hat, den Gleichgewichtspunkt
eines
Kompromisses, um mit einer schwachen nationalen Bourgeoisie zu fusionieren.
Schließlich bildet sich in den ehemaligen Kolonien des schwarzen Afrikas,
die
offen mit der westlichen, d.h. amerikanischen und europäischen Bourgeoisie
verknüpft bleiben, eine Bourgeoisie - zumeist aus der Macht der
traditionellen
Stammeshäuptlinge - durch den Besitz des Staates: in diesen Ländern, in
denen
der ausländische Imperialismus der wahre Herr der Wirtschaft bleibt, wird
ein
Stadium erreicht, in dem die Compradores als Vergütung für ihren Verkauf der
Eingeborenenprodukte den Eingeborenenstaat als Eigentum bekommen haben,
welcher
zwar gegenüber den lokalen Massen, nicht aber gegenüber dem Imperialismus
unabhängig ist. In diesem Fall handelt es sich um eine künstliche
Bourgeoisie,
die nicht fähig ist zu akkumulieren, sondern die bloß verschwendet und zwar
den
ihr zukommenden Teil des Mehrwerts aus der lokalen Arbeit ebenso wie die
ausländischen Subsidien der Staaten oder der Monopole, die sie schützen. Die
Offensichtlichkeit der Unfähigkeit dieser bürgerlichen Klassen, die normale
wirtschaftliche Funktion der Bourgeoisie zu erfüllen, führt dazu, daß sich
gegenüber jeder dieser Klassen eine Subversion nach dem mehr oder weniger
den
örtlichen Besonderheiten angepaßten bürokratischen Modell bildet, die die
Erbschaft der Bourgeoisie übernehmen will. Aber der Erfolg selbst einer
Bürokratie bei ihrem Hauptprojekt der Industrialisierung enthielt notwendig
die
Perspektive ihres geschichtlichen Scheiterns: wenn sie das Kapital
akkumuliert,
akkumuliert sie auch das Proletariat, und erzeugt ihre eigene Widerlegung in
einem Land, in dem es noch nicht vorhanden war.


114

In dieser komplexen und furchtbaren Entwicklung, die die Epoche der
Klassenkämpfe zu neuen Bedingungen geführt hat, hat das Proletariat der
industriellen Länder völlig die Behauptung seiner selbständigen Perspektive
und
schließlich seine Illusionen, doch nicht sein Sein verloren. Es ist nicht
aufgehoben. Seine Existenz in der gesteigerten Entfremdung des modernen
Kapitalismus dauert unerbittlich fort: dieses Proletariat besteht aus der
ungeheuren Mehrzahl der Arbeiter, die jede Macht über die Bestimmung ihres
Lebens verloren haben und sich, sobald sie das wissen, wieder als
Proletariat
definieren, als das in dieser Gesellschaft wirkende Negative. Dieses
Proletariat
wird objektiv durch den Prozeß des Verschwindens der Bauernschaft und durch
die
Ausweitung der Logik in der Fabrikarbeit, die sich auf einen großen Teil der
"Dienstleistungen" und der intellektuellen Berufe erstreckt, verstärkt.
Subjektiv ist dieses Proletariat noch von seinem praktischen
Klassenbewußtsein
entfernt, nicht nur bei den Angestellten, sondern auch bei den Arbeitern,
die
erst die Machtlosigkeit und die Mystifizierung der alten Politik entdeckt
haben.
Wenn das Proletariat jedoch entdeckt, daß seine geäußerte eigene Kraft zur
fortwährenden Verstärkung der kapitalistischen Gesellschaft beiträgt, nicht
mehr
nur in der Form seiner Arbeit, sondern auch in der Form der Gewerkschaften,
der
Parteien oder der staatlichen Macht, die es zu seiner Emanzipierung gebildet
hatte, entdeckt es auch durch die konkrete geschichtliche Erfahrung, daß es
die
Klasse ist, die jeder erstarrten Äußerung und jeder Spezialisierung der
Macht
vollständig Feind ist. Es trägt die Revolution, die nichts außerhalb ihrer
lassen kann, die Forderung nach der fortwährenden Herrschaft der Gegenwart
über
die Vergangenheit und die totale Kritik der Trennung; dazu muß es die
adäquate
Form in der Aktion finden. Keine quantitative Verbesserung seines Elends,
keine
Illusion hierarchischer Integration ist ein dauerhaftes Heilmittel für seine
Unzufriedenheit, denn das Proletariat kann sich nicht wahrhaftig in einem
besonderen Unrecht anerkennen, das an ihm verübt worden wäre und folglich
ebensowenig in der Wiedergutmachung eines besonderen Unrechts oder vieler
dieser
Unrechte, sondern nur in dem Unrecht schlechthin, an den Rand des Lebens
gedrängt zu sein.


115

Aus den neuen unbegriffenen und von der proprietären Anordnung verfälschten
Zeichen der Negation, die sich in den wirtschaftlich fortgeschrittensten
Ländern
mehren, läßt sich bereits die Schlußfolgerung ziehen, daß eine neue Epoche
begonnen hat. Nach dem ersten Versuch der Arbeitersubversion ist es jetzt
der
kapitalistische Überfluß, der gescheitert ist. Wenn die
antigewerkschaftlichen
Kämpfe der westlichen Arbeiter zunächst von den Gewerkschaften unterdrückt
werden und wenn die aufständischen Strömungen der Jugend einen ersten
formlosen
Protest erheben, in dem jedoch die Verweigerung der alten spezialisierten
Politik, der Kunst und des Alltagslebens unmittelbar eingeschlossen ist,
sind
das schon die beiden Gesichter eines neuen spontanen Kampfes, der unter
verbrecherischer Erscheinungsform beginnt. Es sind die ersten Vorzeichen des
zweiten proletarischen Ansturms gegen die Klassengesellschaft. Wenn die
verlorenen Posten dieser noch bewegungslosen Armee wieder auf diesem
andersgewordenen und gleichgebliebenen Gelände stehen, folgen sie einem
neuen
"General Ludd", der sie diesmal zur Zerstörung der Maschinen des erlaubten
Konsums losläßt.


116

"Die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung
der
Arbeit sich vollziehen konnte", hat in diesem Jahrhundert in den
revolutionären
Arbeiterräten eine deutliche Gestalt angenommen, die in sich alle Funktionen
der
Entscheidung und der Ausführung konzentrieren und sich vermittels von
Vertretern
föderieren, die gegenüber der Basis verantwortlich und jederzeit abrufbar
sind.
Ihre tatsächliche Existenz ist bisher erst ein kurzer Versuch gewesen, der
zugleich von den verschiedenen Kräften zur Verteidigung der
Klassengesellschaft,
zu denen häufig auch ihr eigenes falsches Bewußtsein zu zählen ist, bekämpft
und
besiegt wurde. Pannekoek betonte gerade die Tatsache, daß die Wahl einer
Macht
der Arbeiterräte eher "Probleme stellt" als eine Lösung bringt. Aber diese
Macht
ist gerade der Ort, wo die Probleme der Revolution des Proletariats ihre
wahre
Lösung finden können. Sie ist der Ort, wo die objektiven Bedingungen des
geschichtlichen Bewußtseins vereinigt sind; die Verwirklichung der aktiven,
direkten Mitteilung, wo die Spezialisierung, die Hierarchie und die Trennung
aufhören, wo die bestehenden Bedingungen in "Bedingungen der Einheit"
verwandelt
worden sind. Hier kann das proletarische Subjekt aus seinem Kampf gegen die
Kontemplation hervortreten: sein Bewußtsein ist der praktischen Organisation
gleich, die es sich gegeben hat, denn dieses Bewußtsein selbst ist
untrennbar
von dem kohärenten Eingriff in die Geschichte.


117

In der Macht der Räte, die jede andere Macht international ersetzen muß, ist
die
proletarische Bewegung ihr eigenes Produkt und dieses Produkt ist der
Produzent
selbst. Sie ist sich selbst ihr eigener Zweck. Nur hier wird die proprietäre
Verneinung des Lebens ihrerseits verneint.


118

Das Auftauchen der Räte war die höchste Realität der proletarischen Bewegung
im
ersten Viertel dieses Jahrhunderts, eine Realität, die unbemerkt blieb oder
entstellt wurde, weil sie mit dem Rest einer Bewegung verschwand, die durch
die
Gesamtheit der damaligen geschichtlichen Erfahrung verleugnet und beseitigt
wurde. In dem neuen Moment der proletarischen Kritik kehrt dieses Ergebnis
als
der einzige unbesiegte Punkt der besiegten Bewegung wieder. Das
geschichtliche
Bewußtsein, das weiß, daß es in ihm seinen einzigen Existenzraum hat, kann
es
jetzt wiedererkennen, aber nicht mehr an der Peripherie dessen, was
zurückströmt, sondern im Zentrum dessen, was steigt.


119

Eine vor der Macht der Räte bestehende revolutionäre Organisation - die im
Kampf
ihre eigene Form wird finden müssen - weiß bereits aus all diesen
geschichtlichen Gründen, daß sie die Klasse nicht repräsentiert. Sie muß
sich
selbst nur als eine radikale Trennung von der Welt der Trennung erkennen.


120

Die revolutionäre Organisation ist der kohärente Ausdruck der Theorie der
Praxis, die in nicht-einseitige Kommunikation mit den praktischen Kämpfen
tritt
und zur praktischen Theorie wird. Ihre eigene Praxis ist die
Verallgemeinerung
der Kommunikation und der Kohärenz in diesen Kämpfen. In dem revolutionären
Augenblick der Auflösung der gesellschaftlichen Trennung muß diese
Organisation
ihre eigene Auflösung als getrennte Organisation anerkennen.


121

Die revolutionäre Organisation kann nur die einheitliche Kritik der
Gesellschaft
sein, d.h. eine Kritik, die an keinem Punkt der Welt mit irgendeiner Form
von
getrennter Macht paktiert, und eine Kritik, die global gegen alle Aspekte
des
entfremdeten gesellschaftlichen Lebens ausgesprochen wird. In dem Kampf der
revolutionären Organisation gegen die Klassengesellschaft sind die Waffen
nichts
anderes als das Wesen der Kämpfer selbst: die revolutionäre Organisation
kann in
sich nicht die Bedingungen der Entzweiung und der Hierarchie wieder
erzeugen,
die die Bedingungen der herrschenden Gesellschaft sind. Sie muß fortwährend
gegen ihre Entstellung im herrschenden Geistigen Eigentum kämpfen. Die
einzige
Grenze der Teilnahme an der totalen Demokratie der revolutionären
Organisation
ist die Anerkennung und die tatsächliche Selbstaneignung der Kohärenz ihrer
Kritik durch alle ihre Mitglieder, einer Kohärenz, die sich in der
eigentlichen
kritischen Theorie und in deren Beziehung zur praktischen Tätigkeit bewähren
muß.


122

Da die auf allen Ebenen immer weitergetriebene Verwirklichung der
kapitalistischen Entfremdung es den Arbeitern immer schwieriger macht, ihr
eigenes Elend zu erkennen und zu benennen und sie dadurch vor die
Alternative
stellt, entweder ihr ganzes Elend oder nichts abzulehnen, hat die
revolutionäre
Organisation lernen müssen, daß sie die Entfremdung nicht mehr in
entfremdeten
Formen bekämpfen kann.


123

Die proletarische Revolution hängt ganz und gar von dieser Notwendigkeit ab,
daß
die Massen zum ersten Mal die Theorie als Verständnis der menschlichen
Praxis
anerkennen und erleben müssen. Sie fordert, daß die Arbeiter zu Dialektikern
werden, und daß sie der Praxis ihr Denken aufprägen; sie verlangt daher von
den
Männern ohne Eigenschaften sehr viel mehr als die bürgerliche Revolution von
den
qualifizierten Männern verlangte die sie zu ihrer Durchführung beauftragte:
denn
das von einem Teil der bürgerlichen Klassen erzeugte, parzellierte und
ideologische Bewußtsein hatte jenen zentralen Teil des gesellschaftlichen
Lebens, die Wirtschaft, zur Grundlage, in der diese Klasse bereits an der
Macht
war. Die eigene Entwicklung der Klassengesellschaft zur proprietären
Organisation des Nicht-Lebens führt folglich das revolutionäre Projekt dazu,
sichtbar zu dem zu werden, was es schon wesentlich war.


124

Die revolutionäre Theorie ist jetzt jeder revolutionären Ideologie Feind und
sie
weiß, daß sie es ist.


V. Zeit und Geschichte

"Oh, edle Herrn, des Lebens Zeit ist kurz: Wir treten Kön'ge nieder, wenn
wir
leben."

Shakespeare (Henry IV)


125

Der Mensch, "das negative Wesen, welches nur ist, insofern es Sein aufhebt",
ist
mit der Zeit identisch. Die Aneignung seiner eigenen Natur durch den
Menschen
ist ebenfalls seine Ergreifung der Entfaltung des Universums. "Die
Geschichte
selbst ist ein wichtiger Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum
Menschen." (Marx). Umgekehrt hat diese "Naturgeschichte" eine tatsächliche
Existenz nur durch den Prozeß einer menschlichen Geschichte, des einzigen
Teils,
der dieses geschichtliche Ganze wiederfindet, wie das moderne Teleskop, das
in
der Zeit durch seine Reichweite die fliehenden Nebelflecken an der
Peripherie
des Weltalls einholt. Die Geschichte hat immer existiert, aber nicht immer
in
ihrer geschichtlichen Form. Die Zeitigung des Menschen, wie sie durch die
Vermittlung einer Gesellschaft stattfindet, entspricht einer
Vermenschlichung
der Zeit. In dem geschichtlichen Bewußtsein äußert sich die bewußtlose
Bewegung
der Zeit und wird wahr.


126

Die eigentlich geschichtliche Bewegung beginnt, wenn auch noch verborgen, in
der
langsamen und unmerklichen Bildung "der wirklichen Natur des Menschen",
dieser
"in der menschlichen Geschichte - dem Entstehungsakt der menschlichen
Gesellschaft - werdenden Natur", aber die Gesellschaft, die sich dann einer
Technik und einer Sprache bemeistert hat, ist sich, wenn sie auch bereits
das
Produkt ihrer eigenen Geschichte ist, nur einer immerwährenden Gegenwart
bewußt.
In dieser Gesellschaft wird jede Kenntnis, die auf das Gedächtnis der
Ältesten
beschränkt ist, stets von Lebenden getragen. Weder der Tod noch die Zeugung
werden als ein Gesetz der Zeit begriffen. Die Zeit steht still, wie ein
geschlossener Raum. Wenn eine komplexere Gesellschaft dazu kommt, sich der
Zeit
bewußt zu werden, besteht ihre Arbeit vielmehr darin, diese Zeit zu leugnen,
denn sie sieht in der Zeit nicht das, was vergeht, sondern das, was
wiederkommt.
Die statische Gesellschaft organisiert die Zeit nach ihrer unmittelbaren
Erfahrung der Natur, im Modell der zyklischen Zeit.


127

Die zyklische Zeit ist bereits in der Erfahrung der Nomadenvölker
vorherrschend,
denn vor ihnen finden sich in jedem Moment ihrer Wanderung die gleichen
Bedingungen wieder: Deleuze bemerkt, daß "das Herumschweifen der Nomaden nur
formell ist, weil es in einförmige Kreise beschränkt ist". Die Gesellschaft,
die
sich örtlich festsetzt und dabei durch die Einrichtung individualisierter
Orte
dem Raum einen Inhalt gibt, findet sich dadurch selbst im Inneren dieser
Ortsbestimmung eingeschlossen. Die zeitliche Rückkehr zu Orten, die sich
gleichen, ist jetzt die reine Wiederkehr der Zeit an einem gleichen Ort, die
Wiederholung einer Reihe von Gesten. Der Übergang vom Nomadentum der Hirten
zur
seßhaften Landwirtschaft ist das Ende der inhaltslos-trägen Freiheit, der
Beginn
der mühevollen Arbeit. Die von dem Rhythmus der Jahreszeiten beherrschte
agrarische Produktionsweise berhaupt ist die Basis der völlig ausgebildeten
Wiederkehr des Gleichen. Der Mythos ist die einheitliche Konstruktion des
Denkens, das die gesamte kosmische Ordnung um die Ordnung herum garantiert,
welche diese Gesellschaft tatsächlich bereits innerhalb ihrer Grenzen
verwirklicht hat.


128

Die gesellschaftliche Aneignung der Zeit, die Erzeugung des Menschen durch
die
menschliche Arbeit, entwickeln sich in einer in Klassen geteilten
Gesellschaft.
Die Macht, die sich ber der Knappheit der Gesellschaft der zyklischen Arbeit
gebildet hat, die Klasse, die diese gesellschaftliche Arbeit organisiert und
sich deren begrenzten Mehrwert aneignet, eignet sich ebenso den zeitlichen
Mehrwert ihrer Organisation der gesellschaftlichen Zeit an: sie besitzt für
sich
allein die irreversible Zeit des Lebendigen. Der einzige Reichtum, den es
konzentriert im Bereich der Macht geben kann, um materiell für festlichen
Aufwand ausgegeben zu werden, wird dabei auch als Vergeudung einer
geschichtlichen Zeit der Oberfläche der Gesellschaft ausgegeben. Die
Eigentümer
des geschichtlichen Mehrwerts besitzen die Kenntnis und den Genuß der
erlebten
Ereignisse. Diese Zeit, die von der kollektiven Organisation der Zeit
getrennt
ist, welche mit der wiederholten Produktion der Grundlage des
gesellschaftlichen
Lebens vorherrscht, fließt oberhalb ihrer eigenen statischen Gemeinschaft.
Es
ist die Zeit des Abenteuers und des Krieges, in der die Herren der
zyklischen
Gesellschaft ihre persönliche Geschichte durchlaufen; es ist ebenso die
Zeit,
die in dem Zusammenstoß zwischen fremden Gemeinschaften erscheint, die
Störung
der unveränderlichen Ordnung der Gesellschaft. Die Geschichte ereignet sich
folglich wie ein fremder Faktor vor den Menschen, wie etwas, das sie nicht
gewollt haben und gegen das sie sich abgeschirmt glaubten. Aber auf diesem
Umweg
kehrt auch die negative Unruhe des Menschlichen zurück, die am Ursprung
selbst
der ganzen Entwicklung stand, welche eingeschlafen war.


129

Die zyklische Zeit ist in sich selbst die Zeit ohne Konflikt. Aber in dieser
Kindheit der Zeit ist der Konflikt angelegt: die Geschichte kämpft zunächst,
um
die Geschichte in der praktischen Tätigkeit der Herren zu sein.
Oberflächlich
schafft diese Geschichte Irreversibles; ihre Bewegung bildet die Zeit
selbst,
die sie ausschöpft, im Inneren der unerschöpflichen Zeit der zyklischen
Gesellschaft.


130

Die "kalten Gesellschaften" sind diejenigen, die ihren Teil Geschichte aufs
äußerste verlangsamt haben; die ihren Gegensatz zu der natürlichen und
menschlichen Umgebung und ihre inneren Gegensätze in ständigem Gleichgewicht
gehalten haben. Wenn die extreme Verschiedenartigkeit der zu diesem Zweck
errichteten Institutionen von der Plastizität der Selbstschöpfung der
menschlichen Natur zeugt, so erscheint dieses Zeugnis selbstverständlich nur
dem
außerhalb stehenden Beobachter, dem aus der geschichtlichen Zeit
zurückgekehrten
Ethnologen. In jeder dieser Gesellschaften hat eine endgültige
Strukturierung
die Veränderung ausgeschlossen. Der absolute Konformismus der bestehenden
gesellschaftlichen Bräuche, mit denen sich alle die menschlichen
Möglichkeiten
für immer identifiziert finden, kennt als äußere Grenze nur die Furcht, in
das
formlose Tierwesen zurückzufallen. Hier müssen die Menschen gleichbleiben,
um im
Menschlichen zu bleiben.


131

An der Schwelle einer Periode, die bis zum Erscheinen der Industrie keine
tiefgehenden Erschütterungen mehr erfahren wird, bezeichnet die Geburt der
politischen Macht, die in Beziehung zu den letzten großen Revolutionen der
Technik - wie dem Eisenguß - zu stehen scheint, den Moment, der die
Blutsverwandtschaft aufzulösen beginnt. Von nun an tritt die
Aufeinanderfolge
der Generationen aus der Sphäre des rein natürlichen Zyklischen heraus, um
zu
gerichtetem Ereignis, zu Aufeinanderfolge von Mächten zu werden. Die
irreversible Zeit ist die Zeit desjenigen, der herrscht; und die Dynastien
sind
deren erstes Maß. Die Schrift ist ihre Waffe. In der Schrift erreicht die
Sprache ihre volle unabhängige Wirklichkeit als Vermittlung zwischen
bewußten
Wesen. Aber diese Unabhängigkeit ist mit der allgemeinen Unabhängigkeit der
getrennten Macht, als der die Gesellschaft bildenden Vermittlung, identisch.
Mit
der Schrift erscheint ein Bewußtsein, das nicht mehr in der unmittelbaren
Beziehung zwischen den Lebenden getragen und übertragen wird: ein
unpersönliches
Gedächtnis, das der Verwaltung der Gesellschaft. "Die Schriftstücke sind die
Gedanken des Staates; die Archive sein Gedächtnis." (Novalis)


132

Die Chronik ist der Ausdruck der irreversiblen Zeit der Macht und auch das
Instrument, das das voluntaristische Fortschreiten dieser Zeit, von ihrem
früheren Verlauf ab, aufrechterhält; denn diese Orientierung der Zeit muß
mit
der Kraft jeder einzelnen Macht zusammenbrechen; und sie fällt wieder der
gleichgültigen Vergessenheit der den Bauernmassen allein bekannten
zyklischen
Zeit anheim, welche sich in dem Zusammenbruch der Reiche und ihrer
Chronologien
niemals verändern. Die Besitzer der Geschichte haben in die Zeit einen Sinn
gesetzt: eine Richtung, die auch eine Bedeutung ist. Aber diese Geschichte
entfaltet sich und vergeht gesondert: sie läßt die Tiefe der Gesellschaft
unbewegt, denn sie ist gerade das, was von der gemeinsamen Realität getrennt
bleibt. In dieser Hinsicht läßt sich die Geschichte der Reiche des Orients
für
uns auf die Geschichte der Religionen zurückführen: diese wieder verfallenen
Chronologien haben nur die scheinbar autonome Geschichte der Illusionen, die
sie
umhüllten, hinterlassen. Die Herren, die unter dem Schutz des Mythos das
Privateigentum an der Geschichte im Besitz halten, besitzen es zunächst in
der
Art der Illusion: in China und Ägypten hatten sie lange Zeit das Monopol der
Unsterblichkeit der Seele, wie ihre ersten anerkannten Dynastien die
imaginäre
Anordnung der Vergangenheit sind. Aber dieser illusorische Besitz der Herren
ist
auch der ganze zu jener Zeit mögliche Besitz einer gemeinsamen Geschichte
und
ihrer eigenen Geschichte. Die Erweiterung ihrer tatsächlichen Macht geht mit
einer allgemeinen Verbreiterung des illusorischen mythischen Besitzes
einher.
All dies ergibt sich aus der einfachen Tatsache, daß die Herren in genau dem
Maße, wie sie es übernahmen, mythisch die Permanenz der zyklischen Zeit zu
garantieren - wie zum Beispiel in den jahreszeitlichen Riten der
chinesischen
Kaiser -, sich selbst von derselben relativ befreit haben.


133

Wenn die unerklärte dürre Chronologie der vergötterten Macht, die zu ihren
Dienern spricht, und die nur als irdische Ausführung der Gebote des Mythos
verstanden werden will, berwunden werden kann und zur bewußten Geschichte
wird,
muß die wirkliche Teilnahme an der Geschichte von umfassenden Gruppen erlebt
worden sein. Aus dieser praktischen Mitteilung zwischen denjenigen, die sich
als
die Besitzer einer einzelnen Gegenwart anerkannt haben, die den qualitativen
Reichtum der Ereignisse als ihre Tätigkeit und als den Ort, an dem sie
standen -
ihre Epoche -, erfuhren, entsteht die allgemeine Sprache der geschichtlichen
Mitteilung. Diejenigen, für die die irreversible Zeit existiert hat,
entdecken
in ihr zugleich die Denkwürdigkeit und das Drohen der Vergessenheit:
"Herodot
aus Halikarnaß legt hier die Ergebnisse seiner Untersuchung vor, damit die
Zeit
nicht die Werke der Menschen auslöscht."


134

Das Nachdenken über die Geschichte ist nicht zu trennen von dem Nachdenken
über
die Macht. Griechenland war dieser Moment, in dem die Macht und deren
Veränderung diskutiert und begriffen wurden, die Demokratie der Herren der
Gesellschaft. Hier bestand das Gegenteil der Bedingungen, die der
despotische
Staat kannte, in dem die Macht im unzugänglichen Dunkel seines
konzentriertesten
Punktes stets nur mit sich selbst abrechnete: durch die Palastrevolution,
die
bei Erfolg wie bei Mißerfolg gleichermaßen außer Diskussion stehen. Jedoch
existierte die aufgeteilte Macht der griechischen Gemeinschaften nur in der
Verausgabung eines gesellschaftlichen Lebens, dessen Produktion getrennt und
statisch in der Sklavenklasse verblieb. Nur diejenigen, die nicht arbeiten,
leben. Bei der Teilung der griechischen Gemeinschaften, und bei dem Kampf um
die
Ausbeutung der fremden Städte, wurde das Prinzip der Trennung, das jede von
ihnen im Inneren begründete, nach außen getragen. Griechenland, das die
Weltgeschichte erträumt hatte, gelang es nicht, sich angesichts der Invasion
zu
vereinen; es gelang ihm nicht einmal, die Kalender seiner unabhängigen
Städte zu
vereinigen. In Griechenland ist die geschichtliche Zeit bewußt geworden,
aber
noch nicht selbstbewußt.


135

Nach dem Verschwinden der örtlich günstigen Bedingungen, die die
griechischen
Gemeinschaften gefunden hatten, wurde der Rückschritt des westlichen
geschichtlichen Denkens nicht von einer Wiederherstellung der ehemaligen
mythischen Organisationen begleitet. In dem Aufeinanderstoßen der
Mittelmeervölker, in der Bildung und im Zusammenbruch des römischen Staats,
tauchten halbgeschichtliche Religionen auf, die zu grundlegenden Faktoren
des
neuen Bewußtseins der Zeit und zur neuen Rüstung der getrennten Macht
wurden.


136

Die monotheistischen Religionen waren ein Kompromiß zwischen dem Mythos und
der
Geschichte, zwischen der zyklischen Zeit, die noch die Produktion
beherrschte
und der irreversiblen Zeit, in der die Völker aufeinanderstoßen und sich
wieder
zusammensetzen. Die aus dem Judentum hervorgegangenen Religionen sind die
abstrakte universelle Anerkennung der irreversiblen Zeit, die nun zwar
demokratisiert ist und allen offensteht, aber nur im Illusorischen. Die Zeit
ist
ganz und gar auf ein einziges letztes Ereignis hin orientiert: "Das Reich
Gottes
ist nah." Diese Religionen sind auf dem Boden der Geschichte entstanden und
haben sich auf ihm festgesetzt. Aber noch dort bleiben sie in radikalem
Gegensatz zur Geschichte. Die halbgeschichtliche Religion führt in die Zeit
einen qualitativen Ausgangspunkt ein, die Geburt Christi, die Flucht
Mohammeds,
aber ihre irreversible Zeit - die eine tatsächliche Akkumulation einleitet,
die
im Islam die Gestalt einer Eroberung und im Christentum der Reformation die
Gestalt einer Vermehrung des Kapitals wird annehmen können - ist im
religiösen
Denken in Wirklichkeit wie eine Zählung gegen den Strich umgekehrt: das
Warten
in der abnehmenden Zeit auf den Zugang zur wahren anderen Welt, das Erwarten
des
Jüngsten Gerichts. Die Ewigkeit ist aus der zyklischen Zeit herausgetreten.
Sie
ist ihr Jenseits. Sie ist das Element, das die Irreversibilität der Zeit
herabsetzt, das die Geschichte in der Geschichte selbst abschafft, indem sie
sich als ein reines punktuelles Element, in das die zyklische Zeit
zurückgekehrt
und verschwunden ist, auf die andere Seite der irreversiblen Zeit stellt.
Bossuet sagt noch: "Und mittels der Zeit, die vergeht, gehen wir in die
Ewigkeit
ein, die nicht vergeht."


137

Das Mittelalter, diese unvollendete mythische Welt, deren Vollkommenheit
außerhalb ihrer selbst lag, ist der Moment, in dem die zyklische Zeit, die
noch
den Hauptteil der Produktion regelt, von der Geschichte wirklich untergraben
wird. Eine gewisse irreversible Zeitlichkeit wird allen als Individuen
zuerkannt, in der Aufeinanderfolge der Lebensalter, in dem Leben, das als
eine
Reise angesehen wird, als Durchgang ohne Rückkehr durch eine Welt, deren
Sinn
anderswo liegt: der Pilger ist der Mensch, der aus dieser zyklischen Zeit
heraustritt, um tatsächlich dieser Reisende zu sein, der jeder Mensch als
Zeichen ist. Das persönliche geschichtliche Leben findet seine Vollendung
stets
in der Sphäre der Macht, in der Teilnahme an den von der Macht geführten
Kämpfen
und an den Kämpfen im Streit um die Macht; aber die irreversible Zeit der
Macht
wird ins Unendliche geteilt bei der allgemeinen Vereinigung der gerichteten
Zeit
der christlichen Zeitrechnung, in einer Welt des bewaffneten Vertrauens, in
der
sich das Spiel der Herren um die Treue und das Bestreiten der schuldigen
Treue
dreht. Diese feudale Gesellschaft, die aus dem Zusammentreffen der
"kriegerischen Organisation des Heerwesens während der Eroberung selbst" und
der
"in den eroberten Ländern vorgefundenen Produktivkräfte" (Die deutsche
Ideologie) entstand - und zur Organisation dieser Produktivkräfte muß man
ihre
religiöse Sprache zählen -, hat die Herrschaft über die Gesellschaft
zwischen
der Kirche und der staatlichen Macht geteilt, die ihrerseits in den
komplexen
Beziehungen von Lehnsherrlichkeit und Vasallenschaft der Grundlehen und der
städtischen Gemeinden unterteilt war. In dieser Verschiedenartigkeit des
möglichen geschichtlichen Lebens enthüllte sich die irreversible Zeit, durch
welche bewußtlos die Tiefe der Gesellschaft mitgerissen wurde, die von der
Bourgeoisie in der Warenproduktion, in der Gründung und Ausdehnung der
Städte,
in der kommerziellen Entdeckung der Erde - dem praktischen Experimentieren,
das
jede mythische Organisation des Kosmos für immer zerstört - erlebte Zeit,
allmählich als die unbekannte Arbeit der Epoche, als die große offizielle
geschichtliche Unternehmung dieser Welt mit den Kreuzzügen gescheitert war.


138

Im Herbst des Mittelalters wird die irreversible Zeit, die auf die
Gesellschaft
übergreift, von dem an der alten Ordnung haftenden Bewußtsein in der Form
einer
Zwangsvorstellung vom Tod empfunden. Darin liegt die Melancholie der
Auflösung
einer Welt, der letzten, in der sich die Sicherheit des Mythos noch der
Geschichte das Gleichgewicht hielt; und für diese Melancholie bewegt sich
alles
Irdische nur in Richtung auf seinen Verfall. Die großen Aufstände der Bauern
Europas sind auch ihr Versuch einer Antwort auf die Geschichte, die sie
gewaltsam aus dem patriarchalischen Schlaf riß, den die feudale
Vormundschaft
gewährleistet hatte. Es ist die millenaristische Utopie der irdischen
Verwirklichung des Paradieses, in der in den Vordergrund tritt, was am
Anfang
der halbgeschichtlichen Religion stand, als die christlichen Gemeinden, wie
der
jüdische Messianismus, von dem sie herkamen, jene Antworten auf die Unruhen
und
das Unglück der Epoche, die unmittelbar bevorstehende Verwirklichung des
Reichs
Gottes erwarteten und in der antiken Gesellschaft einen Faktor der Unruhe
und
der Subversion beitrugen. Als das Christentum schließlich die Macht im
Kaiserreich mitbesaß, widerlegte es zu rechter Zeit als bloßen Aberglauben
all
das, was von dieser Hoffnung übriggeblieben war: dies ist die Bedeutung der
Augustinischen Behauptung, dem Archetyp aller satisfecit der modernen
Ideologie,
wonach die eingesessene Kirche bereits seit langem dieses Reich war, von dem
man
gesprochen hatte. Der soziale Aufstand des millenaristischen Bauerntums
definiert sich natürlich zunächst als ein Wille zur Zerstörung der Kirche.
Aber
der Millenarismus entfaltet sich in der geschichtlichen Welt und nicht auf
dem
Boden des Mythos. Die modernen rovolutionären Hoffnungen sind nicht, wie
Norman
Cohn in "Das Ringen um das Tausendjährige Reich" zu beweisen glaubt,
irrationale
Folgen der religiösen Leidenschaft des Millenarismus. Es ist ganz im
Gegenteil
der Millenarismus, ein revolutionärer Klassenkampf, der zum letzten Mal die
Sprache der Religion gebraucht, der bereits eine moderne revolutionäre
Tendenz
ist, welcher noch das Bewußtsein fehlt, nur geschichtlich zu sein. Die
Millenaristen mußten verlieren, weil sie die Revolution nicht als ihr
eigenes
Tun anerkennen konnten. Die Tatsache, daß sie um zu handeln ein äußeres
Zeichen
der Entscheidung Gottes abwarten, ist die Übersetzung ins Denken einer
Praxis,
in der die aufständischen Bauern Anführern folgen, die nicht aus ihren
eigenen
Reihen stammen. Die Bauernklasse konnte kein richtiges Bewußtsein darüber
erreichen, wie die Gesellschaft funktionierte und wie ihr eigener Kampf zu
führen war: weil der Bauernklasse diese Bedingungen der Einheit in ihrer
Handlung und in ihrem Bewußtsein fehlten, ist es zu erklären, daß sie ihr
Projekt in den Bildern des Gartens von Eden ausdrückte und ihre Kriege eben
diesen Bildern gemäß führte.


139

Der neue Besitz am geschichtlichen Leben, die Renaissance, die im Altertum
ihre
Vergangenheit und ihr Recht findet, trägt in sich den freudigen Bruch mit
der
Ewigkeit. Ihre irreversible Zeit ist die Zeit der unendlichen Akkumulation
der
Kenntnisse und das geschichtliche Bewußtsein, das aus der Erfahrung der
demokratischen Gemeinschaften und der Kräfte, die sie zerstören, entstanden
ist,
fängt mit Machiavelli wieder an, über die entheiligte Macht nachzudenken,
das
Unaussprechliche über den Staat auszusprechen. In dem berschäumenden Leben
der
italienischen Städte, in der Kunst der Feste, erfährt sich das Leben als
Genießen des Vergehens der Zeit. Aber dieses Genießen des Vergehens mußte
auch
selbst vergänglich sein. Das Lied von Lorenzo de' Medici, das Burckhardt als
"eine wehmütige Ahnung der kurzen Herrlichkeit der Renaissance selbst"
betrachtet, ist das Eigenlob, das sich dieses zerbrechliche Fest der
Geschichte
hielt: "Wie schön die Jugend ist - die so bald vergeht."


140

Die ständige Bewegung der Monopolisierung des geschichtlichen Lebens durch
den
Staat der absoluten Monarchie, der Übergangsform zur vollständigen
Herrschaft
der Bürgerklasse, läßt in seiner Wahrheit erscheinen, was die neue
irreversible
Zeit der Bourgeoisie ist. Die Bourgeoisie ist mit der zum ersten Mal vom
Zyklischen befreiten Zeit der Arbeit verknüpft. Die Arbeit ist mit der
Bourgeoisie zur Arbeit geworden, die die geschichtlichen Bedingungen
verändert.
Die Bourgeoisie ist die erste herrschende Klasse, für die die Arbeit ein
Wert
ist. Und die Bourgeoisie, die jedes Privileg abschafft und nur den Wert
anerkennt, der aus der Ausbeutung der Arbeit entspringt, hat gerade mit der
Arbeit ihren eigenen Wert als herrschende Klasse identisch gesetzt und macht
den
Fortschritt der Arbeit zu ihrem eigenen Fortschritt. Die Klasse, die die
Waren
und das Kapital akkumuliert, verändert ständig die Natur, indem sie die
Arbeit
selbst verändert, indem sie deren Produktivität entfesselt. Jedes
gesellschaftliche Leben hat sich bereits in der ornamentalen Armut des Hofes
konzentriert, dem Schmuck der kalten staatlichen Verwaltung, die im
"Königsberuf" gipfelt; und jede besondere geschichtliche Freiheit mußte
ihrem
Verlust zustimmen. Die Freiheit des irreversiblen zeitlichen Spiels der
Feudalherren hat sich in ihren letzten verlorenen Schlachten mit den Kriegen
der
Fronde oder der Erhebung der Schotten für Karl-Eduard verbraucht. Die Welt
hat
sich von Grund auf verändert.


141

Der Sieg der Bourgeoisie ist der Sieg der zutiefst geschichtlichen Zeit,
weil
sie die Zeit der wirtschaftlichen Produktion ist, die die Gesellschaft
fortwährend und von Grund auf verändert. Solange die agrarische Produktion
die
Hauptarbeit bleibt, nährt die zyklische Zeit, die auf dem Grund der
Gesellschaft
gegenwärtig bleibt, die verbündeten Kräfte der Tradition, die die Bewegung
hemmen. Aber die irreversible Zeit der bürgerlichen Wirtschaft rottet diese
Überreste auf der ganzen weiten Welt aus. Die Geschichte, die bis dahin als
die
alleinige Bewegung der Individuen der herrschenden Klasse erschien und
folglich
als Geschichte von Ereignissen geschrieben wurde, wird jetzt als die
allgemeine
Bewegung begriffen, und in dieser strengen Bewegung werden die Individuen
aufgeopfert. Die Geschichte, die ihre Grundlage in der politischen
Wirtschaft
entdeckt, kennt jetzt die Existenz dessen, was ihr Unbewußtes war, das aber
trotzdem noch das Unbewußte bleibt, das sie nicht ans Licht ziehen kann. Nur
diese blinde Vorgeschichte, ein neues Fatum, das kein Mensch beherrscht,
wurde
durch die Warenwirtschaft demokratisiert.


142

Die Geschichte, die in der ganzen Tiefe der Gesellschaft gegenwärtig ist,
tendiert dahin, sich an der Oberfläche zu verlieren. Der Triumph der
irreversiblen Zeit ist auch ihre Verwandlung in die Zeit der Dinge, weil die
Waffe zu ihrem Sieg gerade die Serienproduktion von Gegenständen nach den
Gesetzen der Ware war. Das Hauptprodukt, das die Wirtschaft von einem
seltenen
Luxusartikel in ein gefährliches Konsumgut verwandelte, ist daher die
Geschichte, aber lediglich als Geschichte der abstrakten Bewegung der Dinge,
die
jeden qualitativen Gebrauch des Lebens beherrscht. Während die frühere
zyklische
Zeit einen wachsenden Teil von Individuen und Gruppen erlebter
geschichtlicher
Zeit in sich trug, tendiert die Herrschaft der irreversiblen Zeit der
Produktion
dahin, diese erlebte Zeit gesellschaftlich abzuschaffen.


143

So machte die Bourgeoisie die Gesellschaft mit einer irreversiblen
geschichtlichen Zeit bekannt und zwang sie ihr auf, verweigert ihr aber
deren
Gebrauch. "Somit hat es eine Geschichte gegeben, aber es gibt keine mehr",
weil
die Klasse der Besitzer der Wirtschaft, die nicht mit der
Wirtschaftsgeschichte
brechen kann, auch jede andere irreversible Verwendung der Zeit als eine
unmittelbare Bedrohung verdrängen muß. Die herrschende Klasse, die aus
Spezialisten des Besitzes der Dinge besteht, die dadurch selbst ein Besitz
der
Dinge sind, muß ihr Schicksal mit der Aufrechterhaltung dieser
verdinglichten
Geschichte verknüpfen, mit der Permanenz einer neuen Unbeweglichkeit in der
Geschichte. Zum ersten Mal ist der Arbeiter, der an der Basis der
Gesellschaft
steht, der Geschichte nicht materiell fremd, denn irreversibel bewegt sich
jetzt
die Basis der Gesellschaft. In der Forderung, die geschichtliche Zeit, die
es
macht, zu erleben, findet das Proletariat das einfache, unvergeßliche
Zentrum
seines revolutionären Projektes; und jeder der bis heute zerschlagenen
Versuche,
dieses Projekt durchzuführen, kennzeichnet einen möglichen Ausgangspunkt des
geschichtlichen neuen Lebens.


144

Die irreversible Zeit der Bourgeoisie, der Herrin der Macht, präsentierte
sich
zunächst unter ihrem eigenen Namen, als einen absoluten Ursprung, als das
Jahr 1
der Republik. Aber die revolutionäre Ideologie der allgemeinen Freiheit, die
die
letzten Reste der mythischen Organisation der Werte und jede traditionelle
Regelung der Gesellschaft beseitigt hatte, ließ bereits den wirklichen
Willen
sichtbar werden, den sie mit einem römischen Gewand bekleidet hatte: die
verallgemeinerte Handelsfreiheit. Als die Gesellschaft der Ware dann
herausfand,
daß sie die Passivität wiederherzustellen hatte, die sie gründlich hatte
erschüttern müssen, um ihre eigene reine Herrschaft zu erreichten, fand sie
in
dem "Christentum, mit seinem Kultus des abstrakten Menschen, die
entsprechendste
Religionsform" (Das Kapital). Die Bourgeoisie hat darauf mit dieser Religion
einen Kompromiß geschlossen, der sich auch in der Vorstellung der Zeit
ausdrückt: als ihr eigener Kalender aufgegeben wurde, schmiegte sich ihre
irreversible Zeit wieder der christlichen Zeitrechnung an, deren Folge sie
fortsetzte.


145

Mit der Entstehung des Kapitalismus wird die irreversible Zeit weltweit
vereinheitlicht. Die Weltgeschichte wird Wirklichkeit, denn die ganze Welt
wird
unter der Entwicklung dieser Zeit versammelt. Aber die Geschichte, die
überall
und zugleich dieselbe ist, ist erst noch die innergeschichtliche Ablehnung
der
Geschichte. Es ist die in gleiche abstrakte Stücke geschnittene Zeit der
wirtschaftlichen Produktion, die sich auf dem ganzen Planeten als der
gleiche
Tag äußert. Die vereinheitlichte irreversible Zeit ist die Zeit des
Weltmarkts
und folglich die des Geistigen Welteigentums.


146

Die irreversible Zeit der Produktion ist zunächst das Maß der Waren. Daher
ist
die Zeit, die sich offiziell über die ganze Weite der Welt hin als die
allgemeine Zeit der Gesellschaft behauptet, indem sie nur die
spezialisierten
Interessen bedeutet, aus denen sie gebildet wird, nur eine besondere Zeit.


VI. Die proprietäre Zeit

"Nichts gehört unser, als nur die Zeit, in welcher selbst der lebt, der
keine
Wohnung hat."

Balthasar Gracian (Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit).


147

Die Zeit der Produktion, die Zeit als Ware, ist eine unendliche Akkumulation
von
äquivalenten Intervallen. Sie ist die Abstraktion der irreversiblen Zeit,
deren
Abschnitte alle auf dem Chronometer ihre alleinige quantitative Gleichheit
beweisen müssen. Diese Zeit ist in ihrer ganzen Wirklichkeit, was sie in
ihrer
Austauschbarkeit ist. Bei dieser gesellschaftlichen Herrschaft der Zeit als
Ware
ist "die Zeit alles, der Mensch nichts mehr; er ist höchstens noch die
Verkörperung der Zeit" (Das Elend der Philosophie). Es ist die entwertete
Zeit,
die vollständige Umkehrung der Zeit als "Raum der menschlichen Entwicklung".


148

Die allgemeine Zeit der menschlichen Nichtentwicklung existiert auch unter
dem
ergänzenden Aspekt einer konsumierbaren Zeit, die von dieser bestimmten
Produktion aus zum täglichen Leben der Gesellschaft als eine pseudozyklische
Zeit zurückkehrt.


149

Die pseudozyklische Zeit ist in Wirklichkeit nur die konsumierbare
Verkleidung
der Zeit der Produktion, der Zeit als Ware. Sie enthält deren wesentlichen
Charaktere: austauschbare homogene Einheiten und die Abschaffung der
qualitativen Dimension. Aber als Nebenprodukt dieser Zeit, die zur
Herstellung -
und Aufrechterhaltung - der Rückständigkeit des konkreten täglichen Lebens
bestimmt ist, muß sie mit Pseudowertungen besetzt sein und in einer Folge
scheinbar individualisierter Momente erscheinen.


150

Die pseudozyklische Zeit ist die Zeit des Konsums des modernen
wirtschaftlichen
Überlebens, des vermehrten Überlebens, worin das tägliche Erlebte ohne
Entscheidungsgewalt und unterworfen bleibt, aber nicht mehr der natürlichen
Ordnung, sondern der in der entfremdeten Arbeit entwickelten Pseudonatur;
und so
findet diese Zeit ganz natürlich den alten zyklischen Rhythmus wieder, der
das
Überleben der vorindustriellen Gesellschaften regelte. Die pseudozyklische
Zeit
stützt sich auf die Überreste der zyklischen Zeit und stellt aus ihnen
zugleich
neue homologe Zusammensetzungen her: den Tag und die Nacht, die wöchentliche
Arbeit und Ruhe, die Wiederkehr der Ferienzeiten.


151

Die pseudozyklische Zeit ist eine Zeit, die von der Industrie verändert
worden
ist. Die Zeit, die ihre Basis in der Produktion der Waren hat, ist selbst
eine
konsumierbare Ware, die alles, was sich vorher, während der Auflösungsphase
der
alten einheitlichen Gesellschaft in Privatleben, Wirtschaftsleben und
politisches Leben gegliedert hatte, sammelt. Die gesamte konsumierbare Zeit
der
modernen Gesellschaft wird schließlich als Rohmaterial neuer
verschiedenartiger
Produkte verarbeitet, die sich auf dem Markt als gesellschaftlich
organisierte
Zeitanwendungen durchsetzen. "Das Produkt, das in einer für die Konsumtion
fertigen Form existiert, kann von neuem zum Rohmaterial eines anderen
Produkts
werden". (Das Kapital)


152

In seinem fortgeschrittensten Bereich kommt der konzentrierte Kapitalismus
immer
mehr zum Verkauf von "komplett ausgestatteten" Zeitblöcken, von denen jeder
eine
einzige vereinheitlichte Ware bildet, die eine bestimmte Zahl verschiedener
Waren in sich integriert hat. So kann in der sich ausdehnenden Wirtschaft
der
"Dienstleistungen" und der Freizeit die Zahlungsformel "alles inbegriffen"
auftauchen, für die proprietäre Wohnung, die kollektiven Pseudoreisen der
Ferien, das Abonnement auf den kulturellen Konsum und den Verkauf selbst der
Geselligkeit in der Form von "erregenden Gesprächen" und "Begegnungen mit
Persönlichkeiten". Diese Art proprietärer Ware, die natürlich nur in
Funktion
der zunehmenden Knappheit der entsprechenden Wirklichkeiten Geltung haben
kann,
gehört ebenso natürlich zu den schrittmachenden Artikeln der Modernisierung
der
Verkaufstechniken, indem sie auf Kredit zahlbar ist.


153

Die konsumierbare pseudozyklische Zeit ist die proprietäre Zeit, als Zeit
des
Konsums der Rechte im engen Sinn und zugleich, in ihrem ganzen Ausmaß, ein
Recht
auf den Konsum der Zeit. Die Zeit des Konsums der Bilder, das Medium aller
Waren, ist untrennbar das Feld, auf dem die Instrumente des Geistigen
Eigentums
ihre volle Wirkung ausüben, und das Ziel, das diese Instrumente global als
Ort
und zentrale Gestalt aller besonderen Arten des Konsums darstellen: es ist
bekannt, daß der ständige Zeitgewinn, den die moderne Gesellschaft erstrebt
-
sei es durch die Schnelligkeit der Beförderungsmittel oder durch den
Gebrauch
von Fertigsuppen - für die Bevölkerung der Vereinigten Staaten positiv darin
zum
Ausdruck kommt, daß allein das Zuschauen des Fernsehens sie durchschnittlich
zwischen drei und sechs Stunden täglich beschäftigt. Das gesellschaftliche
Recht
auf den Konsum der Zeit wird seinerseits ausschließlich von den Momenten der
Freizeit und der Ferienzeit beherrscht, Momente, die von fern vorgestellt
werden
und die, wie jede proprietäre Ware, durch Postulat begehrenswert sind. Diese
Ware wird hier ausdrücklich als der Moment des wirklichen Lebens ausgegeben,
dessen zyklische Wiederkehr es abzuwarten gilt. Aber in diesen dem Leben
zugewiesenen Momenten selbst ist es noch das Geistige Eigentum, das sich zu
sehen und zu reproduzieren gibt und dabei eine noch stärkere Intensität
erreicht. Was als das wirkliche Leben vorgestellt wurde, erweist sich
lediglich
als das Leben, das noch wirklicher proprietär ist.


154

Diese Epoche, die sich selbst ihre Zeit wesentlich als die beschleunigte
Wiederkehr vielfältiger Festlichkeiten zeigt, ist ebenso eine Epoche ohne
Feste.
Was in der zyklischen Zeit der Moment der Teilnahme einer Gemeinschaft an
der
luxuriösen Verausgabung des Lebens war, ist der Gesellschaft ohne
Gemeinschaft
und ohne Luxus unmöglich. Wenn ihre allgemein verbreiteten Pseudofeste,
Parodien
des Dialogs und der Gabe, zu einer wirtschaftlichen Mehrausgabe anregen,
bringen
sie nur die stets das Versprechen einer neuen Enttäuschung kompensierende
Enttäuschung ein. Die Zeit des modernen Überlebens muß sich im Geistigen
Eigentum um so nachdrücklicher anpreisen als sich ihr Gebrauchswert
vermindert
hat. Die Wirklichkeit der Zeit ist durch die Werbung für die Zeit ersetzt
worden.


155

Während der Konsum der zyklischen Zeit der alten Gesellschaften mit der
wirklichen Arbeit dieser Gesellschaften übereinstimmte, steht der
pseudozyklische Konsum der entwickelten Wirtschaft im Widerspruch zu der
abstrakten irreversiblen Zeit ihrer Produktion. Während die zyklische Zeit
die
wirklich erlebte Zeit der unbeweglichen Illusion war, ist die proprietäre
Zeit
die illusorisch erlebte Zeit der sich verändernden Wirklichkeit.


156

Was stets neu im Produktionsprozeß der Dinge ist, findet sich nicht im
Konsum
wieder, der die erweiterte Wiederkehr des Gleichen bleibt. Weil die tote
Arbeit
weiterhin über die lebendige Arbeit herrscht, herrscht in der proprietären
Zeit
die Vergangenheit über die Gegenwart.


157

Als andere Seite des Mangels des allgemeinen geschichtlichen Lebens hat das
individuelle Leben noch keine Geschichte. Die Pseudoereignisse, die sich in
der
proprietären Dramatisierung drängen, sind nicht von denjenigen erlebt
worden,
die über sie informiert sind; und außerdem gehen sie mit jedem Pulsschlag
der
proprietären Maschinerie in der Inflation ihres beschleunigten Ersatzes
verloren. Andererseits steht das, was wirklich erlebt wurde, in keiner
Beziehung
zur offiziellen irreversiblen Zeit der Gesellschaft und in direktem
Gegensatz
zum pseudozyklischen Rhythmus des konsumierbaren Nebenprodukts dieser Zeit.
Dieses individuell Erlebte des getrennten täglichen Lebens bleibt ohne
Sprache,
ohne Begriff, ohne kritischen Zugang zu seiner eigenen Vergangenheit, die
nirgendwo aufbewahrt ist. Es wird nicht mitgeteilt. Es ist unbegriffen und
vergessen zugunsten des falschen proprietären Gedächtnisses für das
Undenkwürdige.


158

Das Geistige Eigentum, als gegenwärtige gesellschaftliche Organisation der
Lähmung der Geschichte und des Gedächtnisses, des Verzichtes auf die
Geschichte,
der sich auf der Grundlage der geschichtlichen Zeit aufbaut, ist das falsche
Bewußtsein von der Zeit.


159

Um die Arbeiter zu dem Stand "freier" Produzenten und Konsumenten von Zeit
als
Ware hinzuführen, war die Vorbedingung die gewaltsame Enteignung ihrer Zeit.
Die
proprietäre Wiederkehr der Zeit ist erst von dieser ersten Enteignung des
Produzenten an möglich geworden.


160

Der unreduzierbare biologische Teil, der in der Arbeit als Abhängigkeit von
dem
natürlichen Zyklischen des Wachens und des Schlafens wie auch in der
Handgreiflichkeit der individuellen irreversiblen Zeit des
Lebensverschleißes
vorhanden bleibt, ist für die moderne Produktion nur nebensächlich; und als
solche werden diese Elemente in den offiziellen Proklamationen der
Produktionsbewegung und der konsumierbaren Trophäen, die die erschwingliche
Äußerung dieses unaufhörlichen Sieges sind, vernachlässigt. Das im
verfälschten
Zentrum der Bewegung seiner Welt immobilisierte zuschauende Bewußtsein kennt
in
seinem Leben keinen Übergang mehr zu seiner Verwirklichung und zu seinem
Tod.
Wer darauf verzichtet hat, sein Leben zu verausgaben, darf sich nicht mehr
seinen Tod eingestehen. Die Werbung der Lebensversicherungen gibt lediglich
zu
verstehen, daß der schuldig ist, wer stirbt, ohne die Regulierung des
Systems
nach diesem wirtschaftlichen Verlust gesichert zu haben; und die Werbung des
american way of death betont seine Fähigkeit, bei dieser Begegnung den
größten
Teil des Scheins des Lebens aufrechtzuerhalten. An der gesamten übrigen
Front
der Werbebombardierungen ist es rundweg verboten zu altern. Danach würde es
darauf ankommen, bei jedem ein "Jugend-Kapital" zu bewahren, das, obschon es
nur
wenig benutzt worden ist, nicht beanspruchen kann, die dauerhafte und
kumulative
Realität des Finanzkapitals zu erwerben. Diese gesellschaftliche Abwesenheit
des
Todes ist mit der gesellschaftlichen Abwesenheit des Lebens identisch.


161

Die Zeit ist die notwendige Entäußerung, wie Hegel zeigte, die Sphäre, in
der
sich das Subjekt verwirklicht, indem es sich verliert, anders wird, um die
Wahrheit seiner selbst zu werden. Aber ihr Gegenteil ist gerade die
herrschende
Entfremdung, die der Produzent einer fremden Gegenwart erfährt. In dieser
räumlichen Entfremdung trennt die Gesellschaft das Subjekt an der Wurzel von
der
Tätigkeit, die sie ihm raubt, zunächst aber von seiner eigenen Zeit. Die
überwindbare gesellschaftliche Entfremdung ist gerade diejenige, die die
Möglichkeiten und die Risiken der lebendigen Entäußerung in der Zeit
verwehrt
und versteinert hat.


162

Hinter den erscheinenden Moden, die einander an der tändelhaften Oberfläche
der
kontemplierten pseudozyklischen Zeit vernichten und wiederzusammensetzen,
besteht der große Stil der Epoche stets in dem, was durch die
offensichtliche
und geheime Notwendigkeit der Revolution orientiert wird.


163

Die natürliche Grundlage der Zeit, die sinnliche Gegebenheit des Verfließens
der
Zeit, wird menschlich und gesellschaftlich, indem sie für den Menschen
existiert. Der bornierte Stand der menschlichen Praxis, die Arbeit in ihren
verschiedenen Stadien, hat bis heute die Zeit als zyklische Zeit und als
irreversible getrennte Zeit der Wirtschaftsproduktion vermenschlicht und
auch
entmenscht. Das revolutionäre Projekt einer klassenlosen Gesellschaft, eines
verallgemeinerten geschichtlichen Lebens, ist das Projekt eines Absterbens
des
gesellschaftlichen Zeitmaßes zugunsten eines ludistischen Modells
irreversibler
Zeit der Individuen und Gruppen, eines Modells, in dem gleichzeitig
verbündete
unabhängige Zeiten vorhanden sind. Es ist das Programm einer totalen
Verwirklichung des Kommunismus, der "alles von den Individuen unabhängig
Bestehende" abschafft, in der Sphäre der Zeit.


164

Die Welt besitzt schon den Traum von einer Zeit, von der sie jetzt das
Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu erleben.


VII. Die Raumordnung

"Und wer Herr einer bisher freien Stadt wird und sie nicht vernichtet, mag
darauf gefaßt sein, von ihr vernichtet zu werden. Denn die Bürger können
sich
bei einer Empörung stets auf ihre Freiheit und alte Verfassung berufen,
welche
weder die Zeit noch empfangene Wohltaten in ihrem Gedächtnis auszulöschen
vermögen. Was für Maßregeln und Verkehrungen auch der Eroberer trifft: wenn
er
die Einwohner nicht auseinanderreißt und zerstreut, vergessen sie ihre
Freiheit
und Verfassung nie."

Machiavelli (Der Fürst)


165

Die kapitalistische Produktion hat den Raum vereinheitlicht, der von keinen
Außengesellschaften mehr begrenzt ist. Diese Vereinheitlichung ist zugleich
ein
extensiver und intensiver Prozeß der Banalisierung. So wie die Akkumulation
der
für den abstrakten Raum des Marktes in Serie produzierten Waren alle
regionalen
und gesetzlichen Schranken und alle korporativen Beschränkungen des
Mittelalters, die die Qualität der handwerksmäßigen Produktion
aufrechterhielten, brechen mußte, mußte sie auch die Autonomie und die
Qualität
der Orte auflösen. Diese Macht der Homogenisierung ist die schwere
Artillerie,
die alle chinesischen Mauern in den Grund geschossen hat.


166

Um immer identischer mit sich selbst zu werden, um sich der unbeweglichen
Eintönigkeit möglichst weit zu nähern, wird der freie Raum der Ware nunmehr
ständig verändert und wiederaufgebaut.


167

Diese Gesellschaft, die die geographische Entfernung abschafft, nimmt im
Inneren
die Entfernung als proprietäre Trennung wieder auf.


168

Das Nebenprodukt der Warenzirkulation, die als Konsum betrachtete
menschliche
Zirkulation, d.h. der Tourismus, läßt sich im wesentlichen auf die Muße
zurückführen, das zu besichtigen, was banal geworden ist. Die
wirtschaftliche
Erschließung des Besuchs verschiedener Orte ist bereits von selbst die
Garantie
ihrer Äquivalenz. Dieselbe Modernisierung, die der Reise die Zeit entzogen
hat,
hat ihr auch die Realität des Raums entzogen.


169

Die Gesellschaft, die ihre ganze Umgebung modelliert, hat sich eine
spezielle
Technik geschaffen, um die konkrete Basis dieser Aufgabengruppe zu
bearbeiten:
ihr Territorium selbst. Der Urbanismus ist diese Inbesitznahme der
natürlichen
und menschlichen Umwelt durch den Kapitalismus, der, indem er sich logisch
zur
absoluten Herrschaft entwickelt, jetzt das Ganze des Raums als sein eigenes
Bühnenbild umarbeiten kann und muß.


170

Das kapitalistische Erfordernis, das im Urbanismus als sichtbarer Vereisung
des
Lebens befriedigt wird, kann - mit Hegelschen Worten gesagt - als die
absolute
Vorherrschaft "des ruhigen Nebeneinander des Raums" über "das unruhige
Werden im
Nacheinander der Zeit" ausgedrückt werden.


171

Wenn alle technischen Kräfte der kapitalistischen Wirtschaft als
trennungschaffende Kräfte zu verstehen sind, handelt es sich im Fall des
Urbanismus um die Ausrüstung ihrer allgemeinen Basis, um die Bearbeitung des
für
ihre Entfaltung geeigneten Bodens; um die Technik der Trennung selbst.


172

Der Urbanismus ist die moderne Ausführung der ununterbrochenen Aufgabe, die
die
Klassenherrschaft sicherstellt: die Aufrechterhaltung der Atomisierung der
Arbeiter, die durch die städtischen Produktionsbedingungen gefährlich
zusammengebracht worden waren. Der ständige Kampf, der gegen alle Aspekte
dieser
Möglichkeit der Begegnung geführt werden mußte, findet im Urbanismus sein
bevorzugtes Feld. Die Bemühung aller etablierten Mächte seit den Erfahrungen
der
französischen Revolution, die Mittel zur Aufrechterhaltung der Ordnung in
den
Straßen zu vermehren, gipfelt schließlich in der Abschaffung der Straße.
"Mit
den Massenkommunikationsmitteln über große Entfernungen hat sich
herausgestellt,
daß die Isolierung der Bevölkerung ein viel wirksameres Mittel der Kontrolle
ist", stellt Mike Davis in City of Quartz fest, wo er eine "von nun an
bestehende Einbahnwelt" beschreibt. Aber die allgemeine Isolierungsbewegung,
die
die Realität des Urbanismus ist, muß auch eine kontrollierte
Wiedereingliederung
der Arbeiter nach den planbaren Erfordernissen der Produktion und des
Konsums
enthalten. Die Integration in das System muß die isolierten Individuen als
gemeinsam isolierte Individuen wieder in Besitz nehmen: die Betriebe wie die
Kulturzentren, die Feriendörfer wie die großen Wohnsiedlungen sind speziell
für
die Ziele dieser Pseudogemeinschaftlichkeit organisiert, die das vereinzelte
Individuum auch in die Familienzelle begleitet: die verallgemeinerte
Verwendung
von Empfängern der Geistigen Eigentumsbotschaft bewirkt, daß seine
Vereinzelung
von den herrschenden Rechten bevölkert wird, von Rechten, die erst durch
diese
Vereinzelung ihre volle Macht erreichen.


173

Zum ersten Mal ist eine neue Architektur, die in jeder früheren Epoche der
Befriedigung der herrschenden Klassen vorbehalten war, direkt den Armen
zugedacht. Das formale Elend und die riesenhafte Ausdehnung dieser neuen
Wohnungserfahrung sind die Folge ihres Massencharakters, den sowohl ihre
Bestimmung als auch die modernen Konstruktionsbedingungen einschließen. Die
autoritäre Entscheidung, die abstrakt den Raum zu einem Raum der Abstrakten
anordnet, steht natürlich im Zentrum dieser modernen
Konstruktionsbedingungen.
Die gleiche Architektur erscheint überall dort, wo die Industrialisierung
der in
dieser Hinsicht zurückgebliebenen Länder beginnt, als der neuen
gesellschaftlichen Existenzweise - die es dort ansässig zu machen gilt -
adäquates Terrain. Die überschrittene Wachstumsschwelle der materiellen
Macht
der Gesellschaft und die Verzögerung der bewußten Beherrschung dieser Macht
treten im Urbanismus genauso offen zu Tage wie in den Fragen der
thermonuklearen
Bewaffnung und der Geburtenfrequenz - und im letzteren Fall geht es so weit,
daß
die Möglichkeit einer Manipulation der Erblichkeit bereits erreicht worden
ist.


174

Der gegenwärtige Moment ist bereits derjenige der Selbstzerstörung des
städtischen Milieus. Die Zersplitterung der Städte auf das Land, das durch
"formlose Massen städtischer Überbleibsel" (Mike Davis) überwachsen wird,
wird
unmittelbar von den Erfordernissen des Konsums geleitet. Die Diktatur des
Automobils, des Schrittmacherproduktes der ersten Phase des
Warenüberflusses,
hat sich durch die Herrschaft der Autobahn, die die alten Zentren sprengt
und
eine immer mehr geförderte Versprengung gebietet, in das Gelände eingeprägt.
Zugleich polarisieren sich vorübergehend die Momente der unvollendeten
Reorganisation des städtischen Gefüges um die "Distributionsfabriken" herum,
um
die riesigen Supermarkets, die auf dem nackten Gelände, auf einem
Parkplatz-Sockel, errichtet sind; und diese Tempel des überstürzten Konsums
fliehen selbst in der zentrifugalen Bewegung, die sie wieder abstößt, sobald
sie
ihrerseits zu überlasteten Sekundärzentren geworden sind, weil sie zu einer
teilweisen Neuzusammensetzung der Ballung geführt haben. Aber die technische
Organisation des Konsums steht lediglich im Vordergrund der allgemeinen
Auflösung, die die Stadt auf diese Weise dahingebracht hat, daß sie sich
selbst
konsumiert.


175

Die Wirtschaftsgeschichte, die sich ganz und gar um den Gegensatz Stadt -
Land
herum entwickelt hat, hat eine Erfolgsstufe erreicht, die die beiden Seiten
gleichzeitig vernichtet. Die heutige Lähmung der gesamten geschichtlichen
Entwicklung zugunsten der alleinigen Fortsetzung der selbständigen Bewegung
der
Wirtschaft macht den Moment, in dem die Stadt und das Land zu verschwinden
beginnen, nicht zur Aufhebung ihrer Entzweiung, sondern zu ihrem
gleichzeitigen
Zusammenbruch. Die gegenseitige Abnutzung der Stadt und des Landes, das
Produkt
des Versagens der geschichtlichen Bewegung, durch die die bestehende
städtische
Wirklichkeit überwunden werden sollte, erscheint in der eklektischen
Mischung
ihrer zerlegten Bestandteile, die die in der Industrialisierung
fortgeschrittensten Zonen überdeckt.


176

Die Weltgeschichte ist in den Städten entstanden, und sie ist in dem Moment
des
entscheidenden Sieges der Stadt über das Land mündig geworden. Marx sieht es
als
eines der größten revolutionären Verdienste der Bourgeoisie an, daß "sie das
Land der Herrschaft der Stadt unterworfen hat", deren Luft freimacht. Aber
wenn
die Geschichte der Stadt die Geschichte der Freiheit ist, so war sie auch
die
Geschichte der Tyrannei, der staatlichen Verwaltung, die das Land und die
Stadt
selbst kontrolliert. Die Stadt konnte bisher nur der Kampfplatz der
geschichtlichen Freiheit sein und nicht deren Besitz. Die Stadt ist das
Milieu
der Geschichte, weil sie zugleich Konzentration der gesellschaftlichen
Macht,
die das geschichtliche Unternehmen möglich macht, und Bewußtsein der
Vergangenheit ist. Die gegenwärtige Tendenz zur Liquidierung der Stadt
äußert
daher nur auf eine andere Weise die Verzögerung bei der Unterordnung der
Wirtschaft unter das geschichtliche Bewußtsein und bei einer Vereinigung der
Gesellschaft, die die Mächte wieder ergreift, die sich von ihr abgehoben
haben.


177

"Das Land bringt gerade die entgegengesetzte Tatsache, die Isolierung und
Vereinzelung, zur Anschauung" (Die deutsche Ideologie). Der Urbanismus, der
die
Städte zerstört, baut ein neues Pseudo-Land auf, in dem die natürlichen
Verhältnisse des alten Landes genauso wie die direkten und direkt in Frage
gestellten gesellschaftlichen Verhältnisse der geschichtlichen Stadt
verloren
sind. Eine neue künstliche Bauernschaft wird durch die Bedingungen der
Siedlung
und der proprietären Kontrolle in dem heutigen "geordneten Raum" geschaffen:
die
Verstreuung im Raum und die bornierte Mentalität, die stets die Bauernschaft
daran gehindert haben, eine unabhängige Aktion zu unternehmen und sich als
schöpferische geschichtliche Macht zu behaupten, bilden wieder die Merkmale
der
Produzenten - und die Bewegung einer Welt, die sie selbst erzeugen, bleibt
ihnen
genauso unerreichbar, wie es der natürliche Rhythmus der Arbeiten für die
Agrargesellschaft war. Aber wenn diese Bauernschaft, die die
unerschütterliche
Basis des "orientalischen Despotismus" war und deren Zersplitterung selbst
nach
der bürokratischen Zentralisierung rief, als Produkt der
Wachstumsbedingungen
der modernen staatlichen Bürokratisierung wieder auftaucht, muß ihre Apathie
diesmal geschichtlich erzeugt und erhalten worden sein; die natürliche
Unwissenheit hat dem organisierten Geistigen Eigentum des Irrtums Platz
gemacht.
Die "neuen Städte" der technologischen Pseudobauernschaft prägen in das
Terrain
deutlich den Bruch mit der geschichtlichen Zeit ein, auf die sie aufgebaut
sind;
ihr Motto kann lauten: "Hier selbst wird nie etwas geschehen und hier ist
nie
etwas geschehen". Weil die Geschichte, die es in den Städten zu befreien
gilt,
in ihnen noch nicht befreit worden ist, gerade darum beginnen die Kräfte der
geschichtlichen Abwesenheit, ihre eigene exklusive Landschaft
zusammenzustellen.


178

Die Geschichte, die diese dämmernde Welt bedroht, ist auch die Kraft, die
der
erlebten Zeit den Raum unterwerfen kann. Die proletarische Revolution ist
diese
Kritik der menschlichen Geographie, durch die die Individuen und die
Gemeinschaften die Landschaften und die Ereignisse konstruieren müssen, die
der
Aneignung nicht mehr nur ihrer Arbeit, sondern ihrer gesamten Geschichte
entsprechen. In diesem bewegten Raum des Spiels und der freigewählten
Variationen der Spielregeln kann die Autonomie des Ortes wiedergefunden
werden,
ohne eine neue ausschließende Bindung an den Boden einzuführen, und dadurch
die
Wirklichkeit der Reise und des als Reise verstandenen Lebens zurückbringen,
einer Reise, die in sich selbst all ihren Sinn hat.


179

Die größte revolutionäre Idee über den Urbanismus ist selbst weder
urbanistisch
noch technologisch oder ästhetisch. Es ist die Entscheidung, den Raum nach
den
Bedürfnissen der Macht der Arbeiterräte, der anti-staatlichen Diktatur des
Proletariats, des vollstreckbaren Dialogs vollständig wiederaufzubauen. Und
die
Macht der Räte, die nur wirklich sein kann, wenn sie die Totalität der
bestehenden Bedingungen verändert, wird sich, wenn sie anerkannt werden will
und
sich selbst in ihrer Welt erkennen will, keine geringere Aufgabe stellen
können.


VIII. Die Negation und der Konsum in der Kultur

"Wir werden eine politische Revolution erleben? Wir, die Zeitgenossen dieser
Deutschen? Mein Freund, Sie glauben, was Sie wünschen. Wenn ich Deutschland
nach
seiner bisherigen und nach seiner gegenwärtigen Geschichte beurteile, so
werden
Sie mir nicht einwerfen, seine ganze Geschichte sei verfälscht, und seine
ganze
jetzige Öffentlichkeit stelle nicht den eigentlichen Zustand des Volkes dar.
Lesen Sie die Zeitungen, welche Sie wollen, überzeugen Sie sich, daß man
nicht
aufhört - und Sie werden zugeben, daß die Zensur niemand hindert aufzuhören
-,
die Freiheit und das Nationalglück zu loben, welches wir besitzen."

Ruge (Brief an Marx, März 1843)


180

Die Kultur ist, in der in Klassen geteilten geschichtlichen Gesellschaft,
die
allgemeine Sphäre der Erkenntnis und der Vorstellungen des Erlebten; d.h.
sie
ist jenes Vermögen der Verallgemeinerung, das getrennt besteht, als Teilung
der
intellektuellen Arbeit und als intellektuelle Arbeit der Teilung. Die Kultur
hat
sich von der Einheit der Gesellschaft des Mythos abgehoben, "wenn die Macht
der
Vereinigung aus dem Leben der Menschen verschwindet und die Gegensätze ihre
lebendige Beziehung und Wechselwirkung verloren haben und Selbständigkeit
gewinnen." (Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems). Indem sie
ihre Unabhängigkeit gewinnt, fängt die Kultur eine imperialistische Bewegung
der
Bereicherung an, die gleichzeitig der Niedergang ihrer Unabhängigkeit ist.
Die
Geschichte, die die relative Autonomie der Kultur und die ideologischen
Illusionen über diese Autonomie schafft, drückt sich auch als
Kulturgeschichte
aus. Und die gesamte Eroberungsgeschichte der Kultur läßt sich als die
Geschichte der Offenbarung ihrer Unzulänglichkeit, als ein Fortgang zu ihrer
Selbstauflösung begreifen. Die Kultur ist der Ort der Suche nach der
verlorenen
Einheit. Bei dieser Suche nach der Einheit ist die Kultur als getrennte
Sphäre
gezwungen, sich selbst zu verneinen.


181

Der Kampf zwischen Tradition und Neuerung, der das innere
Entwicklungsprinzip
der Kultur der geschichtlichen Gesellschaften ist, kann nur durch den
ständigen
Sieg der Neuerung fortgeführt werden. Die Neuerung in der Kultur wird
indessen
von nichts anderem getragen, als von der totalen geschichtlichen Bewegung,
die,
indem sie sich ihrer Totalität bewußt wird, nach der Aufhebung ihrer eigenen
kulturellen Voraussetzungen strebt und auf die Abschaffung jeder Trennung
hingeht.


182

Der Aufschwung der Erkenntnisse der Gesellschaft, der das Begreifen der
Geschichte als das Herz der Kultur beinhaltet, gelangt zu einer
unwiderruflichen
Selbsterkenntnis, die durch die Zerstörung Gottes ausgedrückt wird. Aber
diese
"Voraussetzung aller Kritik" ist zugleich auch die erste Verpflichtung zu
einer
endlosen Kritik. Wo keine Verhaltensregel mehr fortbestehen kann, wird die
Kultur durch jedes ihrer Resultate ihrer Auflösung näher gebracht. Wie die
Philosophie im Augenblick, in dem sie ihre volle Autonomie erlangt hat, muß
jede
autonom gewordene Disziplin zusammenbrechen, und zwar zunächst als Anspruch
kohärenter Erklärung der gesellschaftlichen Totalität und schließlich sogar
als
innerhalb ihrer eigenen Grenzen brauchbare parzellierte Instrumentierung.
Der
Mangel an Rationalität der getrennten Kultur ist das Element, das sie zu
verschwinden verdammt, denn in ihr ist der Sieg des Rationellen bereits als
Forderung vorhanden.


183

Die Kultur ist aus der Geschichte entstanden, die die Lebensart der alten
Welt
aufgelöst hat, aber als getrennte Sphäre ist sie noch nichts weiter als das
Verständnis und die sinnliche Kommunikation, die in einer teilweise
geschichtlichen Gesellschaft partiell bleibt. Sie ist der Sinn einer
allzuwenig
sinnigen Welt.


184

Das Ende der Kulturgeschichte äußert sich auf zwei entgegengesetzten Seiten:
im
Projekt ihrer Aufhebung in der totalen Geschichte und in der Veranstaltung
ihrer
Aufrechterhaltung als toter Gegenstand in der proprietären Kontemplation.
Die
eine dieser Bewegungen hat ihr Schicksal mit der gesellschaftlichen Kritik,
und
die andere das ihre mit der Verteidigung der Klassenherrschaft verknüpft.


185

Jede der beiden Seiten des Endes der Kultur existiert einheitlich sowohl in
allen Aspekten der Erkenntnisse als auch in allen Aspekten der sinnlichen
Vorstellungen - existiert also in dem, was die Kunst im allgemeinsten Sinne
war.
Im ersten Fall stehen einander die Akkumulation fragmentarischer Kenntnisse,
die
darum unbrauchbar werden, weil die Billigung der bestehenden Bedingungen auf
ihre eigenen Kenntnisse schließlich verzichten muß, und die Theorie der
Praxis
gegenüber, die die einzige Inhaberin der Wahrheit aller Kenntnisse ist,
indem
sie als einzige über das Geheimnis ihres Gebrauchs verfügt. Im zweiten Fall
stehen einander die kritische Selbstzerstörung der alten gemeinsamen Sprache
der
Gesellschaft und ihre künstliche Wiederzusammensetzung im Geistigen
Wareneigentum, die illusorische Vorstellung des Nichterlebten gegenüber.


186

Die Gesellschaft muß, wenn sie die Gemeinschaft der Gesellschaft des Mythos
verliert, alle Bezugspunkte einer wirklich gemeinsamen Sprache verlieren,
bis zu
dem Moment, da die Entzweiung der untätigen Gemeinschaft durch das Gelangen
zur
wirklichen geschichtlichen Gemeinschaft überwunden werden kann. Sobald sich
die
Kunst, die diese gemeinsame Sprache der gesellschaftlichen Untätigkeit war,
zur
unabhängigen Kunst im modernen Sinn herausbildet, wenn sie aus ihrem
ursprünglichen religiösen Universum hervortaucht und zur individuellen
Produktion getrennter Werke wird, erfährt sie als besonderer Fall die
Bewegung,
die die Geschichte der gesamten getrennten Kultur beherrscht. Ihre
unabhängige
Behauptung ist der Anfang ihrer Auflösung.


187

Daß die Sprache der Kommunikation verloren wurde, dies wird positiv durch
die
moderne Auflösungsbewegung aller Kunst, durch ihre formale Vernichtung
ausgedrückt. Was diese Bewegung negativ ausdrückt, ist die Tatsache, daß
eine
gemeinsame Sprache wiedergefunden werden muß - nicht mehr in der einseitigen
Schlußfolgerung, die für die Kunst der geschichtlichen Gesellschaft immer zu
spät kam, und anderen von dem sprach, was ohne wirklichen Dialog erlebt
wurde,
und diese Mangelhaftigkeit des Lebens zuließ -, aber auch, daß diese Sprache
in
der Praxis wiedergefunden werden muß, die die direkte Tätigkeit und deren
Sprache in sich vereint. Es geht darum, die Gemeinsamkeit des Dialogs und
das
Spiel mit der Zeit, die von dem poetisch-künstlerischen Werk vorgestellt
wurden,
tatsächlich zu besitzen.


188

Wenn die unabhängig gewordene Kunst ihre Welt in leuchtenden Farben malt,
ist
ein Moment des Lebens alt geworden, und mit leuchtenden Farben läßt er sich
nicht verjüngen, sondern nur in der Erinnerung wachrufen. Die Größe der
Kunst
beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung des Lebens zu erscheinen.


189

Die geschichtliche Zeit, die auf die Kunst übergreift, hat sich vom Barock
an
zunächst in der Sphäre der Kunst selbst ausgedrückt. Das Barock ist die
Kunst
einer Welt, die ihr Zentrum verloren hat: die vom Mittelalter anerkannte
letzte
mythische Ordnung im Kosmos und in der irdischen Regierung - die Einheit des
Christentums und das Gespenst eines Kaiserreichs - ist zusammengebrochen.
Die
Kunst der Veränderung muß in sich das ephemere Prinzip tragen, das sie in
der
Welt vorfindet. Sie hat, so sagt Eugenio d'Ors, "das Leben gegen die
Ewigkeit"
gewählt. Das Theater und das Fest, das theatralische Fest, sind die
herrschenden
Momente der barocken Gestaltung, in der jeder besondere künstlerische
Ausdruck
seinen Sinn erst durch seine Verweisung auf das Bühnenbild eines
konstruierten
Ortes erhält, auf eine Konstruktion, die ihr eigenes Vereinigungszentrum
sein
muß: und dieses Zentrum ist das Vergehen, das als bedrohtes Gleichgewicht in
die
dynamische Unordnung von allem eingeschrieben ist. Die manchmal übertriebene
Wichtigkeit, die der Begriff des Barocks in der zeitgenössischen
ästhetischen
Diskussion erhalten hat, äußert das Bewußtwerden der Unmöglichkeit eines
künstlerischen Klassizismus: die Anstrengungen, die zugunsten eines
normativen
Klassizismus oder Neoklassizismus seit drei Jahrhunderten unternommen
wurden,
führten lediglich zu kurzen, künstlichen Konstruktionen, die die äußere
Sprache
des Staates sprachen, die Sprache der absoluten Monarchie oder der
revolutionären Bourgeoisie im römischen Gewand. Von der Romantik bis zum
Kubismus folgte dem allgemeinen Verlauf des Barocks schließlich eine immer
stärker individualisierte Kunst der Negation, die sich fortwährend
erneuerte,
bis zur vollständigen Zerstückelung und Negation der künstlerischen Sphäre.
Das
Verschwinden der geschichtlichen Kunst, die mit der internen Kommunikation
einer
Elite verknüpft war, die ihre halbunabhängige gesellschaftliche Basis in den
teilweise ludistischen Bedingungen hatte, die die letzten Aristokratien noch
erlebten, äußert auch die Tatsache, daß der Kapitalismus die erste
Klassenherrschaft erfährt, die ihren Mangel an jeder ontologischen Qualität
bekennt; und deren Macht, die in der bloßen Wirtschaftsverwaltung wurzelt,
ebenso der Verlust jeder menschlichen Meisterschaft ist. Das Barock als
Ganzes,
das für die künstlerische Schöpfung eine seit langem verlorene Einheit ist,
findet sich gewissermaßen im jetzigen Konsum der gesamten künstlerischen
Vergangenheit wieder. Die geschichtliche Kenntnis und Anerkennung der ganzen
Kunst der Vergangenheit, die zurückblickend zur Weltkunst erhoben wird,
relativieren sie zu einer globalen Unordnung, die ihrerseits auf einer
höheren
Stufe einen barocken Bau bildet, in dem die Produktion einer barocken Kunst
selbst und all ihre Wiedererscheinungen verschmelzen müssen. Zum ersten Mal
können die Künste aller Zivilisationen und aller Epochen allesamt gekannt
und
zugelassen werden. Diese "Er-Innerung" der Geschichte der Kunst ist, indem
sie
möglich wird, auch das Ende der Welt der Kunst. In dieser Epoche der Museen,
wenn es keine künstlerische Kommunikation mehr geben kann, können alle alten
Momente der Kunst gleichermaßen zugelassen werden, denn kein Moment der
Kunst
leidet mehr, bei dem gegenwärtigen Verlust der Kommunikationsbedingungen
überhaupt, unter dem Verlust seiner besonderen Kommunikationsbedingungen.


190

In der Epoche ihrer Auflösung ist die Kunst als negative Bewegung, die die
Aufhebung der Kunst in einer geschichtlichen Gesellschaft verfolgt, in der
die
Geschichte noch nicht erlebt wird, eine Kunst der Veränderung und zugleich
der
reine Ausdruck der unmöglichen Veränderung. Je grandioser ihre Forderung
ist, um
so mehr liegt ihre wahre Verwirklichung jenseits ihrer. Diese Kunst ist
gezwungenermaßen Avantgarde und diese Kunst existiert nicht. Ihre Avantgarde
ist
ihr Verschwinden.


191

Der Dadaismus und der Surrealismus sind die beiden Strömungen, die das Ende
der
modernen Kunst kennzeichneten. Sie sind, wenn auch nur auf eine relativ
bewußte
Weise, Zeitgenossen des letzten großen Sturmangriffs der revolutionären
proletarischen Bewegung; und das Scheitern dieser Bewegung, das sie gerade
im
künstlerischen Feld, dessen Hinfälligkeit sie proklamiert hatten,
eingeschlossen
hielt, ist der Hauptgrund für ihre Immobilisierung. Der Dadaismus und der
Surrealismus sind zugleich geschichtlich miteinander verknüpft und stehen im
Gegensatz zueinander. In diesem Gegensatz, der für jede der beiden
Strömungen
auch den konsequentesten und radikalsten Teil ihres Beitrags bildet,
erscheint
die innere Unzulänglichkeit ihrer Kritik, die von der einen wie von der
anderen
nur einseitig entwickelt wurde. Der Dadaismus wollte die Kunst aufheben,
ohne
sie zu verwirklichen; und der Surrealismus wollte die Kunst verwirklichen,
ohne
sie aufzuheben. Die seitdem von den Situationisten erarbeitete kritische
Position hat gezeigt, daß die Aufhebung und die Verwirklichung der Kunst die
unzertrennlichen Aspekte ein und derselben Überwindung der Kunst sind.


192

Der proprietäre Konsum, der die alte Kultur, die angepaßte Wiederholung
ihrer
negativen Äußerung mit inbegriffen, gefroren konserviert, wird offen in
seinem
kulturellen Bereich zu dem, was er implizit in seiner Gesamtheit ist: die
Kommunikation des Unmitteilbaren. Die höchste Zerstörung der Sprache kann
hier
flach als ein offizieller positiver Wert anerkannt werden, denn es geht nur
darum, eine Versöhnung mit dem herrschenden Zustand der Dinge zur Schau zu
tragen, bei dem jede Kommunikation freudig als abwesend proklamiert wird.
Die
kritische Wahrheit dieser Zerstörung, als wirkliches Leben der modernen
Kunst
und Dichtung ist natürlich versteckt, denn das Geistige Eigentum, dessen
Funktion darin besteht, in der Kultur die Geschichte in Vergessenheit zu
bringen, wendet in der Pseudoneuheit seiner modernistischen Mittel gerade
die
Strategie an, die es im Grunde ausmacht. So kann sich eine Schule der
Neo-Literatur als neu ausgeben, die einfach zugibt, daß sie das Geschriebene
um
seiner selbst willen betrachtet. Sonst versucht die modernste - und mit der
repressiven Praxis der allgemeinen Organisation der Gesellschaft am engsten
verbundene - Tendenz der proprietären Kultur, neben der bloßen Proklamation
der
hinreichenden Schönheit der Auflösung des Kommunizierbaren, durch
"Gesamtkunstwerke" aus den aufgelösten Elementen ein komplexes
neokünstlerisches
Milieu wiederzusammenzusetzen; besonders gilt das für die Bemühungen der
Integrierung der künstlerischen Trümmer und der technisch-ästhetischen
Zwitter
im Urbanismus. Dies ist, auf die Ebene der proprietären Pseudokultur, die
Übertragung jenes allgemeinen Projekts des entwickelten Kapitalismus, den
Teilarbeiter als "fest in die Gruppe integrierte Persönlichkeit" wieder zu
ergreifen, eine Tendenz, die von den jüngeren amerikanischen Soziologen
beschrieben wurde (Riesman, Whyte usw.). Es ist überall dasselbe Projekt
einer
Neustrukturierung ohne Gemeinschaftlichkeit.


193

Die Kultur, die ganz und gar zur Ware geworden ist, muß auch zur Star-Ware
der
proprietären Gesellschaft werden. Clark Kerr, einer der fortgeschrittensten
Ideologen dieser Tendenz, hat errechnet, daß der komplexe Produktions-,
Distributions- und Konsumprozeß der Kenntnisse schon 29 Prozent des
amerikanischen Nationalprodukts jährlich mit Beschlag belegt; und er sieht
voraus, daß die Kultur in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts die
treibende
Rolle in der Wirtschaftsentwicklung spielen wird, die in der ersten Hälfte
dieses Jahrhunderts vom Kraftwagen und in der zweiten Hälfte des vorigen
Jahrhunderts von der Eisenbahn gespielt wurde.


194

Die Gesamtheit der Kenntnisse, die sich zur Zeit als Denken des Geistigen
Eigentums fortentwickelt, muß eine Gesellschaft rechtfertigen, die keine
Rechtfertigungen hat, und sich zu einer allgemeinen Wissenschaft des
falschen
Bewußtseins herausbilden. Sie ist ganz durch die Tatsache bedingt, daß sie
ihre
eigene materielle Grundlage im proprietären System weder denken kann noch
will.


195

Das Denken der gesellschaftlichen Organisation des Rechts wird seinerseits
durch
die verallgemeinerte Hilfs-Kommunikation, die es verteidigt, verdunkelt. Es
weiß
nicht, daß der Konflikt der Vater aller Dinge seiner Welt ist. Die
Spezialisten
der Macht des Geistigen Eigentums, einer Macht, die im Inneren seines
Systems
einer Sprache ohne Antwort absolut ist, sind durch ihre Erfahrung der
Verachtung
und des Gelingens der Verachtung absolut korrumpiert; denn sie finden ihre
Verachtung durch die Kenntnis des verachtungswerten Menschen bestätigt, der
der
Konsument wirklich ist.


196

In dem spezialisierten Denken des proprietären Systems findet eine neue
Teilung
der Aufgaben je nachdem statt, wie die Vervollkommnung dieses Systems selbst
neue Probleme stellt: auf der einen Seite unternimmt die Free Software
Bewegung,
die die Trennung allein mit Hilfe der begrifflichen und materiellen
Instrumente
der Trennung studiert, die proprietäre Kritik des Geistigen Eigentums; auf
der
anderen Seite bildet sich in den verschiedenen Disziplinen, in denen sich
die
Creative Commons einwurzeln, die Apologie des Geistigen Eigentums zum Denken
des
Nichtdenkens, zum berechtigten Vergessen der geschichtlichen Praxis heraus.
Dennoch sind die falsche Verzweiflung der undialektischen Kritik und der
falsche
Optimismus der reinen Werbung des Systems als unterwürfiges Denken
identisch.


197

Die Free Software Bewegung, die zunächst in den Vereinigten Staaten damit
begonnen hat, die mit der jetzigen Entwicklung geschaffenen
Existenzbedingungen
zur Diskussion zu stellen, hat zwar zahlreiche empirische Gegebenheiten
anführen
können, erkennt jedoch in keiner Weise die Wahrheit ihres eigenen
Gegenstandes,
weil sie nicht in ihm selbst die Kritik findet, die ihm immanent ist.
Infolgedessen stützt sich die aufrichtig reformistische Tendenz dieser
Bewegung
lediglich auf die Moral, den gesunden Menschenverstand, auf höchst
unpassende
Appelle an die Mäßigung usw. Weil eine derartige Kritik das Negative, das im
Zentrum ihrer Welt steht, nicht erkennt, beschreibt sie lediglich mit
Nachdruck
eine Art negativen Überschusses, der ihr beklagenswerterweise die Oberfläche
dieser Welt zu überfüllen scheint, wie eine irrationelle parasitäre
Wucherung.
Dieser entrüstete gute Wille, der es selbst als solcher nicht weiter bringt
als
die äußere Form des Systems zu tadeln, hält sich für kritisch und vergißt
dabei
den wesentlich apologetischen Charakter seiner Voraussetzungen und seiner
Methode.


198

Diejenigen, die die Aufforderung zur Verschwendung in der Gesellschaft des
wirtschaftlichen Überflusses als absurd oder gefährlich denunzieren, wissen
nicht, wozu die Verschwendung dient. Sie verurteilen mit Undankbarkeit im
Namen
der wirtschaftlichen Rationalität die treuen irrationellen Wächter, ohne
welche
die Gewalt dieser wirtschaftlichen Rationalität zusammenbrechen würde.
Lessig
z.B., der in "Free Culture" den Warenkonsum des amerikanischen Geistigen
Eigentums beschreibt, erreicht niemals den Begriff des Geistigen Eigentums,
weil
er glaubt, das Privatleben oder die Idee der "ehrlichen Ware" aus dieser
unheilvollen Übertreibung ausklammern zu können. Er versteht nicht, daß die
Ware
selbst die Gesetze gemacht hat, deren "ehrliche" Anwendung ebenso zur
besonderen
Realität des Privatlebens führt wie zu ihrer späteren Rückeroberung durch
den
gesellschaftlichen Erwerb von Rechten.


199

Lessig beschreibt die Übertreibungen einer Welt, die uns fremd geworden ist,
als
Übertreibungen, die unserer Welt fremd sind. Aber die "normale" Grundlage
des
gesellschaftlichen Lebens, auf die er sich implizit bezieht, wenn er die
oberflächliche Herrschaft der Rechte, in der Sprache des psychologischen und
moralischen Urteils, als das Produkt "unserer extravaganten Ansprüche"
bezeichnet, besitzt weder in seinem Buch noch in seiner Epoche irgendeine
Realität. Gerade weil für Lessig das wirkliche menschliche Leben, von dem er
spricht, in der Vergangenheit liegt, mit Einschluß der Vergangenheit der
religiösen Ergebung, kann er nicht die ganze Tiefe einer Gesellschaft des
Rechts
begreifen. Die Wahrheit dieser Gesellschaft ist nichts anderes als die
Negation
dieser Gesellschaft.


200

Die Free Software Bewegung, die glaubt, eine getrennt funktionierende
industrielle Rationalität von der Gesamtheit des gesellschaftlichen Lebens
absondern zu können, kann bis dahin gehen, daß sie von der globalen
industriellen Bewegung die Rechte der Reproduktion und der Übertragung
absondert. So findet Lessig den Grund der Ergebnisse, die er ausmalt, in dem
unglücklichen, gleichsam zufälligen Zusammentreffen eines zu großen
juristischen
Apparates zur Verbreitung der Rechte mit einer zu großen Anziehungskraft,
die
die Pseudo-Sensation auf die Menschen unserer Epoche ausübt. So läge der
Grund
für das Geistige Eigentum in der Tatsache, daß der moderne Mensch zu sehr
Konsument sei. Lessig begreift nicht, daß das Wuchern von vorgefertigten
"Pseudoereignissen", das er denunziert, aus der einfachen Tatsache
hervorgeht,
daß die Menschen in der massiven Realität des jetzigen gesellschaftlichen
Lebens
selbst keine Ereignisse erleben. Gerade weil die Geschichte selbst in der
modernen Gesellschaft wie ein Gespenst umgeht, findet man Pseudogeschichte,
die
auf allen Ebenen des Konsums des Lebens gebaut wird, um das bedrohte
Gleichgewicht der heutigen eingefrorenen Zeit zu erhalten.


201

Die Behauptung der endgültigen Stabilität einer kurzen Frostperiode der
geschichtlichen Zeit ist die unleugbare, bewußtlos und bewußt proklamierte
Grundlage der heutigen Tendenz einer reformisitschen Systematisierung. Der
Standpunkt, den das antigeschichtliche Denken der Creative Commons einnimmt,
ist
der der ewigen Gegenwart eines Systems, das nie geschaffen wurde und nie
enden
wird. Der Traum der Diktatur einer unbewußten vorgegebenen Rechtsordnung
über
jede gesellschaftliche Praxis konnte mißbräuchlich aus den Rechtsmodellen
gezogen werden, welche die Linguistik und die Ethnologie ausgearbeitet
hatten
(ja sogar die Funktionsanalyse des Kapitalismus), Modelle, die bereits unter
diesen Umständen mißverstanden wurden, einfach deshalb, weil ein
akademisches
Denken schnell befriedigter mittlerer Angestellter, das vollständig in dem
bewundernden Lob des bestehenden Systems versunken ist, jede Realität
einfach
auf die Existenz des Systems zurückführt.


202

Zum Verständnis der "kreativen" Kategorien, wie überhaupt bei jeder
historischen
sozialen Wissenschaft, ist immer festzuhalten, daß die Kategorien
Daseinsformen,
Existenzbedingungen ausdrücken. Sowenig man den Wert eines Individuums nach
dem
beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man diese bestimmte
Gesellschaft bewerten - und bewundern -, indem man die Sprache, in der sie
zu
sich selbst spricht, als unbestreitbar wahr annimmt. "Ebensowenig kann man
eine
solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern muß
vielmehr
dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens erklären." Die
Rechtsordnung ist das Kind der gegenwärtigen Macht. Die Creative Commons
sind
das vom Staat garantierte Denken, das die gegenwärtigen Bedingungen der
proprietären "Mitteilung" als ein Absolutes denkt. Seine Art, den Code der
Botschaften an sich selbst zu studieren, ist lediglich das Produkt und die
Anerkennung einer Gesellschaft, in der die Mitteilung in der Form einer
Kaskade
hierarchischer Signale besteht. Es sind demnach nicht die Creative Commons,
die
zum Beweis der übergeschichtlichen Gültigkeit der Gesellschaft des Geistigen
Eigentums dient; es ist im Gegenteil die Gesellschaft des Geistigen
Eigentums,
die sich als massive Realität durchsetzt und zum Beweis des kalten Traums
der
Creative Commons dient.


203

Ohne Zweifel kann der kritische Begriff des Geistigen Eigentums auch in
irgendeiner soziologisch-politischen rhetorischen Hohlformel verbreitet
werden,
um abstrakt alles zu erklären und zu denunzieren und so der Verteidigung des
proprietären Systems dienen. Denn es ist evident, daß keine Idee über das
bestehende Geistige Eigentum, sondern lediglich über die bestehenden Ideen
vom
Geistigen Eigentum hinausführen kann. Zur wirklichen Zerstörung der
Gesellschaft
des Geistigen Eigentums bedarf es der Menschen, welche eine praktische
Gewalt
aufbieten. Die kritische Theorie des Geistigen Eigentums ist nur wahr, indem
sie
sich mit der praktischen Strömung zur Negation in der Gesellschaft
vereinigt,
und diese Negation, die Wiederaufnahme des revolutionären Klassenkampfes,
wird
sich ihrer selbst bewußt werden, indem sie die Kritik des Geistigen
Eigentums
entwickelt, die die Theorie ihrer wirklichen Bedingungen, der praktischen
Bedingungen der gegenwärtigen Unterdrückung ist, und die umgekehrt das
Geheimnis
dessen enthüllt, was sie zu sein vermag. Diese Theorie erwartet keine Wunder
von
der Arbeiterklasse. Sie betrachtet die neue Formulierung und Verwirklichung
der
proletarischen Forderungen als eine langwierige Aufgabe. Um zwischen
theoretischem und praktischem Kampf künstlich zu unterscheiden - denn auf
der
hier definierten Grundlage läßt sich die Herausbildung und die Mitteilung
einer
derartigen Theorie schon nicht ohne eine strenge Praxis begreifen -, es
steht
fest, daß der dunkle und schwierige Marsch der kritischen Theorie auch zum
Schicksal der auf Gesellschaftsebene handelnden praktischen Bewegung werden
muß.


204

Die kritische Theorie muß sich in ihrer eigenen Sprache mitteilen. Diese
Sprache
ist die Sprache des Widerspruchs, die in ihrer Form dialektisch sein muß,
wie
sie es in ihrem Inhalt ist. Sie ist Kritik der Totalität und geschichtliche
Kritik. Sie ist kein "Nullpunkt des Schreibens", sondern seine Umkehrung.
Sie
ist keine Negation des Stils, sondern der Stil der Negation.


205

In ihrem Stil selbst ist die Darlegung der dialektischen Theorie nach den
Regeln
der herrschenden Sprache und für den von ihnen anerzogenen Geschmack ein
Ärgernis und ein Greuel, weil sie in der positiven Verwendung der
bestehenden
Begriffe zugleich auch das Verständnis ihrer wiedergefundenen fließenden
Bewegung, ihren notwendigen Untergang einschließt.


206

Dieser Stil, der seine eigene Kritik enthält, muß die Herrschaft der
gegenwärtigen Kritik über ihre ganze Vergangenheit ausdrücken. Durch ihn
bezeugt
die Darlegungsweise der dialektischen Theorie den negativen Geist, der in
ihr
steckt. Die Wahrheit ist nicht "so, wie das Werkzeug von dem dortigen Gefäße
wegbleibt." (Hegel) Dieses theoretische Bewußtsein der Bewegung, in dem die
Spur
der Bewegung selbst gegenwärtig sein muß, äußert sich durch die Umkehrung
der
etablierten Beziehungen zwischen den Begriffen und durch die Entwendung
aller
Errungenschaften der früheren Kritik. Die Umkehrung des Genitivs ist dieser
in
der Form des Denkens aufbewahrte Ausdruck der geschichtlichen Revolutionen,
der
als der epigrammatische Stil Hegels betrachtet wurde. Als der junge Marx,
dem
systematischen Gebrauch Feuerbachs entsprechend, den Ersatz des Subjekts
durch
das Prädikat empfahl, gelangte er zu der konsequentesten Anwendung dieses
aufrührerischen Stils, der aus der Philosophie des Elends das Elend der
Philosophie hervorzieht. Die Entwendung führt die vergangenen kritischen
Folgerungen, die zu ehrenwerten Wahrheiten erstarrt sind, d.h. in Lügen
verwandelt wurden, wieder der Subversion zu. Die Entwendung wurde bereits
von
Kierkegaard bewußt gebraucht und dabei von ihm selbst denunziert: "Wie du
dich
aber auch drehen und wenden magst: wie der Saft immer in der Speisekammer
endet,
so kommst du immer dahin, ein kleines Wort einzumischen, das nicht dein
Eigentum
ist und das durch die Erinnerung stört, die es erweckt." (Philosophische
Brocken.) Es ist die Verpflichtung zur Entfernung von dem, was zur
offiziellen
Wahrheit verfälscht wurde, die diese Anwendung der Entwendung bestimmt, zu
der
sich Kierkegaard in dem gleichen Buch auf folgende Weise bekennt: "Nur eine
Bemerkung will ich noch machen in Bezug auf deine vielen Anspielungen, die
alle
darauf abzielten, daß ich entlehnte Äußerungen in das Gesagte mischte. Ich
leugne nicht, daß dies der Fall ist, und will jetzt auch nicht
verheimlichen,
daß es mit Absicht geschah und daß ich im nächsten Abschnitt dieses Stückes,
falls ich je einen solchen schreibe, im Sinn habe, die Sache bei ihrem
richtigen
Namen zu nennen und dem Problem ein historisches Kostüm anzuziehen."


207

Die Ideen verbessern sich. Die Bedeutung der Worte trägt dazu bei. Das
Plagiat
ist notwendig. Der Fortschritt impliziert es. Es hält sich dicht an den Satz
eines Verfassers, bedient sich seiner Ausdrücke, beseitigt eine falsche
Idee,
ersetzt sie durch die richtige.


208

Die Entwendung ist das Gegenteil des Zitats, der theoretischen Autorität,
die
stets bereits deswegen verfälscht ist, weil sie Zitat geworden ist; weil sie
zu
einem aus seinem Zusammenhang, aus seiner Bewegung und schließlich aus
seiner
Epoche als globalem Bezugsrahmen und aus der bestimmten Option, die es
innerhalb
dieses Bezugsrahmens war - sei diese richtig oder irrig erkannt - gerissenen
Fragment geworden ist. Die Entwendung ist die flüssige Sprache der
Antiideologie. Sie erscheint in der Kommunikation, die weiß, daß sie nicht
beanspruchen kann, irgendeine Garantie in sich selbst und endgültig zu
besitzen.
Sie ist, im höchsten Grad, die Sprache, die kein früherer und überkritischer
Bezugspunkt bestätigen kann. Ihre eigene Kohärenz, in ihr selbst und mit den
praktikablen Tatsachen, kann im Gegenteil den früheren Wahrheitskern, den
sie
wiederbringt, bestätigen. Die Entwendung hat ihre Sache auf nichts gestellt,
was
außerhalb ihrer eigenen Wahrheit als gegenwärtiger Kritik liegt.


209

Was sich in der theoretischen Formulierung offen als entwendet darstellt,
indem
es jede dauerhafte Autonomie der Sphäre des ausgedrückten Theoretischen
widerlegt, indem es in sie durch diese Gewaltsamkeit die Tat eintreten läßt,
die
jede bestehende Ordnung stört und beseitigt, weist darauf hin, daß dieses
Bestehen des Theoretischen in sich selbst nichts ist, daß es erst mit der
geschichtlichen Handlung zum Vorschein kommt und mit der geschichtlichen
Korrektur, welche seine echte Treue ist.


210

Allein die wirkliche Negation der Kultur bewahrt deren Sinn. Sie kann nicht
mehr
kulturell sein. So ist sie das, was irgendwie auf der Ebene der Kultur
bleibt,
dies aber in einem ganz anderen Sinn.


211

In der Sprache des Widerspruchs stellt sich die Kritik der Kultur als
vereinheitlicht dar: insofern sie das Ganze der Kultur - ihre Erkenntnis wie
ihre Poesie - beherrscht, und insofern sie sich nicht mehr von der Kritik
der
gesellschaftlichen Totalität trennt. Diese vereinheitlichte theoretische
Kritik
geht allein der vereinheitlichten gesellschaftlichen Praxis entgegen.


IX. Die materialisierte Ideologie

"Das Selbstbewußtsein ist an und für sich, indem und dadurch, daß es für ein
anderes an und für sich ist; d.h. es ist nur als ein Anerkanntes."

Hegel (Phänomenologie des Geistes)


212

Die Ideologie ist im konfliktorischen Verlauf der Geschichte die Grundlage
des
Denkens einer Klassengesellschaft. Die ideologischen Fakten waren niemals
nur
bloße Hirngespinste, sondern das entstellte Bewußtsein der Realitäten und
als
solche wirkliche Faktoren, die ihrerseits eine wirklich entstellende Wirkung
ausübten; um so mehr verschmilzt die mit dem konkreten Gelingen der autonom
gewordenen Wirtschaftsproduktion eintretende Materialisierung der Ideologie
in
der Form des Geistigen Eigentums praktisch die gesellschaftliche Realität
und
eine Ideologie, die das ganze Wirkliche nach ihrem Modell zuschneiden
konnte.


213

Wenn sich die Ideologie, die der abstrakte Wille zum Allgemeinen und seine
Illusion ist, durch die allgemeine Abstraktion und die tatsächliche Diktatur
der
Illusion in der modernen Gesellschaft legitimiert findet, ist sie nicht mehr
der
voluntaristische Kampf des Parzellierten, sondern sein Triumph. Von da an
nimmt
der ideologische Anspruch eine Art seichte positivistische Genauigkeit an:
er
ist nicht mehr eine geschichtliche Wahl, sondern eine Evidenz. In dieser
Behauptung haben sich die besonderen Namen der Ideologien verflüchtigt.
Selbst
der Teil der im eigentlichen Sinn ideologischen Arbeit im Dienst des Systems
faßt sich nur noch als Anerkennung eines "epistemologischen Sockels" auf,
der
jenseits jedes ideologischen Phänomens stehen will. Die materialisierte
Ideologie selbst ist namenlos, so wie ohne nennbares geschichtliches
Programm.
Das heißt mit anderen Worten, daß die Geschichte der Ideologien zu Ende ist.


214

Die Ideologie, deren ganze innere Logik sie zur "totalen Ideologie" im Sinne
Mannheims hinführte, der Despotismus des Fragments, das sich als
Pseudowissen
eines erstarrten Ganzen durchsetzt, als totalitäre Vision, ist jetzt im
immobilisierten Geistigen Eigentum der Nichtgeschichte vollendet. Ihre
Vollendung ist auch ihre Auflösung in der Gesamtheit der Gesellschaft. Mit
der
praktischen Auflösung dieser Gesellschaft muß auch die Ideologie
verschwinden,
die letzte Unvernunft, die den Zugang zum geschichtlichen Leben blockiert.


215

Das Geistige Eigentum ist die Ideologie schlechthin, weil es das Wesen jedes
ideologischen Systems in seiner Fülle darstellt und äußert: die Verarmung,
die
Unterjochung und die Negation des wirklichen Lebens. Das Geistige Eigentum
ist
materiell "der Ausdruck der Trennung und der Entfremdung zwischen Mensch und
Mensch". Die neue Potenz des wechselseitigen Betrugs, die sich in ihm
konzentriert hat, hat ihre Grundlage in dieser Produktion, durch die "mit
der
Masse der Gegenstände das Reich der fremden Wesen wächst, denen der Mensch
unterjocht ist". Das ist das höchste Stadium einer Expansion, die das
Bedürfnis
gegen das Leben umgedreht hat. "Das Bedürfnis des Geldes ist daher das
wahre,
von der Nationalökonomie produzierte Bedürfnis und das einzige Bedürfnis,
das
sie produziert". (Ökonomisch-philosophische Manuskripte.) Das Geistige
Eigentum
weitet das Prinzip, das Hegel in der Jenaer Realphilosophie als dasjenige
des
Geldes auffaßt, auf das gesamte gesellschaftliche Leben aus, es ist "das
sich in
sich bewegende Leben des Toten".


216

Im Gegensatz zu dem in den Thesen über Feuerbach zusammengefaßten Projekt,
die
Verwirklichung der Philosophie in der Praxis, die die Entgegensetzung
zwischen
Idealismus und Materialismus aufhebt, erhält das Geistige Eigentum die
ideologischen Charaktere des Materialismus und des Idealismus und setzt sie
in
dem Pseudokonkreten seines Universums durch. Die kontemplative Seite des
alten
Materialismus, der die Welt als Recht und nicht als Tätigkeit auffaßt - und
der
letzten Endes die Materie idealisiert -, ist im Geistigen Eigentum
vollendet, wo
konkrete Dinge automatisch Herren über das gesellschaftliche Leben sind.
Umgekehrt vollendet sich auch die geträumte Tätigkeit des Idealismus im
Geistigen Eigentum durch die technische Vermittlung von Zeichen und Signalen
-
die letzten Endes ein abstraktes Ideal materialisieren.


217

Der von Deleuze und Guattari (Kapitalismus und Schizophrenie) aufgestellte
Parallelismus von Marxismus und Psychoanalyse muß in den Zusammenhang dieses
wirtschaftlichen Prozesses der Materialisierung der Ideologie gestellt
werden.
Was die Ideologie bereits war, ist die Gesellschaft geworden. Die
Ausschaltung
der Praxis, und das falsche antidialektische Bewußtsein, das sie begleitet,
das
ist es, was in jeder Stunde des dem Geistigen Eigentum unterworfenen,
täglichen
Lebens durchgesetzt wird; was als eine systematische Organisation des
"Versagens
der Eigentumsfunktion" und als deren Ersatz durch ein halluzinatorisches
gesellschaftliches Faktum zu begreifen ist: das falsche Bewußtsein des
Eigentums, die "Illusion des Eigentums". In einer Gesellschaft, in der
niemand
mehr von den anderen anerkannt werden kann, wird jedes Individuum unfähig,
seine
eigene Realität anzuerkennen. Die Ideologie ist zu Hause; die Trennung hat
ihre
Welt gebaut.


218

"In den klinischen Bildern der Schizophrenie", sagen Deleuze und Guattari,
"gehen Verfall der Dialektik der Ganzheit (mit der Auflösung als äußerster
Form)
und Verfall des Werdens (mit der Katatonie als äußerster Form) sehr gut
zusammen." Das zuschauende Bewußtsein, als Gefangener eines verflachten
Universums, das durch das Netzwerk des Geistigen Eigentums beschränkt ist,
hinter das sein eigenes Leben verschleppt worden ist, kennt nur noch die
Scheingesprächspartner, die es einseitig mit ihrer Ware und der Politik
ihrer
Ware unterhalten. Das Geistige Eigentum in seiner ganzen Ausdehnung ist sein
eigenes "Spiegelzeichen". Hier wird der Scheinabgang eines verallgemeinerten
Autismus inszeniert.


219

Das Geistige Eigentum, das die Verwischung der Grenzen von Ich und Welt
durch
die Erdrückung des Ichs ist, das von der gleichzeitigen An- und Abwesenheit
der
Welt belagert wird, ist ebenso die Verwischung der Grenzen zwischen dem
Wahren
und dem Falschen durch die Verdrängung jeder erlebten Wahrheit unter der von
der
Organisation des Rechts sichergestellten wirklichen Anwesenheit der
Falschheit.
Wer passiv sein täglich fremdes Schicksal erleidet, wird daher zu einem
Wahnsinn
getrieben, der illusorisch auf dieses Schicksal reagiert, indem er sich mit
magischen Techniken behilft. Die Anerkennung und der Konsum der Waren stehen
im
Zentrum dieser Pseudoantwort auf eine Mitteilung ohne Antwort. Das Bedürfnis
nach Nachahmung, das der Konsument empfindet, ist genau das infantile
Bedürfnis,
das durch alle Aspekte seiner wesentlichen Enteignung bedingt wird. Nach den
Worten, die Deleuze und Guattari auf einer ganz anderen pathologischen Ebene
anwenden, "kompensiert hier das anormale Bedürfnis, sich zur Schau zu
stellen,
ein quälendes Gefühl, am Rande des Lebens zu stehen".


220

Wenn die Logik des falschen Bewußtseins sich nicht selbst wahrheitsgemäß
erkennen kann, so muß die Suche nach der kritischen Wahrheit über das
Geistige
Eigentum auch eine wahre Kritik sein. Sie muß praktisch unter den
unversöhnlichen Feinden des Geistigen Eigentums kämpfen und zugeben, dort
abwesend zu sein, wo sie abwesend ist. Der abstrakte Wille zur unmittelbaren
Wirksamkeit erkennt die Gesetze des herrschenden Denkens, den
ausschließlichen
Gesichtspunkt der Aktualität an, wenn er sich den Kompromittierungen des
Reformismus oder der gemeinsamen Aktion pseudorevolutionärer Trümmerhaufen
ergibt. Dadurch hat sich der Wahn in derselben Position wiederhergestellt,
die
ihn zu bekämpfen beansprucht. Die über das Geistige Eigentum hinausgehende
Kritik muß viel mehr zu warten wissen.


221

Sich von den materiellen Grundlagen der verkehrten Wahrheit zu emanzipieren,
darin besteht die Selbstemanzipation unserer Epoche. Diese "geschichtliche
Aufgabe, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren" kann weder das isolierte
Individuum noch die den Manipulationen unterworfene, atomisierte Menge
vollbringen, sondern immer noch die Klasse, die fähig ist, die Auflösung
aller
Klassen zu sein, indem sie die Macht auf die entfremdungsauflösende Form der
verwirklichten Demokratie zurückführt, auf den Rat, in dem die praktische
Theorie sich selbst kontrolliert und ihre Aktion sieht. Nur dort, wo die
Individuen "unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft sind"; nur dort, wo
sich der Dialog bewaffnet hat, um seinen eigenen Bedingungen zum Sieg zu
verhelfen.


(C) 2005 Robert Luxemburg

This text may be copied, distributed, translated or modified without any
restrictions whatsoever.

>

--
Lust, ein paar Euro nebenbei zu verdienen? Ohne Kosten, ohne Risiko!
Satte Provisionen für GMX Partner: http://www.gmx.net/de/go/partner
sascha brossmann
2005-08-23 17:33:09 UTC
Permalink
on 8/18/05 1:51 PM, Janus von Abaton wrote:
> Brosmann, der Zinnsoldat des Neoliberalismus,

das schreibt sich immer noch 'brossmann', verehrtester anus von adyton, mit
zwei 's'. wenn hier einer meinen namen legasthenisiert, dann bin das immer
noch ich und nicht irgendein dahergekrochener, lachhaft pseudonymer
blödmannsgehilfe, dessen denkapparatsattrappe noch nicht mal eine
satisfaktionsfähige beleidigung zustande bringt, geschweige denn so etwas
wie eine eigene idee. und nun hopp! üben, burschi! du langweilst mich.
darfst dich wieder melden, wenn du mehr zu bieten hast, als ein paar mühsam
zusammengestoppelte textfurze zwischen fremdzitatwüsten. aber zu mehr als
wiederkäuendem trittbrettfahrertum reicht's vermutlich auch nicht mit der
unzureichend gefurchten schrumpferbse zwischen den beiden arschgesichtern
auf dem allerheiligsten wanst.


brsma
--
:: ***@brsma.de ::. :: .. :... . .... . . . . . .
:: www.brsma.de :: ..: .:. . :.. ..: . . . . . .
:: icq #121790750 ::.: .:. :. ::. .. . .. . . . .
:: public key id 0x2EA549A0 ::.. :: . . . . .. . . .
Till Nikolaus von Heiseler
2005-08-15 21:27:22 UTC
Permalink
Liebe Inke, lieber Florian, vielen dank für die mails!

Stefan Krempl <***@gmx.de> schrieb am 15.08.05 09:44:10:
um welchen link genau geht es eigentlich?

Es handelt sich um den Link auf der Seite
http://www.wmg-seminar.de/colloquium.htm
Erste Spalte
nach
« : La Société du Spectacle von Guy Debord »
und vor « Technische Voraussetzungen »

dort steht [text] und [Film] beide Links funktionieren indes nicht mehr.
Ich hoffe, wir sind daran nicht schuld...

Der Link, der nicht mehr funktioniert, geht auf:
www.twokmi-kimali.de/sites/spektakel.htm
(steht immer noch da)

Die einstweilige Verfügung, habe ich dazu gestellt, direkt:
http://www.wmg-seminar.de/verboten/tiamat-verfuegung.pdf


Juristisch stellt sich die Frage, ob ein Link auf eine DEUTSCHE Seite,
die das Urheberrecht verletzt, strafbar ist oder ob die betreffende
Person sich nicht direkt an den Seitenbetreiber hätte wenden müssen.
Darüber hinaus hat mich Herr Bittermann auch nie gebeten,
den Link von der Seite zu nehmen.

Was mich immer ein wenig enttäuscht ist, dass Diskurse - wie
eigentlich auch in den Massenmedien - hier auf der Liste immer
einer Spannung und Dramaturgie bedürfen. Braucht es tatsächlich
das reality-Schmierentheater mit Darstellern wie Bittermann,
damit man über wichtige Fragen diskutiert?

Natürlich ist es absurd, 50.000 Euro als Streitwert anzusetzen.
Denn wenn der Verlag das Buch für 20 Euro verkauft, 7 die
Buchhandlung bekommt, 5 die Herstellung und 3 der Vertrieb
kostet, dann bleiben 5 Euro Gewinn. Das würde heißen, dass
die Umsatzeinbuße von 50.000 Euro 10.000 verkauften
Exemplaren WENIGER entspräche und das in drei Monaten,
d.h. dass der Umsatz im monatlichen Durchschnitt um 3.000 Exemplare,
wegen der Verbreitung im Internet ZURÜCKGEGANGEN sein müsste.
Das müsste also in der Bilanz zu sehen sein.

(Es wird doch einleuchten, dass ein Unternehmen, das einen
durchschnittlichen JahresUMSATZ von X und einen JahresGEWINN
von Y hat, nicht plötzlich eine Einbuße haben kann, die sich auf drei
Monate bezieht, die sowohl Y als auch X übersteigen. //// Wie ich nun
meine Studenten kennen, wird kein einziger (von 80) sich den
Text runtergeladen haben ... )

Wie ich damals im Offenen Brief an Dirk Baecker (http://www.wmg-seminar.de/was-ist-ein-medium/Offener%20Brief%20an%20Dirk%20Baecker.pdf)
hingewiesen habe, entsteht der Schaden (Umsatzeinbuße) für ein
Unternehmen ja nicht durch kopieren an und für sich, sondern durch
„kopieren statt kaufen“ - da wo einer kopiert, der nicht gekauft hätte
(und das Produkt auch nicht an Personen weitergibt, die DESHALB
nicht kaufen), entsteht für das Unternehmen auch keine Einbuße.

Die Konsequenz für Microsoft und Co. ist, dass sie dort, wo kein Geld
vorhanden ist, gar nicht erst versuchen, auf Copyright zu setzen,
sondern im Gegenteil versuchen, hier eine Markpräsens auf anderen
Wegen zu erlangen. Dabei geht es dann eher darum, diese
Nicht-Markt-Marktpräsenz vom Markt abzugrenzen.

Von daher sind die Schadensrechnungen der Unterhaltungs- und
Softwareindustrie Milchmädchenrechnungen. Die digitale Ökonomie
ist etwas vollkommen anderes, weil das Teilen hier nicht dazu führt,
dass weniger vorhanden ist und damit das Kopieren nicht mit
Gelddrucken zu vergleichen ist.

Geld als Äquivalent des Schuldscheins ist ein sinnvolles Medium
zur Verrechung von „geronnener Arbeit“ und „knappen Gütern“.
Geld kann digitale Ökonomie nicht 1 zu 1 repräsentieren,
deshalb dot.com Hype & Crash.

Simmel schreibt in der Philosophie des Geldes (Georg Simmel
Gesamtausgabe Band 6, Frankfurt/Main 1989, p. 60f, Original 1900):
„Wo wir Liebe um Liebe tauschen, wüssten wir mit der darin
offenbarten inneren Energie sonst nichts anzufangen; indem
wir sie hingeben, opfern wir [...] keinerlei Nutzen auf; wenn
wir in der Wechselrede geistige Inhalte mitteilen, so nehmen
diese dadurch nicht ab; wenn wir unserer Umgebung das Bild
unserer Persönlichkeit darbieten, indem wir das der anderen
in uns aufnehmen, so vermindert dieser Austausch unseren
Besitz unserer selbst in keiner Weise. Bei all diesem Tauschen
geschieht die Wertvermehrung nicht durch Aufrechnung von
Gewinn und Verlust, sondern der Beitrag jeder Partei steht
entweder ganz jenseits dieses Gegensatzes, oder er ist an
sich schon ein Gewinn, ihn nur hingeben zu dürfen, so dass
wir die Erwiderung als ein, trotz unserer eigenen Gabe,
unverdientes Geschenk empfinden.“ - Wenn wir nun vom
etwas sentimentalen Stil absehen, erscheint hier in völliger
Klarheit ein wichtiger Hinweis. Dieser betrifft nicht nur isoliert
die Frage des Copyrights.

Mit den Digitalen Gütern und einer Welt, in der Wissen eine
entscheidende Rolle spielt (in Landwirtschaft, Industrie,
Medizin, Bildung, etc.), bedarf es vollkommen neuer ökonomischer
Konzepte. Diese Konzepte können aber nicht einfach nur
postindustriell sein und sich auf Immaterialität beschränken
(denn wir essen immer noch Kartoffeln und fahren immer noch
Auto), sondern müssten die Last auf sich nehmen, unterschiedliche
Bereiche theoretisch miteinander zu verbinden (und praktisch
vielleicht gerade zu entkoppeln): Verteilung knapper Güter,
Regulierung der Arbeit und Distribution von Wissen.

Dies hatte ich auch als Thema für die nächste WOS vorgeschlagen,
denn es kann nicht mehr darum gehen, sich Pinguine wie
Coca-Cola-Werbung aufs T-Shirt zu heften und sich von
aalglatten Typen wie Lessig (Creative Commons) vorführen
zu lassen, wie man aus scheußlichen massenmedialen Produkten
andere genauso scheußliche massenmedialkompatible Produkte
machen kann, nicht darum, allein auf die größere Effizienz (die ja
sicherlich besteht) des offenen Quellcodes zu setzen, sondern
es geht darum, vom Null-Summen-Spiel-Diktum der klassischen
Ökonomie, in dem Reichtum Armut schafft, zu einem
Nicht-Null-Summen-Spiel-Verständnis der Gesellschaft zu kommen,
in dem es eher um Lebensqualität, ästhetischen Genuss, Kultivierung
sexuellen Begehrens, um Lust, Anerkennung, Verschmelzung von
Kreativität und Geselligkeit etc. geht. Diese Formen (die auch Teil
von neuen experimentellen Formaten sein könnten) stehen vollkommen
anders zueinander als die Verteilungsverhältnisse knapper Güter.

Die 1:1-Übertragung der klassischen Ökonomie auf die Sexualität ist
die Vergewaltigung (oder die Geldehe). Im Bereich der Sexualität, im
Bereich des geistigen Austausches, im Bereich der Freien Software
sind Formen entstanden, die vielleicht ein Modell bilden könnten.

Zu unterscheiden gilt Selbstaufwertungsmöglichkeiten, die Simmel
anspricht (auch im Begriff der Geselligkeit), von Selbstaufwertungsmodi,
die mit Demütigung anderer verknüpft sind, und so der klassischen
Geldwirtschaft entsprechen (klassischerweise das Statussymbol und
entsprechender Konsum, die ja nur durch die Ex-Negativo-Verknüpfung
des Nicht-Konsumenten mit dem Verlierer funktionieren).

Wie könnte eine derartige „Ökonomie nicht-knapper Güter“ aussehen?
Könnte es künstlerische Produktionsweisen geben, die Modellcharakter
haben könnten? Oder ist es gerade umgekehrt und Geistiges wird
von der klassischen Ökonomie übernommen, wie es in der Wissenschaft
zu sein scheint, wo die knappen Güter (Stellen, Forschungsgelder, Prestige)
Wissensformationen generieren und das, was geforscht und welche
Perspektive benutzt wird, weitgehend von den Profilierungsstrategien
abhängen? Könnten neue (experimentelle?) Formate in der Wissenschaft,
in der Kunst, vielleicht sogar in den Massenmedien (oder einem Bereich
einer neuen medialen Öffentlichkeit, die zwischen Massenmedien und
Individual-Diskurs anzusiedeln ist) und neue Formate der PRODUKTION
entstehen, die in praktischer Weise die „Ökonomie nicht-knapper Güter“
erproben?

... das sind Fragen, die uns interessieren würden, zu diskutieren.







Florian Cramer <***@zedat.fu-berlin.de> schrieb am 15.08.05 02:45:17:
>
> Am Sonntag, 14. August 2005 um 23:58:36 Uhr (+0200) schrieb Till
> Nikolaus von Heiseler:
>
> > zugänglich zu machen. In einen Fall haben wir einen Link auf eine
> > Seite eines Dritten gesetzt, auf dem der Text "Die Gesellschaft des
> > Spektakels" von Guy Debord herunterzuladen war. Vom Tiamat Verlag
> > (Grimmstr. 26, 10967 Berlin) vertreten durch Klaus Bittermann, der
> > nach eigenen Angaben Rechteinhaber des betreffenden Textes ist,
>
> Unglaublich. Ich habe noch einmal nachgesehen, die beiden deutschen
> Ausgaben der "Gesellschaft des Spektakels", die in meinem Bücherregal
> stehen, sind nicht vom Tiamat-Verlag. Die erste stammt von einer
> "Projektgruppe Gegengesellschaft" 1974, die andere vom Nautilus-Verlag
> 1978, mit dem Vermerk, daß es sich hier erstmals um eine autorisierte
> Übersetzung handele. In beiden Büchern fehlt der Anticopyright-Vermerk,
> den alle früheren Publikationen der Situationistischen Internationale im
> Impressum trugen. Daher fürchte ich, daß das Buch von Debord bewußt und
> gezielt als klassisch auktoriale, urheberrechtlich geschützte
> Publikation angelegt wurde. Fälle wie Deiner wären dann eine Konsequenz
> dieser Entscheidung, die schon bei der Erstpublikation faktisch in Kauf
> genommen wurden.
>
> Hinzu kommt, daß ich mich dunkel daran zu erinnern glaube, daß der
> Tiamat-Verlag klagefreudig ist und schon einmal durchgesetzt hat, daß er
> die deutschen Exklusivrechte an Debords "Gesellschaft des Spektakels"
> hält, und deshalb die Nautilus-Ausgabe vom Markt nehmen ließ. Hier
> <http://www.edition-tiamat.de/Sonstiges/Verlagsgeschichte2a.pdf>
> zumindest schreibt der Verleger:
>
> Parallel kam Guy Debords »Die Gesellschaft des Spektakels«
> heraus, der bis heute beste Backlisttitel des Verlags. Das Buch
> hatte bereits zwei Übersetzungen hinter sich, eine schlechte und
> eine mit vielen Druckfehlern, die bei Nautilus erschienen war.
> Guy Debord, der sich 1994 umgebracht hatte, war darüber nicht
> sehr glücklich. Der Übersetzer Jean-Jacques Raspaud, dessen
> Lebenswerk darin bestand, eine korrekte Übersetzung dieses
> Buches herauszubringen, hatte sich an mich gewandt.
>
> > bekamen wir nun eine email, dass wir den Text von der Homepage
> > herunterzunehmen hätten. Da wir ihn aber gar nicht hochgeladen hatten,
> > konnten wir ihn auch nicht herunter nehmen. Stattdessen machten wir
> > ihn zunächst einmal darauf aufmerksam, dass es sich hier um ein
> > akademisches Seminar handle, in dem es ja auch üblich sei, Texte zu
> > kopieren.
>
> "I am not a lawyer (IANAL)" - doch ich fürchte, bei der derzeitigen
> Rechtspraxis hast Du vor Gericht keine Chance. Dein Fall ähnelt ja sehr
> stark dem ebenfalls aktuellen Fall der diversen Nachrichten-Websites,
> die auf die russische, nach hiesigem Recht illegale Musik-Downloadseite
> allofmp3.com verlinkt haben. Sie alle - einschließlich Heise Online und
> www.irights.info - erhielten postwendend Abmahnbriefe einer von der
> Musikindustrie beauftragten Anwaltskanzlei. Heise unterlag vor Gericht
> mit seinem Einspruch gegen diese Praxis. Das OLG München entschied, daß
> Heises Berichterstattung über allofmp3.com zwar legal sei, nicht aber
> Heises Link auf die Website, siehe
> <http://www.heise.de/newsticker/meldung/61528>. Dieses Argument paßt,
> ungeachtet aller Hirnrissigkeit, 1:1 auf Euren Link auf die
> "Gesellschaft des Spektakels". Leider ist dies die herrschende
> Rechtsauffassung in Deutschland.
>
> > Klaus Bittermann: es ist mir ziemlich egal, ob es sich bei Ihrer Seite
> > um ein akademisches Seminar handelt. Die Seite steht im Internet und
> > ist deshalb allen und nicht nur Studenten zugänglich. Und "in diesem
> > Kontext" "Studenten Texte zugänglich zu machen" ist nicht "durchaus
> > üblich", sondern illegal, d.h. juristisch handelt es sich um eine
> > Urheberrechtsverletzung. Und damit einem solche dummen Fehler nicht
> > unterlaufen, erkundigt man sich vorher, wo die Rechte liegen. Wenn man
> > selber nicht in der Lage ist zu bibliographieren, kann man auch in
> > eine Buchhandlung gehen und sich nach diesem Titel erkundigen. (...)
>
> Er hat offenbar nicht verstanden, daß Ihr auf den Text verlinkt habt,
> oder versteht schlicht technisch nicht, was ein Link ist und was auf
> Eurer und einen anderen Website steht. Leider kommt so etwas häufiger
> vor als man denken würde, insbesondere bei einer Generation von
> Verlegern, Autoren und Journalisten, die eine Aversion gegen das
> Internet hegen und es als Entwertung ihrer Arbeit und Bedrohung ihrer
> Existenz empfinden.
>
> > Wir erklärten Herrn Bittermann, dass man als Medienwissenschaftler
> > beispielsweise die Aufgabe habe, auf den Unterschied von Urheberrecht
> > und Copyright hinzuweisen und dass man als Urheberrecht das Recht
> > eines Urhebers an seinem Werk bezeichnet, welches unveräußerbar sei
> > und deshalb auch nicht bei einem Verlag liegen könne.
>
> Stimmt zwar, aber der Urheber kann den Verlag exklusiv mit der Wahrnehmung
> seiner Rechte betrauen und tut dies in der Regel auch. Denn dies ist die
> gängige Konstruktion von Autorenverträgen aller Verlage. Sie führt dazu,
> daß der Unterschied von angloamerikanischen Copyright und
> kontinentaleuropäischem Urheberrecht in der Theorie zwar existiert, aber
> in der Praxis weitgehend irrelevant ist. Zudem hat auch der/die
> Übersetzer/in ein Urheberrecht an der Übersetzung. Selbst wenn die Erben
> bzw. Rechtsnachfolger von Debord Dir erlauben würden, den Buchtext frei
> zu nutzen, würde dies nicht automatisch auch für die deutsche Fassung
> des Texts gelten.
>
> Ich hätte - aus taktischer Klugheit - den o.g. juristischen Disput nicht
> angefangen. Der Verlag sitzt hier eindeutig am längeren Hebel und hat
> die Rechtssprechung auf seiner Seite. Wenn Ihr die Auseinandersetzung so
> führt, könnt Ihr sie nur verlieren.
>
> > Daraufhin bekamen wir eine einstweilige Verfügung, in der uns eine
> > Strafe von 250.000 (Zweihundertfünfzigtausend) Euro Strafe oder eine
> > Haftstrafe bis zu sechs Monaten angedroht wurde: „Der Antraggegnerin
> > wird im Wege der einstweiligen Verfügung (...) untersagt, auf der
> > Internetseite www.wmg-seminar.de einen Link zu dem Buch des Autors Guy
> > Debord mit dem Titel „Die Gesellschaft des Spektakels“ zu
> > unterhalten und/oder zu setzen (...).
> >
> > Das Kosten des Verfahrens hätten wir zu tragen. Streitwert: 50.000
> > Euro.
>
> Bitte mißverstehe mich nicht als Zyniker, aber als künstlerische Aktion
> ist dies natürlich großartig. Man muß es sich auf der Zunge zergehen
> lassen, daß die beiden Texte, deretwegen unabhängige Künstler und
> Netzaktivisten mit ruinösen Urheberrechtsverfahren, Anwaltsrechnungen
> und Gefängnisandrohungen überzogen wurden, Adornos "Dialektik der
> Aufklärung" und Debords "Gesellschaft des Spektakels" sind.
>
> > Ich möchte diesen Vorfall zum Anlass nehmen, noch einmal auf die Frage
> > des Copyrights zurückzukommen und einerseits die Zweckmäßigkeiten und
> > andererseits die Rechtslage zu diskutieren.
>
> Das würde nicht tun, ich halte dies für unklug. Deine Rechtsauffassung
> ist ideell, nicht Mainstream. Sie eignet sich für eine Theoriedebatte
> und philosophisches Seminar (was ich nicht ironisch meine), nicht aber
> für eine reale juristische Auseinandersetzung.
>
> > Was ist eigentlich aus eurer (Inke A., Florian C. )
> > Totenkopf-Publikation geworden? Habt ihr auch geklagt oder findet ihr
> > die Veröffentlichung nun doch eher schmeichelhaft? Oder habt ihr
> > einfach gar nichts gemacht?
>
> Ich kann nur für mich sprechen: Ich habe letztlich gar nichts gemacht,
> weil ich erstens in irgendeinem seelischen Abgrund immer noch der
> Teenager-Anarchist bin, der gegen Polizei und Gerichte seine Abneigung
> hegt. Als Medium liegt mir ein offener Protestbrief mehr als eine Klage.
> Zweitens wollte ich den Lentos-Kuratoren nicht auch noch den
> sadistischen Triumph gönnen, daß ich in meinem Leben jemanden
> ausgerechnet wegen einer Urheberrechtsverletzung verklage (was meine
> einzige juristische Handhabe gewesen wäre). Der letzte Grund war, daß
> die Lentos-Direktorin Stella Rollig in Linz wegen ihrer nicht
> ausreichend populistischen Museumspolitik vor Ort unter Beschuß ist und
> - nachdem es schon eine lokale Zeitungsmeldung gab und, wie man mir
> sagte, die "Kronen-Zeitung" an der Sache dran war - ich nicht den
> falschen Leuten Munition liefern wollte. Schmeichelhaft finde ich die
> Publikation in diesem dümmlichen Buch aber nicht, im Gegenteil, auf die
> Nachbarschaft mit "Prada Meinhof" & Co. hätte ich lieber verzichtet.
>
> > Ich habe gehört, dass für die Texte zu einem früheren
> > Zeitpunkt schon einmal Gelder geflossen sind, oder sind das Gerüchte?
>
> Wiederum kann ich nur für mich sprechen: Mein Text war das nachträglich
> ausgearbeitete Manuskript eines Vortrags, den ich im Rahmen einer von
> Johannes Auer gestalteten Vortragsreihe 2002 in der Stadtbibliothek
> Stuttgart gehalten habe. Für diesen Vortrag bin ich bezahlt worden, sehr
> anständig übrigens. - Wie ich hier schon einmal geschrieben hatte, hätte
> Lentos den Text kostenlos haben können; meinetwegen auch anonymisiert,
> wenn man im Vorfeld mit uns gesprochen und ich das Projekt gut
> gefunden hätte. Da letzteres aber nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich
> mich zu dem Projekt nicht anders verhalten als zu einer konventionellen,
> akademischen Publikation und auf einer Quellennennung bestanden.
>
> Ich fürchte nur, daß Dir alle meine Ausführungen nichts nutzen, weil
> Dein Fall aus juristischer Sicht ja genau umgekehrt ist, denn Du
> hast keinen Klagegrund, sondern lieferst jemand anderen einen.
>
> > Kann man für die Anbringung eines Links tatsächlich haftbar gemacht
> > werden, wenn der Link das Copyright verletzt?
>
> Leider ja, s.o..
>
> > In Hoffnung auf eine fruchtbare Diskussion,
>
> Ich empfehle, Euch wegen des Fall mit der Initiative Freedom for Links
> <http://www.freedomforlinks.de> in Verbindung zu setzen, mit Alvar
> Freude von odem.org (falls er nicht schon hier mitliest), der eine ganz
> ähnliche Auseinandersetzung hinter sich hat, mit dem Chaos Computer
> Club und eventuell mit dem FFII <http://www.ffii.de>. Versucht, die
> Geschichte z.B. in den Ticker von Heise Online zu bekommen. Medien wie
> Telepolis, taz und jungle world sind sicherlich auch dankbare Abnehmer
> der Geschichte. Ich würde die Geschichte unbedingt auf die Tatsache
> reduzieren, daß Euch wegen Verlinkung auf eine Kopie der "Gesellschaft
> des Spektakels" eine Klage und Schadenersatz angedroht wird. Laßt alle
> rechtsphilosophischen Spekulationen über Urheberrecht und Copyright
> 'raus bzw. betreibt sie lieber hier in der rohrpost, aber nicht in den
> Massenmedien. Sonst hält man Euch für Spinner. Auch das Argument der
> akademischen Nutzung bringt nichts, bzw. taugt nur als Detail. Natürlich
> sollten das weltweit auch alle situationistischen Websites,
> nothingness.org, notbored.org etc. mitbekommen und entsprechend
> dokumentieren.
>
> Letztlich könnte Ihr die Auseinandersetzung nur über den Meinungsdruck
> der Öffentlichkeit gewinnen. Wenn es schlechte Presse und ätzende
> Glossen über Situationismus und dessen Rekuperation per Anwaltskanzlei
> hagelt, Buchhandlungen die Ausgabe aus dem Regel nehmen und Herrn
> Bittermann als Remittenden zurückschicken, ist er seinen "besten
> Backlisttitel des Verlags" los und wird sich, wenn er vernünftig ist,
> die Sache noch einmal überlegen.
>
> -F
>
> --
> http://cramer.netzliteratur.net


_________________________________________________________________________
Mit der Gruppen-SMS von WEB.DE FreeMail können Sie eine SMS an alle
Freunde gleichzeitig schicken: http://freemail.web.de/features/?mc=021179
* alain bieber
2005-08-15 22:06:41 UTC
Permalink
Ihr seid nicht alleine:

"Edition Tiamat - Klaus Bittermann hat uns, twokmi-kimali, wegen der
Gesellschaft des Spektakels strafbewährt abgemahnt.
In "der" Linken tobt ja ein Copyright Krampf- das neue Buch von Kurz
wird dort verlegt und er bezeichnet ja Leute die das Copyright nicht
beachten als Schweine...(siehe http://www.exit-online.org/)
Ich wollte nur bescheidgeben.Sein Anwalt hat 70 000E Streitwert
festgesetzt- macht ca 1600 Anwaltskosten."

Deshalb ist "twokmi-kimali" auch gerade offline - auch wir
(http://www.rebelart.net/source.html) haben den Nautilus-Text gehostet und
vorerst besser einmal vom Netz genommen...

Wir sollten über Bittermann & Co. mal einen Artikel veröffentlichen?! Wenn
es da was gibt, setze ich den gerade bei uns auf die Startseite...

* Alain


________________________________________________
_ _ _ _
____ ______| |___ ______| ||_| ____ ____| |_ *
| __| __ _| _ | __ _| | _ | _ | __| _|
| | |_ |_| |_| |_ |_| ||_|| |_|| | | |
|_| |____|_____| |____|_| |_____|_| |_|
* connecting art and activism

* http://www.rebelart.net
* http://www.stickeraward.net
* http://www.the-abc.org
sascha brossmann
2005-08-16 04:04:47 UTC
Permalink
on 8/15/05 5:05 PM, * alain bieber wrote:
> In "der" Linken tobt ja ein Copyright Krampf- das neue Buch von Kurz
> wird dort verlegt und er bezeichnet ja Leute die das Copyright nicht
> beachten als Schweine...(siehe http://www.exit-online.org/)
> Ich wollte nur bescheidgeben.Sein Anwalt hat 70 000E Streitwert
> festgesetzt- macht ca 1600 Anwaltskosten."

nun ja, ganz so simpel ist es ja nicht. genaugenommen ist da z.b. folgendes
zu lesen:

---8<---

Die Kampagnen gegen Copyright und Lizenzierung, ursprünglich im Kampf gegen
die Ausbeutung von Wissenschaftlern und Erfindern durch die Konzerne und
gegen die Enteignung der peripheren Länder von ihren eigenen
Wissens-Ressourcen entstanden, werden von den kleinen linken Arschlöchern in
ihr Gegenteil verkehrt und dafür instrumentalisiert, im Raum der
Gesellschaftskritik die intellektuelle und publizistische Enteignung der
TheorieproduzentInnen durch grundlos selbstgefällige Möchtegerns als
"Kommunismusfähigkeit" zu feiern. Texte sollen beliebig in Zusammenhänge
gestellt werden, die den Intentionen ihrer Urheber völlig zuwider laufen;
ausformulierte Ideen und theoretische Ansätze gelten als freie Objekte des
Wilderns, wobei der Wille der ProduzentInnen genussvoll mit Füßen getreten
werden darf. Was nichts weiter ist als eine besonders ordinäre Weise
bürgerlicher Konkurrenzsubjekte, ihrer Selbstbehauptung und
Selbstdarstellung auf Kosten anderer zu frönen, wird als "Keimform" einer
Produktionsweise jenseits des Kapitalismus zurechtgelogen.

Unter scheinheiligem Verweis darauf, dass schließlich alle Kulturleistungen
letztlich kollektiv seien und alle TheoretikerInnen stets irgendwie auf dem
Gedankengut anderer aufbauen würden, propagieren die kleinen linken
Arschlöcher das hemmungslose Ausschlachten von Theoriebildungsprozessen ohne
jede ausgewiesene Referenz. Konkurrenter Ideenklau als Regression noch unter
das Niveau akademischer intellektueller Gemeinheit und selbst schamloses
Abschreiben halten sie für normal und geradezu für egalitäre Akte der
Emanzipation. Alle Standards des Zitierens, der Quellenangabe, überhaupt der
Anerkennung von Autorschaft werden flugs dem kapitalistischen Eigentums- und
Verwertungsprinzip zugeschlagen. Kaum hat das kleine linke Arschloch einen
Text aus dem Bauch heraus andiskutiert, glaubt es auch schon, dass es ihn im
Grunde selber geschrieben hat, wenn es nicht gar schon längst wieder darüber
hinaus zu sein wähnt.

[http://www.exit-online.org/html/link.php?tab=autoren&kat=Robert+Kurz&ktext=Das+kleine+linke+Arschloch]

--->8---

das erinnert mich wohl nicht von ungefähr an einen nicht weit
zurückliegenden vorgang...

merke: nicht alles was jault ist ein zu unrecht getretener hund.


sascha
--
:: ***@brsma.de ::. :: .. :... . .... . . . . . .
:: www.brsma.de :: ..: .:. . :.. ..: . . . . . .
:: icq #121790750 ::.: .:. :. ::. .. . .. . . . .
:: public key id 0x2EA549A0 ::.. :: . . . . .. . . .
Florian Cramer
2005-08-16 00:37:01 UTC
Permalink
Am Montag, 15. August 2005 um 16:26:14 Uhr (+0200) schrieb Till Nikolaus von Heiseler:

> Juristisch stellt sich die Frage, ob ein Link auf eine DEUTSCHE Seite,
> die das Urheberrecht verletzt, strafbar ist

Ja, ist es, nach der derzeitigen Rechtssprechung. Wo der Server steht,
ist irrelevant, da die Gerichte in einer Verlinkung eine
"Bereitstellung" eines Werks sehen.

> oder ob die betreffende
> Person sich nicht direkt an den Seitenbetreiber hätte wenden müssen.

Das kann sie unabhängig davon auch tun.

> Darüber hinaus hat mich Herr Bittermann auch nie gebeten,
> den Link von der Seite zu nehmen.

Es wäre interessant, den vollständigen Wortlaut der Korrespondenz zu
lesen, zumindest Eurer Briefe, da die ungenehmigte Veröffentlichung von
Bittermanns Briefen ein Verstoß gegen Urheberrechts- und
Datenschutzgesetze sein könnte.

> Was mich immer ein wenig enttäuscht ist, dass Diskurse - wie
> eigentlich auch in den Massenmedien - hier auf der Liste immer
> einer Spannung und Dramaturgie bedürfen. Braucht es tatsächlich
> das reality-Schmierentheater mit Darstellern wie Bittermann,
> damit man über wichtige Fragen diskutiert?

Das finde ich einen etwas seltsamen Einwand, denn Du hättest die
Diskussion hier ja schon jederzeit starten könne.

> Natürlich ist es absurd, 50.000 Euro als Streitwert anzusetzen.
> Denn wenn der Verlag das Buch für 20 Euro verkauft, 7 die
> Buchhandlung bekommt, 5 die Herstellung und 3 der Vertrieb
> kostet, dann bleiben 5 Euro Gewinn. Das würde heißen, dass
> die Umsatzeinbuße von 50.000 Euro 10.000 verkauften
> Exemplaren WENIGER entspräche und das in drei Monaten,
> d.h. dass der Umsatz im monatlichen Durchschnitt um 3.000 Exemplare,
> wegen der Verbreitung im Internet ZURÜCKGEGANGEN sein müsste.
> Das müsste also in der Bilanz zu sehen sein.

Wahrscheinlich sind wir in dieser Mailingliste bei solchen Details
überfragt. Falls hier Profi-Juristen mitlesen, dürfen sie meines Wissens
keine Rechtsauskunft erteilen. Der common sense muß sich nicht
unbedingt mit der juristischen Auffassung von entstandenem Schaden
decken, und solche Spekulationen helfen nicht weiter.

Hier hilft Euch nur eines weiter, ein guter Anwalt. (Vielleicht Thomas
Stadler, der Alvar Freude vor Gericht vertreten und in zweiter Instanz
zum Freispruch verholfen hat? Oder Till Kreuzer vom Institut für
Rechtsfragen von Freier und Open Source-Software?) Ich würde mich mit
solchen Äußerungen und Spekulationen zurückhalten, weil man Euch dafür
vor Gericht eventuell einen Strick draus drehen kann. Mit Eurer
Argumentation, es habe sich nur um eine Bereitstellung eines Texts für
ein akademisches Seminar gehandelt, habt Ihr Euch ja schon juristisch
ins Knie geschossen, da in dem Anwaltsschreiben steht:

| Trotz dieser Abmahnung, die letztendlich die Beendigung der Störung
| beinhaltete, widersetzte sich der Antragsgegner dem Anliegen des
| Antragstellers mit dem Hinweis, dass es sich um ein "akademisches
| Seminar" handele und dass es üblich sei, auf diesem Weg Texte
| Studenten zugänglich zu machen. Damit räumte der Antragsgegner ein,
| dass es ihm um die Verbreitung des streitgegenständlichen Buchtextes
| geht.

Bitte vergesst über Eurem politischen und philosophischen
Grundsatzanliegen Eure praktische Intelligenz nicht! Und beherzigt die
alte Demonstranten-Weisheit, daß man auf der Strasse zwar alles mögliche
veranstalten kann, aber dumm ist, wenn man sich sehenden Auges
festnehmen und einfahren läßt, zumal man zu Fuß immer schneller ist als
der Polizist in Kampfmontur! Also: Paßt auf, daß Ihr Bittermanns Anwalt
nicht noch mehr Munition gegen Euch frei Haus liefert. Holt Euch bitte
unbedingt anwaltlichen Rat.

> Die Konsequenz für Microsoft und Co. ist, dass sie dort, wo kein Geld
> vorhanden ist, gar nicht erst versuchen, auf Copyright zu setzen,

Das mag ja alles stimmen, hilft Euch aber keinen Jota weiter. Die
Rechtslage gibt es nun einmal nicht her. Es gibt ja auch Verleger
der "Socièté du spectacle" wie z.B. Zone Books in den USA, die gegen
freie Online-Versionen nichts unternehmen, weil sie es aus Goodwill
zu tolerieren scheinen. Wenn Bittermann diesen Goodwill nicht aufbietet,
so ist dies nun einmal - formal gesehen - sein gutes, einklagbares
Recht.

> sondern im Gegenteil versuchen, hier eine Markpräsens auf anderen
> Wegen zu erlangen. Dabei geht es dann eher darum, diese
> Nicht-Markt-Marktpräsenz vom Markt abzugrenzen.

Du argumentierst ökonomisch, nicht juristisch. Das alles ist
für einen Richter irrelevant, und Bittermann braucht es deshalb auch
nicht zu kümmern.

> Von daher sind die Schadensrechnungen der Unterhaltungs- und
> Softwareindustrie Milchmädchenrechnungen. Die digitale Ökonomie
> ist etwas vollkommen anderes, weil das Teilen hier nicht dazu führt,
> dass weniger vorhanden ist und damit das Kopieren nicht mit
> Gelddrucken zu vergleichen ist.

Das wissen wir ja alle und bestreitet auch niemand. Doch die Chancen,
daß Du vor einem netzkulturell und medientheoretisch versierten Richter
stehen wirst, sind nahe Null.

> Geld als Äquivalent des Schuldscheins ist ein sinnvolles Medium
> zur Verrechung von „geronnener Arbeit“ und „knappen Gütern“.
> Geld kann digitale Ökonomie nicht 1 zu 1 repräsentieren,
> deshalb dot.com Hype & Crash.

Ja, auch das ist keine neue Erkenntnis, sondern von Rishab Ghosh in
seinem Aufsatz über "cooking pot markets" von 1999 gut beschrieben.

> Dies hatte ich auch als Thema für die nächste WOS vorgeschlagen,
> denn es kann nicht mehr darum gehen, sich Pinguine wie
> Coca-Cola-Werbung aufs T-Shirt zu heften und sich von
> aalglatten Typen wie Lessig (Creative Commons) vorführen
> zu lassen, wie man aus scheußlichen massenmedialen Produkten
> andere genauso scheußliche massenmedialkompatible Produkte
> machen kann,

Völlig einverstanden. Man muß sich ja vergegenwärtigen, daß auch in der
Freien Software-Szene das Copyleft nur als Behelfswerkzeug angesehen
wird, um eigene Ideen und Ideale unter widrigen rechtlich-politischen
Grundbedingungen so gut zu verwirklichen, wie es eben geht. Man müßte
sich endlich darüber unterhalten, wie man an diesen Bedingungen nicht
nur defensiv (z.B. im Aktivismus gegen Softwarepatente), sondern auch
offensiv arbeiten kann.

> Wie könnte eine derartige „Ökonomie nicht-knapper Güter“ aussehen?

Eine reine Geschenkökonomie, in der es alle nicht-knappen Güter
automatisch in der public domain landen, kann es meiner (heutigen)
Auffassung nach nicht sein. Hätten wir ein solches System, könnte zum
Beispiel freie, im Quellcode vorliegende Software nach Belieben in
proprietäre Binärsoftware eingebaut werden. Software-Monopolisten und
Medienkonzerne könnten sich überall bedienen, hätten aber immer noch
ausreichend technische Möglichkeiten [z.B. durch Binärkompilate und
DRM-/kopiergeschützte Medien], die Kontrolle über ihre aus freien Werken
abgeleiteten Produkte zu behalten. Das beste heutige Beispiel einer
solchen Umwandlung freier Arbeit in ein proprietäres Designerprodukt ist
ja Apples MacOS X in seiner Umwidmung von freiem BSD-Code. Einer reinen
"public domain" fehlt die Verpflichtung zur Rückgabe von freier Arbeit
und das Element der gesellschaftlichen Verpflichtung von Eigentum. Es
wäre naiv zu glauben, daß sich dies durch eine "unsichtbare Hand" des
Tauschmarktes selbst regeln würde.

> Könnte es künstlerische Produktionsweisen geben, die Modellcharakter
> haben könnten?

Das ist ja die Enttäuschung der Netzkunst. In den 90er Jahren ist sie,
im Verbund mit dem Schlagwort "Netzkultur", genau mit diesem
Modell-Anspruch angetreten und weitgehend gescheitert. Letztlich kamen
die wichtigen netzkulturellen Impulse, von der Urheberrechtsdebatte bis
zu Techniken wie Weblogs und Wikis, aus der Freien Software-Szene und
nicht von Künstlern und Medienkritikern.

> Könnten neue (experimentelle?) Formate in der Wissenschaft,
> in der Kunst, vielleicht sogar in den Massenmedien (oder einem Bereich
> einer neuen medialen Öffentlichkeit, die zwischen Massenmedien und
> Individual-Diskurs anzusiedeln ist) und neue Formate der PRODUKTION
> entstehen, die in praktischer Weise die „Ökonomie nicht-knapper Güter“
> erproben?

An den staatlichen Universitäten wird das immer schwerer, weil dort vor
lauter Druck, Forschung DFG-antragskompatibel zu betreiben und das
Studium in eine Berufsausbildung umzustrukturieren, jeder nur noch
versucht, bestehende Freiräume zu retten.

-F

--
http://cramer.netzliteratur.net
Brigitte Gajewski
2005-08-16 01:02:46 UTC
Permalink
At 19:39 Uhr +0200 15.08.2005, Florian Cramer wrote:
>Am Montag, 15. August 2005 um 16:26:14 Uhr (+0200) schrieb Till
>Nikolaus von Heiseler:
>....
>
>> Natürlich ist es absurd, 50.000 Euro als Streitwert anzusetzen.
>> Denn wenn der Verlag das Buch für 20 Euro verkauft, 7 die
>> Buchhandlung bekommt, 5 die Herstellung und 3 der Vertrieb
>> kostet, dann bleiben 5 Euro Gewinn. Das würde heißen, dass
>> die Umsatzeinbuße von 50.000 Euro 10.000 verkauften
>> Exemplaren WENIGER entspräche und das in drei Monaten,
>> d.h. dass der Umsatz im monatlichen Durchschnitt um 3.000 Exemplare,
>> wegen der Verbreitung im Internet ZURÜCKGEGANGEN sein müsste.
>> Das müsste also in der Bilanz zu sehen sein.
>
>Wahrscheinlich sind wir in dieser Mailingliste bei solchen Details
>überfragt. Falls hier Profi-Juristen mitlesen, dürfen sie meines Wissens
>keine Rechtsauskunft erteilen. Der common sense muß sich nicht
>unbedingt mit der juristischen Auffassung von entstandenem Schaden
>decken, und solche Spekulationen helfen nicht weiter.
>
>Hier hilft Euch nur eines weiter, ein guter Anwalt. (Vielleicht Thomas
>Stadler, der Alvar Freude vor Gericht vertreten und in zweiter Instanz
>zum Freispruch verholfen hat? Oder Till Kreuzer vom Institut für
>Rechtsfragen von Freier und Open Source-Software?)
....

RA Krieger waere vielleicht auch noch ein Ansprechpartner. Er war
zusammen mit Thomas Stadler im "freedomforlinks" e.V. aktiv.
http://www.transpatent.com/advobook/edit0004.html

Brigitte
--
Brigitte Gajewski
http://www.gajewskiart.de
sascha brossmann
2005-08-16 04:47:44 UTC
Permalink
on 8/15/05 7:39 PM, Florian Cramer wrote:
> Am Montag, 15. August 2005 um 16:26:14 Uhr (+0200) schrieb Till Nikolaus von Heiseler:
>>Von daher sind die Schadensrechnungen der Unterhaltungs- und
>>Softwareindustrie Milchmädchenrechnungen. Die digitale Ökonomie
>>ist etwas vollkommen anderes, weil das Teilen hier nicht dazu führt,
>>dass weniger vorhanden ist und damit das Kopieren nicht mit
>>Gelddrucken zu vergleichen ist.

einspruch! es gibt keine "digitale ökonomie" und erst recht keine, die
irgendwelchen ausserirdischen regeln gehorcht. dieser hochgradig naive käse
wird auch durch ständige wiederholung nicht wahrer. (über den an dieser
stelle vollkommen deplatzierten bzw. falsch verstandenen begriff "digital"
möchte ich dabei gar nicht erst reden).

>>aalglatten Typen wie Lessig (Creative Commons) vorführen
>>zu lassen, wie man aus scheußlichen massenmedialen Produkten
>>andere genauso scheußliche massenmedialkompatible Produkte
>>machen kann,

wo ist das problem mit "massenmedialkompatibel" ? (spricht hier nicht auch
ein wenig der fuchs von den bitteren trauben?) das internet, oder zumindest
das www *ist* ein massenmedium (zumindest in unseren breiten). wäre gar
nicht so schlecht, wenn ein paar intelligente dinge massenmedialkompatibel
wären... zum henker mit der schalen hirnverklemmten hosenscheisserarroganz
gegenüber dem populären! (die stand schon dem theodor w. nicht wirklich gut
zu gesicht.) auch *das* ist demokratie/sozialismus/hurz... (ob ich darselbst
das dann wiederum gut finden muss ist noch die andere frage).

>>Wie könnte eine derartige ?Ökonomie nicht-knapper Güter? aussehen?

warum klammerst du eigentlich *knappe güter* dabei aus? wie könnte eine
ökonomie *knapper güter* aussehen, die auch die basis für die nicht-knappen
bereitstellt? das lässt sich nicht entkoppeln.

> abgeleiteten Produkte zu behalten. Das beste heutige Beispiel einer
> solchen Umwandlung freier Arbeit in ein proprietäres Designerprodukt ist
> ja Apples MacOS X in seiner Umwidmung von freiem BSD-Code.

stimmt so nicht, florian. der freie code in mac os x ist nach wie vor frei,
da ist nichts umgewidmet (ein grenzfall dabei ist konqueror/safari und der
damit zusammenhängende streit, der aber afaik mittlerweile beigelegt wurde).
leider (aber auch z.t. verständlich innerhalb des bestehenden ökonomischen
rahmens) unfrei sind die darüber sitzenden frameworks von apple (vorher
next). das ist aber eine andere baustelle.

> Modell-Anspruch angetreten und weitgehend gescheitert. Letztlich kamen
> die wichtigen netzkulturellen Impulse, von der Urheberrechtsdebatte bis
> zu Techniken wie Weblogs und Wikis, aus der Freien Software-Szene und
> nicht von Künstlern und Medienkritikern.

zur ehrenrettung(?) der kunst muss man aber sagen, dass technische impulse
im grunde noch nie sache der künstler waren. auch was gesellschaftliche
impulse im allgemeinen betrifft, habe ich da eher so meine zweifel... in
beiderlei hinsicht sind z.b. die naturwissenschaften vermutlich wesentlich
relevanter. der rest riecht eher nach selbstüberschätzung
("allmachtsfantasien in kunst und design" wäre mal ein nettes thema.)

und was die techniken betrifft: die sind allerdings noch lange nicht
optimal, nicht einmal annähernd, eher schlechte krücken. aber besser humpeln
als kriechen... >;-> da ist noch einiges an raum für impulse.

>>entstehen, die in praktischer Weise die ?Ökonomie nicht-knapper Güter?
>>erproben?

till, nochmal: wenn du die ökonomie der knappen güter dabei ausklammerst,
bleibt der rest nichts als heisse luft.

> An den staatlichen Universitäten wird das immer schwerer, weil dort vor
> lauter Druck, Forschung DFG-antragskompatibel zu betreiben und das
> Studium in eine Berufsausbildung umzustrukturieren, jeder nur noch
> versucht, bestehende Freiräume zu retten.

ack. wenngleich das m.e. auch nicht nur an besagtem druck liegt...


herzliche grüsse

sascha
--
:: ***@brsma.de ::. :: .. :... . .... . . . . . .
:: www.brsma.de :: ..: .:. . :.. ..: . . . . . .
:: icq #121790750 ::.: .:. :. ::. .. . .. . . . .
:: public key id 0x2EA549A0 ::.. :: . . . . .. . . .
Florian Cramer
2005-08-16 05:43:28 UTC
Permalink
Sascha:

> > abgeleiteten Produkte zu behalten. Das beste heutige Beispiel einer
> > solchen Umwandlung freier Arbeit in ein proprietäres Designerprodukt ist
> > ja Apples MacOS X in seiner Umwidmung von freiem BSD-Code.
>
> stimmt so nicht, florian. der freie code in mac os x ist nach wie vor frei,
> da ist nichts umgewidmet (ein grenzfall dabei ist konqueror/safari und der
> damit zusammenhängende streit, der aber afaik mittlerweile beigelegt wurde).

Ich hatte mich nicht präzise genug ausgedrückt. Der modifizierte
BSD-Code, bzw. das "Darwin" getaufte nichtgraphische
Basis-Betriebssystem wird zwar von Apple unter der "Apple Public Source
License" <http://www.opensource.apple.com/apsl/> freigegeben, deren
aktuelle Version mittlerweile auch von Free Software Foundation als
freie Lizenz anerkannt ist. Trotzdem ist die APSL wesentlich
restriktiver als die BSD-Lizenz und verhindert so, daß Apples
BSD-Modifikationen in die freien BSDs zurückfließen. Und da sie auch zur
GPL und allen anderen freien Softwarelizenzen inkompatibel ist, bleibt
der Code faktisch in Darwin und OS X eingesperrt. Hinzu kommt, daß die
gesamte graphische, für den Normalanwender relevante Ebene von MacOS X
(Quartz + Aqua + Carbon + Cocoa + der Finder) proprietär ist, so daß
MacOS X in der Summe ein proprietäres Betriebssystem auf dem Fundament
freier, aber zu restriktiveren Bedingungen relizenzierter Software ist.

Nichts daran ist illegal oder anrüchig, denn die BSD-Lizenz erlaubt es,
BSD-Code unter beliebigen anderen, auch proprietären Lizenzen zu
recyclen. Allerdings zeigt sich genau daran die Schwäche des
BSD-Lizenzmodells, und implizit auch die Schwächen der public domain.
(Die BSD-Lizenz entspricht faktisch einer public domain-Freigabe, mit
der symbolischen Einschränkung, daß der Code das Copyrightvermerk der
Originalentwickler beibehalten muß.) Hätte Apple die Darwin-Ebene von
MacOS X auf Linux und GNU statt auf BSD aufgebaut, wäre es verpflichtet
gewesen, seine Weiterentwicklungen wieder unter die Originallizenz GPL
zu stellen und somit zur GNU/Linux-Weiterentwicklung beizutragen.

> > Modell-Anspruch angetreten und weitgehend gescheitert. Letztlich kamen
> > die wichtigen netzkulturellen Impulse, von der Urheberrechtsdebatte bis
> > zu Techniken wie Weblogs und Wikis, aus der Freien Software-Szene und
> > nicht von Künstlern und Medienkritikern.
>
> zur ehrenrettung(?) der kunst muss man aber sagen, dass technische impulse
> im grunde noch nie sache der künstler waren. auch was gesellschaftliche
> impulse im allgemeinen betrifft, habe ich da eher so meine zweifel... in
> beiderlei hinsicht sind z.b. die naturwissenschaften vermutlich wesentlich
> relevanter. der rest riecht eher nach selbstüberschätzung
> ("allmachtsfantasien in kunst und design" wäre mal ein nettes thema.)

Klar. Doch wenn ich mir die PDF-Faksimiles der alten Nummern von
"Radical Software" aus den frühen 70er Jahren durchlese
<http://www.radicalsoftware.org> oder den "Radio Alice"-Band von Merve,
gewinne ich zumindest die Illusion, daß die experimentellen Künste
damals erheblich mehr zur Entwicklung unabhängiger Medien beigetragen
haben, als dies heute im Internet der Fall ist. Andererseits könnte man
argumentieren, daß die heute viel breitere, nichtkünstlerische
Partizipation an solchen Entwicklungen genau das ist, was die
experimentellen Künste und Medienutopien damals erreichen wollten. Die
Medien-Experimentalkünste arbeiteten, wenn man so will, damals
hegelianisch an ihrem eigenen Ende und hatten damit erstaunlicherweise
sogar Erfolg. ;-)

-F

--
http://cramer.netzliteratur.net
sven
2005-08-16 19:16:22 UTC
Permalink
> einspruch! es gibt keine "digitale ökonomie" und erst recht keine, die
> irgendwelchen ausserirdischen regeln gehorcht. dieser hochgradig naive käse
> wird auch durch ständige wiederholung nicht wahrer. (über den an dieser
> stelle vollkommen deplatzierten bzw. falsch verstandenen begriff "digital"
> möchte ich dabei gar nicht erst reden).

naja, es geht dabei nicht so sehr darum, ob es diese "digitale ökonomie"
jetzt gibt oder nicht.
was es "gibt", ist die wissenökonomie (wissen / kulturgut als ware),
die der kapitalistischen logik folgt, das alles, was verwertbar ist, um einen
"mehrwert" zu erzielen, auch verwertet werden wird. auf der idee geistigen
eigentums basierende gesetzte haben dafür die grundlage geschaffen und
das nicht erst seit heute sondern schon seit mindestens 1710 (statute of anne).

>> aalglatten Typen wie Lessig (Creative Commons) vorführen
>> zu lassen, wie man aus scheusslichen massenmedialen Produkten
>> andere genauso scheussliche massenmedialkompatible Produkte
>> machen kann,
> wo ist das problem mit "massenmedialkompatibel" ? (spricht hier nicht auch
> ein wenig der fuchs von den bitteren trauben?) das internet, oder zumindest
> das www *ist* ein massenmedium (zumindest in unseren breiten). wäre gar
> nicht so schlecht, wenn ein paar intelligente dinge massenmedialkompatibel
> wären... zum henker mit der schalen hirnverklemmten hosenscheisserarroganz
> gegenüber dem populären! (die stand schon dem theodor w. nicht wirklich gut
> zu gesicht.) auch *das* ist demokratie/sozialismus/hurz... (ob ich darselbst
> das dann wiederum gut finden muss ist noch die andere frage).

das hast du wirklich schön gesagt. volle zustimmung.
ich kann es auch kaum ertragen, dass eine selbsternannte intellektuelle elite
sich immer wieder anmassen will, zu bestimmen, was hoch- und niedrigkultur
ist. die probleme, die jemand mit der "scheusslichen massenkultur" hat,
zeugen für mich meist von viel zu kurz reflektierter analytik, die ein henne-ei
problem nicht als solches erkennt.
problematisch an massenkultur scheint zu sein, dass die definitionmacht,
was massenkultur ist, in den händen derer liegt, die auch die macht über die
distributionskanäle von kultur besitzen.
diese definitionsmacht geht aber verloren, je mehr das netz zu einem massen-
und vielleicht in nicht allzu ferner zukunft zum leitmedium wird.
da würde ich also mal ganz locker bleiben und optimistisch in die zukunft
schauen.

>>Wie könnte eine derartige Ökonomie nicht-knapper Güter aussehen?

> warum klammerst du eigentlich *knappe güter* dabei aus? wie könnte eine
> ökonomie *knapper güter* aussehen, die auch die basis für die nicht-knappen
> bereitstellt? das lässt sich nicht entkoppeln.

also das muss man schon trennen. zwischen einem knappem (materiellem) und
nichtknappem (immateriellem) gut bestehen fundamentale unterschiede.
rechtlich klar verankerte eigentumskonzeptionen sind notwendig, um
vor willkürlicher aneignung durch jene zu schützen, die mehr macht besitzen.
gerade die knappheit eines gutes machte
definitionen notwendig, die die verwendung
dieses gutes regelten, um sicherheit zu schaffen.
die notwendigkeit von persönlichem eigentum wegzudenken ist nur möglich, indem
man ein naives idealisiertes menschenbild entwirft, wie das in anarchistischen
und kommunistischen theorien geschen ist.
nichtknappe güter sind etwas völlig anderes und gerade ihre nichtknappheit
macht sie zu etwas, was kein eigentum von irgendjemand sein kann.
geistiges eigentum ist ein instrument zur künstlichen verknappung und wird
als solches gerade bei "digitalen gütern", bei denen sich die eigentliche
nichtknappheit dann ganz offentsichtlich zeigt, als "unnatürlich" empfunden.
GE war ursprünglich eine (notwendige(?))
hilfkonstruktion, um _zeitlich_eng_begrenzte_
schutzrechte für nichtknappe güter in positivem recht verankern zu können.
das war erstens eine vielleicht nicht ganz unwichtige voraussetzung zur
herausbildund der modernen westlichen gesellschaft, anderseits birgt diese
voraussetzung in sich das potential zur
pervertierung, indem >geistiges eigentum<
ontologisch zu >eigentum< transformiert wird.

> GPL BSD CC usw

das problem, das ich mit der GPL und CC habe, ist eigentlich das, dass sie nur
auf basis von copyright/urheberrecht
funktionieren können. sie sind das richtige-im-falschen,
haben das fundamentale problem, dann nicht mehr funktionieren zu können,
wenn es das "falsche" nicht gäbe.

sven.
sascha brossmann
2005-08-17 15:10:35 UTC
Permalink
on 8/16/05 2:15 PM, sven wrote:
> auf der idee geistigen eigentums basierende gesetzte haben dafür die
> grundlage geschaffen und das nicht erst seit heute sondern schon
> seit mindestens 1710 (statute of anne).

wenn man das ganze ein wenig weiter betrachtet sogar schon erheblich
früher. siehe z.b. machlup, fritz: report to the subcommittee on
patents, trademarks and copyrights of the u.s. senate judiciary comm.,
1958, dt. in: gewerblicher rechtsschutz und urheberrecht, nr. ??/1961.
online u.a. unter http://www.sffo.de/sffo/machlup1.htm (nochmal danke
an ***@gnuwhv.de für den hinweis <g>). der text kann übrigens nichts
für die umgebung, in der er liegt. >;->

> problematisch an massenkultur scheint zu sein, dass die
> definitionmacht, was massenkultur ist, in den händen derer liegt,
> die auch die macht über die distributionskanäle von kultur besitzen.

das zumindest ist die klassische wahrnehmung von machtverhältnissen u.
-strukturen in (nicht nur) diesem bereich. das problem, das ich
allerdings mit "definitionsmacht" - allemal dieser grössenordnung -
habe, ist, dass es die masse der rezipientensubjekte auch in gewisser
hinsicht zu willenlosen idioten degradiert, die zu einer "freien"
entscheidung im grunde nicht in der lage sind. sollte das der fall
sein, sind aber auch ideen wie "demokratie" und konsorten letztendlich
sinnlos (zu den konsequenzen siehe z.b. lenin, der historisch
erheblich mehr dreck am stecken hat, als man in manchen kreisen gerne
wahrhaben will). akzeptiere ich aber, dass nicht nur ich, sondern auch
der nette proll von nebenan in einem hinreichenden mass über
"entscheidungsfreiheit" verfügt, dann ist die herrschende (sic!)
massenkultur etc. auch eine folgeerscheinung der ästhetischen und
sonstigen präferenzen ihrer rezipienten und mithin von diesen auch
*gewollt*, ob es mir passt oder nicht. das mag durchaus in gewisser
hinsicht beeinflussbar sein, ich glaube aber mitnichten, dass das
letztendlich gegen den willen der betroffenen funktioniert. in dem
zusammenhang kann ich mich z.b. vage an eine studie zur "bild"
erinnern, in der u.a. deutlich wurde, dass sie letztendlich nicht nur
"meinung macht" sondern in erster linie meinungen bedient. (quelle
leider entfallen, vermutlich ca. anfang bis mitte 80er jahre, bin für
hinweise dankbar) das bedeutet aber letztendlich, dass es sich bei der
"definitionsmacht" nicht um eine mehr oder weniger einseitige ausübung
von "macht" handelt, sondern vielmehr um einen rückkopplungsmechanismus
und/oder ein emergentes fänomen. das alles ist nicht ganz ohne brisanz,
wenn man es vor hintergründen wie z.b. "faschismusschuld" etc. betrachtet:
bestand die mehrheit der deutschen nun aus (mit-)tätern oder armen
propagandaopfern? ich für meinen teil neige deutlich in richtung "täter",
wenngleich auch einigen die systemischen auswirkungen ihrer
alltagsentscheidungen möglicherweise nicht voll bewusst waren.

von alldem allerdings nicht berührt ist das problem unterschiedlicher
bildungsprivilegien und intellektueller voraussetzungen durch
gene, herkunft, sonstiges soziales umfeld etc.

> zwischen einem knappem (materiellem) und nichtknappem
> (immateriellem) gut bestehen fundamentale unterschiede.

jein. ich befürchte, dass diese sichtweise den sachverhalt unzulässig
verkürzt, denn nicht-knapp ist bei "GE" nur das "produkt" in seiner
immateriellen distributionsform, nicht aber die für den produktions-
und distributionsprozess notwendigen ressourcen. das ist derzeit
unproblematisch, solange das in akademischen kontexten stattfindet,
denn dort sorgt i.d.r. der institutionelle überbau für die ausstattung
mit den notwendigen ressourcen, von der infrastruktur bis hin zum
lebensunterhalt. weswegen es z.b. nicht im geringsten einzusehen ist,
warum akademische arbeiten (oder auch mit sonstigen gesellschaftlichen
fördermitteln entstandene werke) nicht samt und sonders frei
elektronisch publiziert werden. ausserhalb dieses in dieser hinsicht
privilegierten bereichs sieht es aber anders aus. und das lässt sich
nicht einfach ausklammern. eine ökonomie aber, die die
produktionsbedingungen und -voraussetzungen missachtet, ist keine. und
hier gilt es nach wie vor, einen ansatz zu finden, der auch *das*
hinreichend berücksichtigt. die verstiegenen unverschämtheiten der
wegelagerer der copyrightindustrie von MPAA bis BSA und ähnlicher
banden sind es hoffentlich nicht.

> GE war ursprünglich eine (notwendige(?)) hilfkonstruktion, um
> _zeitlich_eng_begrenzte_ schutzrechte für nichtknappe güter in
> positivem recht verankern zu können. das war erstens eine vielleicht
> nicht ganz unwichtige voraussetzung zur herausbildund der modernen
> westlichen gesellschaft, anderseits birgt diese voraussetzung in
> sich das potential zur pervertierung, indem >geistiges eigentum<
> ontologisch zu >eigentum< transformiert wird.

à propos: "denn die drucktechnik versprach befreiung aus der
vormundschaft traditioneller eliten. diese vision einer
verallgemeinerung von wissen lässt sich jedoch nur denken auf der
grundlage einer sich abzeichnenden marktwirtschaft, das heisst freier
tausch von waren gegen geld. nicht nur die menschliche arbeitskraft,
sondern auch das menschliche wissen wird damit plötzlich zu einer
ware. allein der kauf des buches berechtigt fürderhin zur nutzung von
informationen." [kloock, daniela/spahr, angela (hrg.): medientheorien.
eine einführung, 2. aufl., münchen: fink, 2000, p. 258] das zitat
nimmt bezug auf giesicke, michael: der buchdruck in der frühen
neuzeit.

auf den ersten blick ein paradoxon: der buchdruck, der zuvorderst eine
befreiung des wissens bewirkt hat, führt über damit verknüpfte
marktwirtschaftliche folgekonstruktionen wie "geistiges eigentum" etc.
auf lange sicht zum gegenteil. ich bin zwar kein freund solch simpler
kausalketten anstelle komplexerer wirkungsgeflechte, dennoch als these
ggf. überprüfenswert, gerade im aktuellen kontext.

> das problem, das ich mit der GPL und CC habe, ist eigentlich das,
> dass sie nur auf basis von copyright/urheberrecht funktionieren
> können. sie sind das richtige-im-falschen, haben das fundamentale
> problem, dann nicht mehr funktionieren zu können, wenn es das
> "falsche" nicht gäbe.

ja. allerdings ist das auch irrelevant: sie sind ja nur im "falschen"
notwendig, im "richtigen" wären sie 'eh überflüssig. <g>

liebe grüsse


sascha
jan hendrik brueggemeier
2005-08-16 20:02:17 UTC
Permalink
schon mal hier geschaut? --> http://print.google.com/


By Bambi Francisco, MarketWatch
Last Update: 3:31 PM ET Aug. 15, 2005

SAN FRANCISCO (MarketWatch): Google's digital library on hold

-- It comes down to opting in or opting out. Google (GOOG: news, chart,
profile) has shelved its ambitious library project
-- to scan every book in the world
-- for three months to allow copyright holders time to opt out of being
scanned and included in Google's index.

The scanning of books has been suspended so that "any and all copyright
holders can tell us which books they'd prefer that we not scan if we find
them in a library," said Adam Smith, Google's print product manager, on
Google's blog.
But the Association of American Publishers says that the opt-out option is
not good enough.
"The rights of copyright owners, like those of patent owners, are
established within an opt-in framework, rather than an opt-out framework,"
said Allan Adler, vice president of legal & government affairs at the trade
association, in an e-mail.
"This means that, subject only to specific limitations established by
federal law, the rights of a copyright owner are exclusive to the copyright
owner and cannot be exercised by anyone else unless and until the copyright
owner has opted in to such an exercise by a prior grant of permission."
Since launching Google Print nearly a year ago, Google has relied on fair
use to defend the legality of its activities, attorneys said.
Google's plan to halt this project comes nearly a year after launching
Google Print back in October 2004, calling it a way "for publishers to make
their books discoverable by the millions of people who search on Google."
The problem with an opt-out framework is that "anyone and everyone" would be
able to "freely reproduce and distribute copies of a copyrighted work unless
and until the copyright owner becomes aware of the activity and objects to
it," according to Adler.
It is still unclear how much money Google can make with its ambitious
library project, but apparently making money has been the least of its
problems.

------------------------------------------------------------------------
You can receive this daily column via e-mail: You can also subscribe to Net
Sense, Bambi's weekly commentary. See Net Sense: Baidu's wake-up call. Click
here to sign up. Newsletter sign-up page.
Till Nikolaus von Heiseler
2005-08-16 20:48:39 UTC
Permalink
Mein Problem ist, dass ich derzeit kein Geld habe, einen Anwalt zu nehmen.
Meine Rechtsschutzversicherung hat mir mitgeteilt, dass dies ein Fall für die
Haftpflicht wäre, die ich nicht besitze. Ich werde mich also selbst verteidigen
müssen. Oder hat jemand eine andere Idee?
Glück zu allen!
till



Brigitte Gajewski <***@gajewskiart.de> schrieb am 15.08.05 20:02:15:
>
> At 19:39 Uhr +0200 15.08.2005, Florian Cramer wrote:
> >Am Montag, 15. August 2005 um 16:26:14 Uhr (+0200) schrieb Till
> >Nikolaus von Heiseler:
> >....
> >
> >> Natürlich ist es absurd, 50.000 Euro als Streitwert anzusetzen.
> >> Denn wenn der Verlag das Buch für 20 Euro verkauft, 7 die
> >> Buchhandlung bekommt, 5 die Herstellung und 3 der Vertrieb
> >> kostet, dann bleiben 5 Euro Gewinn. Das würde heißen, dass
> >> die Umsatzeinbuße von 50.000 Euro 10.000 verkauften
> >> Exemplaren WENIGER entspräche und das in drei Monaten,
> >> d.h. dass der Umsatz im monatlichen Durchschnitt um 3.000 Exemplare,
> >> wegen der Verbreitung im Internet ZURÜCKGEGANGEN sein müsste.
> >> Das müsste also in der Bilanz zu sehen sein.
> >
> >Wahrscheinlich sind wir in dieser Mailingliste bei solchen Details
> >überfragt. Falls hier Profi-Juristen mitlesen, dürfen sie meines Wissens
> >keine Rechtsauskunft erteilen. Der common sense muß sich nicht
> >unbedingt mit der juristischen Auffassung von entstandenem Schaden
> >decken, und solche Spekulationen helfen nicht weiter.
> >
> >Hier hilft Euch nur eines weiter, ein guter Anwalt. (Vielleicht Thomas
> >Stadler, der Alvar Freude vor Gericht vertreten und in zweiter Instanz
> >zum Freispruch verholfen hat? Oder Till Kreuzer vom Institut für
> >Rechtsfragen von Freier und Open Source-Software?)
> ....
>
> RA Krieger waere vielleicht auch noch ein Ansprechpartner. Er war
> zusammen mit Thomas Stadler im "freedomforlinks" e.V. aktiv.
> http://www.transpatent.com/advobook/edit0004.html
>
> Brigitte
> --
> Brigitte Gajewski
> http://www.gajewskiart.de


_________________________________________________________________________
Mit der Gruppen-SMS von WEB.DE FreeMail können Sie eine SMS an alle
Freunde gleichzeitig schicken: http://freemail.web.de/features/?mc=021179
sven
2005-08-16 21:07:01 UTC
Permalink
>
>Mein Problem ist, dass ich derzeit kein Geld habe, einen Anwalt zu nehmen.
>Meine Rechtsschutzversicherung hat mir mitgeteilt, dass dies ein Fall für die
>Haftpflicht wäre, die ich nicht besitze. Ich
>werde mich also selbst verteidigen
>müssen. Oder hat jemand eine andere Idee?
>Glück zu allen!
>till

ich würde empfehlen, mal auf der wissensallmende
liste die problematik zu schildern.
dort lesen auch eine ganze menge anwälte mit.
http://listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/attac-wissensallmende-aktive

sven.
Till Nikolaus von Heiseler
2005-08-18 19:15:48 UTC
Permalink
> > > Modell-Anspruch angetreten und weitgehend gescheitert. Letztlich kamen
> > > die wichtigen netzkulturellen Impulse, von der Urheberrechtsdebatte bis
> > > zu Techniken wie Weblogs und Wikis, aus der Freien Software-Szene und
> > > nicht von Künstlern und Medienkritikern.
> >
> > zur ehrenrettung(?) der kunst muss man aber sagen, dass technische impulse
> > im grunde noch nie sache der künstler waren. auch was gesellschaftliche
> > impulse im allgemeinen betrifft, habe ich da eher so meine zweifel... in
> > beiderlei hinsicht sind z.b. die naturwissenschaften vermutlich wesentlich
> > relevanter. der rest riecht eher nach selbstüberschätzung
> > ("allmachtsfantasien in kunst und design" wäre mal ein nettes thema.)
>
> Klar. Doch wenn ich mir die PDF-Faksimiles der alten Nummern von
> "Radical Software" aus den frühen 70er Jahren durchlese
> <http://www.radicalsoftware.org> oder den "Radio Alice"-Band von Merve,
> gewinne ich zumindest die Illusion, daß die experimentellen Künste
> damals erheblich mehr zur Entwicklung unabhängiger Medien beigetragen
> haben, als dies heute im Internet der Fall ist. Andererseits könnte man
> argumentieren, daß die heute viel breitere, nichtkünstlerische
> Partizipation an solchen Entwicklungen genau das ist, was die
> experimentellen Künste und Medienutopien damals erreichen wollten. Die
> Medien-Experimentalkünste arbeiteten, wenn man so will, damals
> hegelianisch an ihrem eigenen Ende und hatten damit erstaunlicherweise
> sogar Erfolg. ;-)
>
> -F
>

Die isolierten künstlerischen Versuche waren Anstrengungen, die der Logik der
Kunst folgten, d.h. sie wollten durch die paradoxe Beziehung zur Tradition
Geltung erlangen (ganz schön ausgeführt bei Groys „Über das Neue“). Kunst
wie auch Wissenschaft haben eben keinen gesellschaftlichen Anspruch,
sondern schieben diesen nur vor, um ihre eigenen Interessen, die auf
der individuellen Ebene Karriere-Interessen sind, zu verfolgen.

Nun aber sind wir historisch an einem Punkt angelangt, an dem sich gewisse
Theorien zusammenfügen könnten. Die zu entwickelnde Theorie könnte mediale
Prozesse dann (das tut die biologische Evolutionstheorie schon lange) als
Zusammenspiel von Code und Emergenz fassen. Nun braucht es einen Begriff,
der den Übergang zur Praxis leistet. Hier kann es nicht um Kunstwerke gehen,
nicht um Software, die nur Möglichkeiten schafft und keine Wirklichkeiten.
Unsere These ist, dass es weniger darum geht, eine immer avanciertere Technik
zu entwickeln, sondern darum, die bestehenden technischen Möglichkeiten in
anderer Weise zu nutzen und jene Punkte auszumachen, wo Konventionen
und tradierte Formate uns daran hindern, die Chancen der Gegenwart zu ergreifen.
Mit operativ herbeigeführten Brüchen, mit der Einführung von Spielregeln, mit
Entscheidungen für ungewöhnlichen Einsatz von Medien, mit Übertragungen von
Strukturen, Arbeitsweisen und Proportionen von einem Medium auf ein anderes,
mit der Neukombination von ästhetischer und semantischer Dimension, mit
experimenteller Adressierung (vgl. http://www.wmg-seminar.de/html/adressierung.htm )
u.a. soll der Möglichkeitsraum, der in der Differenz zwischen dem Potential des
physischen Mediums einerseits und seinem Gebrauch andererseits liegt, theoretisch
und praktisch erkundet werden. Um diesen Differenzraum zu erforschen, bedarf
es einerseits technischen und praktischen Wissens (um die Möglichkeiten des
physikalischen Mediums nicht nur zu kennen, sondern auch nutzen zu können)
und andererseits einer Analyse der Formate
(vgl. http://www.wmg-seminar.de/html/formate.htm) und ihrer zwingenden Attraktivität.

Da aber auch die Theorie sich in Formaten entwickelt, ist eine Selbstanwendung
möglich. Eine Medien- und Formattheorie könnte sich also nicht nur als Theorie in
Medien und Formaten verstehen, sondern die diskursiven Bedingungen ihrer Ausbildung
operativ berühren. Diese experimentellen Formate müssten vor dem Horizont ihrer
möglichen globalen Wirkung reflektiert werden. Hierbei müsste man zunächst auf einem
gewissen Abstraktionsniveau ansetzen: Sender/Empfänger-Verhältnisse, Transparenz,
formalisierte Wege zu jeder internen Position, etc. etc.

Um Derartiges zu leisten, braucht man ein gewisses Maß an wissenschaftlichem und
künstlerischem Verstand. Der Zentralpunkt allerdings liegt in der Fähigkeit der
Konzeption und Inszenierung von experimentellen Formaten. Dies verlangt Qualitäten,
die dann eher aus dem Theater, dem Dokumentarfilm oder einer bestimmten Art von
Performance kommen.

Anfangen könnte man mit einem „Formatlabor“, aber davon vielleicht ein andermal mehr.

Glück zu allen!
till

__________________________________________________________________________
Erweitern Sie FreeMail zu einem noch leistungsstärkeren E-Mail-Postfach!
Mehr Infos unter http://freemail.web.de/home/landingpad/?mc=021131
Florian Cramer
2005-08-19 04:50:30 UTC
Permalink
Am Donnerstag, 18. August 2005 um 14:13:58 Uhr (+0200) schrieb Till
Nikolaus von Heiseler:

> Kunst wie auch Wissenschaft haben eben keinen gesellschaftlichen
> Anspruch, sondern schieben diesen nur vor, um ihre eigenen Interessen,
> die auf der individuellen Ebene Karriere-Interessen sind, zu
> verfolgen.

Deine Aussage impliziert, daß die individuelle Ebene nicht die
einzige ist. Wenn es aber auch nicht-individuelle Interessen gibt, sind
diese qua Logik nun einmal gesellschaftliche Interessen. Es wäre doch
naiv zu glauben, daß - um mal im engeren Themengebiet dieser Liste zu
bleiben - z.B. computerkryptographische Forschung und, im Feld der
Künste, ein Computerspiel wie "Die Sims" keinen gesellschaftlichen
Anspruch haben. Mal abgesehen davon, daß natürlich auch ein
Karriere-Interesse ein gesellschaftlicher Anspruch ist.

Ansonsten halte ich zumindest Deinen Kunstbegriff, wie auch den von
Luhmann und Groys, für extrem verengt. Auch hier auf der Liste gibt es
häufig Mißverständnisse, weil die einen mit Kunst westlich-autonome
Kunstbetriebs-Kunst meinen und die anderen Künste und künstlerische
Artikulation im allgemeinsten Sinne. Aber die Debatte hatten wir ja hier
schon einmal.

> Hier kann es nicht um Kunstwerke gehen,
> nicht um Software, die nur Möglichkeiten schafft und keine Wirklichkeiten.

Das ist aber ein seltsamer Begriff von Wirklichkeit. Selbstverständlich
schafft doch ein Kunstwerk eine Wirklichkeit - oder definiert
Wirklichkeit (bzw. ihre Wahrnehmung) sogar neu, wie es etwa die abstrakte
Malerei Anfang des 20. Jahrhunderts getan hat oder ein Roman wie
"Ulysses". Und Computersoftware schafft sehr unmittelbar Wirklichkeit
z.B. dann, wenn sie in einer Bankzentrale läuft und mir nach dreimaligem
Vertippen meiner PIN-Nummer meine Kontokarte sperrt.

> Unsere These ist, dass es weniger darum geht, eine immer avanciertere Technik
> zu entwickeln, sondern darum, die bestehenden technischen Möglichkeiten in
> anderer Weise zu nutzen und jene Punkte auszumachen, wo Konventionen
> und tradierte Formate uns daran hindern, die Chancen der Gegenwart zu ergreifen.

Klar, aber ist das nicht schon immer das Programm kritischer und
experimenteller Netzkunst- und -kultur gewesen, z.B. als Nettime mit dem
Anspruch eines Gegendiskurses der (mit dem Dotcom-Crash weitgehend
untergegangenen) sog. "kalifornischen Ideologie" von Wired,
Extroprianern & Co. gegründet wurde oder die Net.art mit low tech gegen
die Silicon Graphics-Installationen im ZKM, MIT und auf der ars
electronica antrat? Und haben nicht Künstler wie z.B. 01.org,
ubermorgen.com und Cornelia Sollfrank in ihren jeweiligen Entwicklungen
gezeigt, wie man den technologischen Aufwand sogar noch radikaler
herunterkochen kann, um mit minimalen Interventionen Konventionen zu
auszuhebeln?

Es stimmt allerdings, daß die Ansprüche, die Du oben anführst, oft auch
bei denen verfehlt worden sind, die sie ursprünglich im Schilde führten,
und es immer wieder nötig ist, sie zu erneuern.

> Mit operativ herbeigeführten Brüchen, mit der Einführung von Spielregeln, mit
> Entscheidungen für ungewöhnlichen Einsatz von Medien, mit Übertragungen von
> Strukturen, Arbeitsweisen und Proportionen von einem Medium auf ein anderes,
> mit der Neukombination von ästhetischer und semantischer Dimension, mit
> experimenteller Adressierung (vgl. http://www.wmg-seminar.de/html/adressierung.htm )
> u.a. soll der Möglichkeitsraum, der in der Differenz zwischen dem Potential des
> physischen Mediums einerseits und seinem Gebrauch andererseits liegt, theoretisch
> und praktisch erkundet werden.

Darin sehe ich aber kein besonderes Handlungsprogramm, sondern eine
generische Beschreibung dessen, was gute experimentelle Kunst (die ja
zwangsläufig auch Technik- bzw. Medienexperiment ist) tut und schon
immer gemacht hat. Mit dem obigen Absatz paßt z.B. problemlos auf
Oulipo, Fluxus, Situationisten, Dadaisten, Experimentalfilmer,
Netzkünstler.

> Da aber auch die Theorie sich in Formaten entwickelt, ist eine Selbstanwendung
> möglich.

D'accord. Allerdings finde ich das Experiment mit Formaten in der
Theorie oft eine zweischneidige Sache. Es führt entweder zu brillanten
oder zumindest interessanten Ergebnissen - Aby Warburgs Atlanten fielen
mir spontan ein, Roland Barthes "S/Z", Derridas "Glas" oder Hofstadters
"Gödel, Escher, Bach". Im schlimmsten und leider typischen Fall führt es
jedoch zu einer Ästhetisierung und Stilisierung von Theorie, die sich
"hip" gibt, um erstens eine Distanz zum Publikum zu schaffen und
zweitens halbgare, oder ungenaues Denken und Arbeiten zu kaschieren.
Dies z.B. werfe ich fast allen sogenannten "kulturlinken"
"Pop-Intellektuellen" vor. Insofern sympathisiere ich mit einem gewissen
Format-Konservativismus - also z.B. klassischen Vortragserzählungen,
Aufsätzen und altmodischen Einführungen - dann, wenn Vermittlung von
Wissen, einschließlich Wissen über zeitgenössische Kunst und Kultur,
gefragt ist. Das heißt nicht, daß man Formate nicht in Frage stellen und
Rituale sprengen sollte. Aber man muß dabei aufpassen, daß dies nicht in
Jargon, Guru-Shows und einen selbstgefälligen, voraufklärerischen
Zynismus gegenüber dem Publikum umkippt.

> Eine Medien- und Formattheorie könnte sich also nicht nur als Theorie in
> Medien und Formaten verstehen, sondern die diskursiven Bedingungen ihrer Ausbildung
> operativ berühren.

Auch da finde ich das konservative Gegenargument nicht verkehrt. Ich
glaube z.B., daß man zumindest im Erststudium sich am besten zum
(sog.) Medienwissenschaftler ausbilden kann, indem man klassische
geisteswissenschaftliche Fächer studiert und
Medien- bzw. Kulturwissenschaft als Nebenfach belegt oder ganz drauf
verzichtet, wenn man von Computern und elektronischen Medien sowieso
schon mehr versteht als der Professor. Ein gutes Forschungsgebiet
ist nicht automatisch auch ein gutes Lehrfach, und man kann dann am
besten interdisziplinär arbeiten, wenn sich Universalisten mit
verschiedenen fachlichen Spezialisierungen bzw. Hintergründen treffen.
Es hat Vorteile, erst durch eine konventionelle, "alte" Schule gegangen
zu sein und dann eigenständig deren Parameter über Haufen werfen zu
können, anstatt in der Ausbildung von Anfang an und permanent mit dem
Über-Haufen-Werfen von Parametern und Paradigmen konfrontiert zu werden,
die man noch gar nicht richtig kennt. Deshalb gelten fürs experimentelle
Herumschrauben an der Ausbildung dieselben Vorsichtsgründe wie für
experimentelle Theorieformate. Was natürlich nicht heißt, daß man es
nicht punktuell versuchen sollte.

-F

--
http://cramer.netzliteratur.net
sascha brossmann
2005-08-22 07:42:33 UTC
Permalink
on 8/18/05 11:53 PM, Florian Cramer wrote:
> (...) Und Computersoftware schafft sehr unmittelbar Wirklichkeit
> z.B. dann, wenn sie in einer Bankzentrale läuft und mir nach dreimaligem
> Vertippen meiner PIN-Nummer meine Kontokarte sperrt.

selbst das ist noch ein ziemlich enger und eher volkspsychologischer
wirklichkeitsbegriff, nicht? wenn ich (nach wie vor relativ naiv formuliert)
"wirklichkeit" z.b. als "zustände und vorgänge, die von einem beliebigen,
'neutralen'/gutwilligen beobachter registriert werden könnten" definiere,
dann manipuliert (wirklichkeit lässt sich eigentlich nicht "schaffen")
software permanent "wirklichkeit". und sei es nur in form von zuständen
elektromagnetischer felder etc. -- in der regel aber auch auf "darüber"
liegenden betrachtungsebenen.

> Es hat Vorteile, erst durch eine konventionelle, "alte" Schule gegangen
> zu sein und dann eigenständig deren Parameter über Haufen werfen zu
> können, anstatt in der Ausbildung von Anfang an und permanent mit dem
> Über-Haufen-Werfen von Parametern und Paradigmen konfrontiert zu werden,
> die man noch gar nicht richtig kennt.

ACK. ich weiss zwar nicht, ob man die entsprechende "alte schule" unbedingt
vollständig durchlaufen haben muss, um sie umwerfen zu können, aber man
sollte doch bitte sehr zumindest wissen, wovon man spricht bzw. was man da
umwirft und im günstigeren fall vielleicht auch _weshalb_ und _wozu_. eine
gute akademische ausbildung sollte m.e. übrigens beides umfassen: die
historischen wie aktuellen paradigmata *und* die mechanismen ihrer kritik
und überwindung oder ablösung. man könnte in dem zusammenhang auch noch
begriffe wie "akademische redlichkeit" o.ä. in die runde werfen, aber die
ist ggf. mehr hehre vorstellung als praxis (und das vermutlich schon seit
ewigkeiten) und dürfte das bis zur 100%igen ethisch-moralischen
perfektionierung der menschheit auch bleiben (ich hoffe allerdings zutiefst
auf deren ausbleiben). wenigstens öffentliches auslachen und/oder ausbuhen
der posenden möchtegernrevoluzzer sollte aber schon drin sein. selbiges darf
selbstverständlich auch den alten schulen zuteil werden, wobei auch hier
nach wie vor gilt: wer buht oder auslacht, sollte wissen, warum.

(nebenbei: ein *umsturz*, zu dem einen noch jemand *anleiten* muss?!?)

eine andere betrachtung -- sprich: wertschätzung -- verdient m.e. übrigens
das "jugendliche", "naive", "unbedarfte", "unbelesene", "unkonventionelle"
undsoweiter herangehen an fragestellungen (ob theoretischer oder praktischer
natur spielt dabei keine rolle). das hat allerdings nichts mit einem
treudoofen über-den-haufen-werfen irgendwelcher (ggf. ebenso treudoofer)
paradigmata zu tun, sondern höchstens mit deren (eher unabsichtlicher)
unkenntnis und kann daher durchaus einige qualitäten (eigenständigkeit,
unvoreingenommenheit etc.) beinhalten. dinge, die die jeweiligen
platzhirsche in einigen fällen nicht mehr besitzen (sofern sie es je taten)
und deshalb auch gerne mal als ausschlusskriterium vorschieben. als herrlich
positives beispiel für "gesunde" "naivität" kann man im bereich der
wissenschaften z.b. einen alan m. turing nehmen, dessen gesamte art und
weise nichtsdestotrotz den ikonoklastische blasen werfenden
schaumschlägertypen diametral entgegengesetzt war. und für den umkehrschluss
gilt im übrigen sowieso das übliche für umkehrschlüsse... ;-)

herzlich

sascha
--
:: ***@brsma.de ::. :: .. :... . .... . . . . . .
:: www.brsma.de :: ..: .:. . :.. ..: . . . . . .
:: icq #121790750 ::.: .:. :. ::. .. . .. . . . .
:: public key id 0x2EA549A0 ::.. :: . . . . .. . . .
sascha brossmann
2005-08-19 06:59:00 UTC
Permalink
on 8/18/05 2:13 PM, Till Nikolaus von Heiseler wrote:
> Kunst wie auch Wissenschaft haben eben keinen gesellschaftlichen
> Anspruch, sondern schieben diesen nur vor, um ihre eigenen Interessen,
> die auf der individuellen Ebene Karriere-Interessen sind, zu verfolgen.

eins: "gesellschaftlicher anspruch" ungleich "gesellschaftliche
auswirkungen". zwei: was meint "gesellschaftlicher anspruch"? je nachdem wie
man den definiert, lässt sich der nämlich durchaus auch für kunst &
wissenschaft konstatieren, zumindest historisch ("aufklärung" sei ein
stichwort). zweikommafünf: möglicherweise dann allerdings nicht
deckungsgleich mit "gesellschaftlicher anspruch, so wie ihn der till sich
vorstellen könnte". abgesehen davon, drei: in der an komplexität nicht
gerade armen welt mit solch grosszügiger, omnipotenter geste
pauschalisierend von "der" kunst und "der" wissenschaft und deren interessen
zu sprechen, erweckt bei mir, vier: den milden anschein sehr handfester züge
fantastischer megalomanie.

noch eins, was die resttextur betrifft: ich habe den mehr als ungefähren
verdacht, dass es sich bei den visionären worten um etwas anderes handelt:
nämlich "unsinn" (wittgenstein) oder auch einfach "käse" (frau antje aus
holland). ich _verstehe_ es nämlich offen gestanden nicht, absolut _nichts_
davon, all diese ungefähr surrenden begriffswolken verschleiern mir den
blick. möglichweise irre ich mich hier aber auch, mea culpa, und meinem
trüben, abgestandenen verstand gebricht es schlicht an zweieinhalb
zusätzlich erforderlichen luziden dimensionen. lässt sich das alles im
letzteren fall vielleicht auch etwas klarer und konkreter formulieren,
passend für mein armes, minderdimensionales gemüt?

> Um Derartiges zu leisten, braucht man ein gewisses Maß an wissenschaftlichem und
> künstlerischem Verstand.

ja, unbedingt, das scheint mir für die zukunft eine wirklich gute idee und
sollte auf keinen fall unversucht bleiben. bin schon gespannt! >;->


sascha
--
:: ***@brsma.de ::. :: .. :... . .... . . . . . .
:: www.brsma.de :: ..: .:. . :.. ..: . . . . . .
:: icq #121790750 ::.: .:. :. ::. .. . .. . . . .
:: public key id 0x2EA549A0 ::.. :: . . . . .. . . .
Sophia Nabokov
2005-08-20 18:49:59 UTC
Permalink
an brossmann:
...also, ich muss sagen, ich finde das schon ziemlich
schade. damals hast du ja auch mit dem aggressiven
verkünden deines halbwissens den mediendiskurs und das
wiki kaputt geschrieben. wo du ja dann auch das
AUSMERZEN aller Fremdworte o.ä. gefordert hast. klar,
ein kind plärrt, wenn die erwachsenen sprechen, weil
es aufmerksamkeit benötigt und nichts versteht _; aber
vielleicht kannst du dir die aufmerksamkeit woanders
besorgen... (das fänd ich dann sehr nett von dir).

wir könnten ja über die liste mal ein paar kontakte
für dich machen, ich habe auch eine bekannte, die
design studiert, und nett und hübsch ist und
garantiert keine Fremdworte gebraucht, darüber hinaus
ist sie noch ein bisschen nymphomanisch veranlagt,
vielleicht können wir dich mal mit ihr
zusammenbringen. unter rein therapeutischen
gesichtspunkten natürlich ;-)...


an alle:
damals bei der Mediendiskussion hatte ich versucht,
eben nicht dieses Re-writing zu machen, sondern mal so
was wie „archivarische Ästhetik“ zu versuchen und habe
eine art Cut-up von dem damaligen Diskurs gemacht. wer
sich dafür interessiert, dem schicke ich das ding
gerne zu.

eure sophia


--- sascha brossmann <***@brsma.in-berlin.de>
schrieb:

> on 8/18/05 2:13 PM, Till Nikolaus von Heiseler
> wrote:
> > Kunst wie auch Wissenschaft haben eben keinen
> gesellschaftlichen
> > Anspruch, sondern schieben diesen nur vor, um ihre
> eigenen Interessen,
> > die auf der individuellen Ebene
> Karriere-Interessen sind, zu verfolgen.
>
> eins: "gesellschaftlicher anspruch" ungleich
> "gesellschaftliche
> auswirkungen". zwei: was meint "gesellschaftlicher
> anspruch"? je nachdem wie
> man den definiert, lässt sich der nämlich durchaus
> auch für kunst &
> wissenschaft konstatieren, zumindest historisch
> ("aufklärung" sei ein
> stichwort). zweikommafünf: möglicherweise dann
> allerdings nicht
> deckungsgleich mit "gesellschaftlicher anspruch, so
> wie ihn der till sich
> vorstellen könnte". abgesehen davon, drei: in der an
> komplexität nicht
> gerade armen welt mit solch grosszügiger,
> omnipotenter geste
> pauschalisierend von "der" kunst und "der"
> wissenschaft und deren interessen
> zu sprechen, erweckt bei mir, vier: den milden
> anschein sehr handfester züge
> fantastischer megalomanie.
>
> noch eins, was die resttextur betrifft: ich habe den
> mehr als ungefähren
> verdacht, dass es sich bei den visionären worten um
> etwas anderes handelt:
> nämlich "unsinn" (wittgenstein) oder auch einfach
> "käse" (frau antje aus
> holland). ich _verstehe_ es nämlich offen gestanden
> nicht, absolut _nichts_
> davon, all diese ungefähr surrenden begriffswolken
> verschleiern mir den
> blick. möglichweise irre ich mich hier aber auch,
> mea culpa, und meinem
> trüben, abgestandenen verstand gebricht es schlicht
> an zweieinhalb
> zusätzlich erforderlichen luziden dimensionen. lässt
> sich das alles im
> letzteren fall vielleicht auch etwas klarer und
> konkreter formulieren,
> passend für mein armes, minderdimensionales gemüt?
>
> > Um Derartiges zu leisten, braucht man ein gewisses
> Maß an wissenschaftlichem und
> > künstlerischem Verstand.
>
> ja, unbedingt, das scheint mir für die zukunft eine
> wirklich gute idee und
> sollte auf keinen fall unversucht bleiben. bin schon
> gespannt! >;->
>
>
> sascha
> --
> :: ***@brsma.de ::. :: .. :... . .... . . . .
> . .
> :: www.brsma.de :: ..: .:. . :.. ..: . . . .
> . .
> :: icq #121790750 ::.: .:. :. ::. .. . .. .
> . . .
> :: public key id 0x2EA549A0 ::.. :: . . . . ..
> . . .
>
> > --
> rohrpost - deutschsprachige Liste zur Kultur
> digitaler Medien und Netze
> Archiv: http://www.nettime.org/rohrpost
> http://post.openoffice.de/pipermail/rohrpost/
> Ent/Subskribieren:
http://post.openoffice.de/cgi-bin/mailman/listinfo/rohrpost/





___________________________________________________________
Gesendet von Yahoo! Mail - Jetzt mit 1GB Speicher kostenlos - Hier anmelden: http://mail.yahoo.de
Sophia Nabokov
2005-08-24 22:33:31 UTC
Permalink
an brossmann:
also, ich denk mal, dass ich dich irgendwie verletzt
habe, und du darum nun so um dich schlägst auf das
stichwort „Zinnsoldat des Neoliberalismus“; aber ich
habe tatsächlich auch einige bestätigung bekommen, was
deine Rolle betrifft, was damals den mediendiskurs
angeht und auch das wiki. aus wien, glaub ich, schrieb
mir jemand, dass sie dass gerade diskutieren, was
solche leute, wie du in wikis und mailinglisten
anrichten können und dass man dann einfach ziemlich
hilflos ist.

aber ich denke, jetzt ist das auch wirklich genug mit
den vorwürfen und mein vorschlag wäre, das ganze zu
vergessen und du nicht mehr so ausklingst und wir uns
über dich auch nicht mehr lustig machen oder dir
vorhaltungen machen, weil du so ausgeklingt bist, das
passiert jedem mal, denk ich. Ich würde lieber mal
fragen, wie kommt es, dass in listen immer die gefahr
besteht, dass man in so eine hick-hack-situation
kommt.

was ist der unterschied zwischen wenn man sich trifft
und der situation in einer liste?
irgendwie gibt es, wenn man sich sieht, eine
kontrolle, die ziemlich wirkt. aber wie geht man damit
um? welche listen funktionieren? und kann man da noch
etwas zu sagen? also was ist es genau, was da der
unterschied ist und wie wird man kontrolliert, wenn
man sich trifft? das würde mich sehr interessieren...


liebe grüße,
sophia



--- sascha brossmann <***@brsma.in-berlin.de>
schrieb:

> na, aus der übung? schade, du hattest den tonfall
> schonmal besser drauf, der
> sprachduktus ist dir diesmal aber leider etwas arg
> inkohärent geraten. :-p
> turingtest nicht bestanden. versuch's doch nochmal,
> die röhrpost ist gerade
> 'eh ein wenig fade, da tut ein wenig abwechslung
> ganz gut...
>
> herzliche grüsse
>
>
> sascha
>





___________________________________________________________
Gesendet von Yahoo! Mail - Jetzt mit 1GB Speicher kostenlos - Hier anmelden: http://mail.yahoo.de
Continue reading on narkive:
Loading...